Von Lory Roebuck aus Florenz

Die Uhr tickt. Robert Langdon rennt durch die historische Altstadt. Augen offen, Geist wach, immer auf der Suche nach neuen Hinweisen. Viel Zeit bleibt nicht. Die Hölle des mittelalterlichen Dichters Dante Alighieri droht Wirklichkeit zu werden, eine tödliche Pest auszubrechen. Ausgerechnet in Dantes Heimatstadt Florenz. Hier, an einem der Schauplätze des Films, treffen wir Hollywoodschauspieler Tom Hanks zum Gespräch. Der Langdon-Darsteller hat nach «Sakrileg – The Da Vinci Code» (2006) und «Illuminati» (2009) die Welt von Bestsellerautor Dan Brown ein weiteres Mal auf die Leinwand gebracht.

Tom Hanks, Sie schlüpfen bereits zum dritten Mal in die Rolle des Symbologie-Professors Robert Langdon. Was gefällt Ihnen an Dan Browns Romanheld?
Tom Hanks: Schauen Sie mich mal an. Ich könnte nie den härtesten Kerl der Welt spielen. Nicht mit diesem Gesicht, dieser Nase und dieser Stimme. Die Rolle von Robert Langdon verschafft mir eine einzigartige Möglichkeit: Ich kann den smartesten Kerl der Welt spielen. Das kann ich vorschwindeln. Und was diesen Film angeht: Wer würde schon auf eine kostenlose Reise nach Florenz verzichten?

Eine grosse Portion von «Inferno» wurde an den historischen Schauplätzen dieser Stadt gedreht. Was macht für Sie den Reiz von Florenz aus?
Diese Stadt ist das Herz der Renaissance, hier ist Geschichte lebendig. Als Filmschaffender hast du Zutritt zu viel mehr Orten als ein Tourist. Und wenn du früh am Morgen zur Arbeit gehst, dann spazierst du über die Ponte Vecchio direkt in den prächtigen Boboli-Garten. Meine tollste Erfahrung machte ich aber, als ich an einem drehfreien Tag eine Wäscherei aufsuchte – und dort völlig unbehelligt Prosciutto, Käse und guten Wein geniessen durfte.

Florenz ist auch die Heimatstadt von Dante. Der Dichter entwarf im 14. Jahrhundert eine Vorstellung der Hölle, die nun im Film «Inferno» Wirklichkeit zu werden droht. Wie stellen Sie sich die Hölle vor?
Nun, Dan Browns Begriff der Hölle ist ja, ein Buch zu schreiben, von dem er nicht weiss, wie es ausgehen soll (lacht). Bei mir ist es eher der Moment, wenn ich morgens in den Badezimmerspiegel schaue und denke: Was zur Hölle ist mit mir passiert?

Thema des Films ist die weltweite Überbevölkerung. Ein Wissenschafter entwickelt ein tödliches Virus, das die halbe Erdbevölkerung auslöschen soll. Seine Methoden sind verwerflich – aber können Sie seine Sorgen ein Stück weit nachvollziehen?
James-Bond-Schurken wollen ja auch immer die halbe Bevölkerung töten – um am Ende reich zu werden. Der Schurke in «Inferno» dagegen tut es, um die Probleme der Welt zu bekämpfen. Das führt zu einer spannenden Diskussion. Man muss ja nicht allzu weit in die Ferne blicken, um die Folgen von Überbevölkerung zu bezeugen: wirtschaftliches Chaos und riesige Umweltschäden. An all diesen Problemen tragen wir selbst Schuld – aber wir können sie auch selbst lösen. Wenn wir gemeinsam nach den richtigen Antworten suchen.

Stichwort Umweltschäden: Wie stark würden Sie Ihren eigenen Alltag auf den Kopf stellen, um die Umwelt zu schonen?
Das ist ein spannendes Thema. Ich finde, jeder von uns muss seinen eigenen kleinen Beitrag leisten. Als 13-Jähriger lernte ich, was Recycling bedeutet. Seither ist mir das wichtig. Und seit 2003 fahre ich elektrische Autos, und zwar nicht bloss, weil mich die Technologie interessiert. Mit meinem ersten elektrischen Wagen bin ich über 100 000 Meilen gefahren – das sind über 100 000 Meilen, ohne einen einzigen Tropfen Benzin zu verbrennen. Wenn jeder von uns jeden Morgen eine Entscheidung der Umwelt zuliebe fällt, dann sind wir auf dem richtigen Weg.

Was erachten Sie als grösste Bedrohung für die Menschheit?
Ignoranz. Die Vorstellung, dass man komplexen Problemen mit grob vereinfachten Lösungen begegnen kann. Die Menschheit steht heute an einem Scheideweg. Wenn wir uns von Ignoranz umnebeln lassen, statt auf Bildung, Verstand und Erleuchtung zu bauen, ist das gefährlich. Denken Sie nur an die Lage im Mittleren Osten. Oder an die Entscheidung, die wir Amerikaner alle vier Jahre bei der Präsidentschaftswahl fällen müssen.

Sie sind kein Anhänger von Donald Trump. Dan Browns Romanen wird vorgeworfen, dass sie – ähnlich wie Trump – Verschwörungstheorien und Paranoia beschwören.
Verschwörungstheorien faszinieren, denn jeder will eine Meinung dazu haben. Ich sehe es so: Mit einer Verschwörung will man entweder jemanden beschuldigen oder seine Macht festigen. Die meisten Verschwörungen lassen aber einen wichtigen Aspekt der Menschheitsgeschichte ausser acht: Niemand kann auf ewig ein Geheimnis wahren. Am Ende bricht jede Verschwörungstheorie auseinander.

Auseinanderzubrechen, so hat man manchmal den Eindruck, droht auch Dan Browns Konstrukt aus Rätseln und Verschwörungen.
Beim Drehen war uns wichtig, dass die Geschichte Sinn macht. Langdons Abenteuer spielen sich immer innerhalb von 24 Stunden ab. Die physische Logik ist also wichtig, aber auch die Frage: Was wissen wir bereits, was lernen wir erst noch? Wenn wir nicht glaubwürdig sind, verlieren wir die Aufmerksamkeit der Zuschauer.

Wie haben Sie es mit Puzzles und Geheimnissen? Gibt es auch in Ihrem Leben ein Rätsel, an dem Sie sich wie Robert Langdon abnagen?
Ich poste auf Social Media Bilder von verlorenen Gegenständen wie Handschuhen, die dann manchmal wieder ihren Besitzer finden ... Aber was grosse Rätsel in meinem Leben angeht: Puh, das ist eine sehr philosophische Frage. Herrgott, ich bin doch nur hier, um einen Film zu promoten! (Lacht)

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