Die Ausstellung von Pipilotti Rist (53) im Kunsthaus Zürich steht zuoberst auf unserer Liste der Highlights für 2016. Denn lange sahen wir nicht mehr was richtig Grosses, Übersichtliches von ihr in der Schweiz. Gross werde es, verspricht Kunsthaus-Kuratorin Mirjam Varadinis. Auch sie findet, nach dieser langen Karriere sei ein Auftritt für die in Zürich lebende Künstlerin überfällig.

Was bedeutet das «Heimspiel» Pipilotti Rist selber? «Natürlich fühlt es sich als grösseren Berg an, wenn die Ausstellung in der Heimat stattfindet und ich die Menschen persönlich kenne und mag.» Und dann kommt ein typischer Nachsatz für die als Paradiesvogel geltende und doch so praktische Künstlerin: «Es wird auch schön sein, am Abend zu Hause zu schlafen und wenn was fehle, es im Atelier holen zu können.»

Abgehoben hat Pipilotti Rist nie. Allüren? Höchstens zum Selbst-Schutz. Denn Veranstaltungen, Menschenansammlungen mag die im Grund scheue Frau nicht. Lieber sagt sie Sätze wie: «Jeder Mensch hat gleich viel Fantasie wie ich. Aber mein Beruf ist es, die Fantasie ernst zu nehmen.» Mit ihrer Fantasie hat Pipilotti Rist immer verschwenderisch agiert. Und auch mit sich selber. Sie hat keine Hemmungen, sich selber ins Bild zu rücken. Oder sich – wenns denn sein muss – zu exponieren, sodass man nie weiss: Ist sie so oder spielt sie nur. Erinnert sei an ihre Auftritte als kurzfristige Direktorin der «Expo 01» mit blauen Haaren und in Schweizer Tracht.

Es ist der Mix aus gesellschaftlich relevanten Themen – wie Feminismus, Körper, Sexualität –, der technischen Perfektion und ihren süffig leichten wie überwältigend schönen Bildern, mit dem sie uns bezirzt und fesselt. Dazu kommt Musik: In den Anfängen von der Frauenband «Les Reines Prochaines», bei der sie einst mitgesungen hat. Und in den letzten Jahren entwickelte sie sie meist mit Anders Guggisberg. Mit sphärischen und rotierenden Tönen und Bildern werden wir eingelullt, bis wir nicht mehr wissen, wo unten und oben ist – und uns manchmal gerne auf die Kissen legen und versinken.

Teamwork ist ihr wichtig – und für die aufwendigen Arbeiten notwendig. Eigentlich führt Pipilotti Rist ein KMU, das Atelier Rist GmbH mit zwei Vollzeit- und zwei Teilzeitangestellten. Dazu engagiert sie je nach Projekt diverse Freelancer.

Ob der Schönheit vergisst man oft, dass ihre Arbeiten immer auch technische Experimente und Entwicklungen sind. Ihre ganze Entwicklung werde gezeigt, verspricht Varadinis, von den ersten technisch einfachen Filmen bis zu einer technischen Neuheit, einer grossen Installation. Die Künstlerin erklärts so: «Pixel, die im Raum hängen, bilden eine Art explodierenden Bildschirm, durch den die Besucher wandern können. Dieser Pixelwald gehört in die Versuchsreihe, das Viereck der Displays aufzulösen.»

Fehler, Bildstörungen oder raue Töne schrecken Pipilotti Rist nicht – sehen Sie sich nur ihre Cover-Version des Beatles-Songs «I’m Not The Girl Who Misses Much» an! Oder das Video «Open My Glade» (öffne meine Lichtung), in dem sie Gesicht und Hände an eine Scheibe presst, als ob sie in einem Bildschirm gefangen sei. Die Bilder verblüfften 2000 die New Yorker auf dem Times Square. Und Tabus? Die bricht oder thematisiert sie mutig: Sie liess Autoscheiben einschlagen, feierte Menstruationsblut oder schuf den «Pickelporno».

Dazu passt auch der Titel der kommenden Ausstellung: «Dein Speichel ist mein Taucheranzug im Ozean des Schmerzes». Auf den Einwand, wenn der nicht von Pipilotti Rist stammte, würde so was nicht durchgehen, kontert Mirjam Varadinis: «Aber er stammt eben von Pipilotti Rist.» Und er sei so assoziativ wie ihre Arbeiten. «Eigentlich eine Kette von typischen Ingredienzen und Gefühlen: Von Wasser, Körpersäften und Melancholie.» Der Titel sei übrigens eine Liedzeile, die Pipilotti Rist schon vor längerem geschrieben habe.

Selbst Gedichte schreibt Pipilotti Rist. Und sie spielt gerne mit Sprache. Wir fragten sie also nach einer Selbstdefinition. «Ich bin ein Kolibri mit Bärentatzen, sanft in der Software gefesselt, weiter interessiert an der Farbtemperatur, Wikipedia-süchtig, ein Walross in Menschform, nett und böse, widersprüchlich mit Blutgruppe A+.»

Da haben wir sie wieder, die Verspielte, die mit «Pepperminta» 2009 den buntesten Kinofilm drehte (der floppte), die mit ihren riesigen Kunst-am-Bau-Arbeiten die Welt von St. Gallen und Basel bis Wien und New York verblüfft, weltweit von Museen gezeigt, und die in den Top 10 der internationalen Künstlerlisten gehandelt wird. Ist sie stolz darauf? «Es ist sehr spannend, für verschiedenste Kulturkreise zu arbeiten und zu merken, wie ähnlich wir doch sind. Als Schweizer Künstlerin fürchte ich mich aber vor der nächsten Abstimmung am 28. Februar. Die müssen wir unbedingt ablehnen. Für zwei Millionen in der Schweiz Lebende gälten fundamentale Menschenrechte nicht mehr.» Auch das ist Pipilotti Rist. Eine engagierte Künstlerin, die für die Rasa-Intitiative und damit gegen die Abschottung der Schweiz kämpft und als Erstunterzeichnerin für Lohngleichheit.

Pipilotti Rist: «Dein Speichel ist mein Taucheranzug im Ozean des Schmerzes». Kunsthaus Zürich, 26. Februar bis 8. Mai 2016.

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