Ein Schweizer führt die globale satirische Gegenbewegung zu US-Präsident Donald Trump mit an. Vor zwei Wochen sorgte eine holländische Late-Night-Show mit einem Clip für Aufsehen, in dem sie Trump auf selbstironische Weise überzeugen wollte, wieso nach «America first» an zweiter Stelle gleich Holland komme. Seitdem haben sich unter der Führung des deutschen Satirikers Jan Böhmermann Dutzende Late-Night-Shows zusammengeschlossen und nach holländischem Vorbild Spots produziert. Keine der Adaptionen ist so erfolgreich wie jene des Schweizer Late-Night-Showmasters Dominic Deville.

Herr Deville, wie fühlt es sich an, viral zu gehen?
Dominic Deville: Wie eine digitale Erkältung, einfach im positiven Sinn. Ich bin ja eigentlich überhaupt nicht der digitale Typ. Die ersten 48 Stunden liess es mich auch kalt. Ich brauchte ein, zwei Tage, bis ich realisierte, was hier passiert ist.

Zehn Millionen Menschen sahen euren Clip auf Youtube.
Ja, aber DJ Antoine hat mit «Ma Chérie» 57 Millionen Clicks. Ganz ehrlich: Diese Zahlen sagen mir nichts. Ist wie eine fremde Währung für mich. Offenbar kommt das Video erst jetzt in den USA langsam ins Rollen. Sogar die «New York Times» hat in der Printausgabe über uns geschrieben. Es könnten also noch mehr werden. Aber es war ja nicht unsere Idee. Die Holländer hatten sie. Und wir haben einfach die Hausaufgaben von Jan Böhmermann gelöst.

Der deutsche Late-Night-Talker Jan Böhmermann rief einfach an und fragte, ob ihr Lust habt mitzumachen?
Ganz genau so. Wir hatten Skype-Sitzung mit fünf europäischen Late-Night-Sendungen. Es war so etwas wie ein European Trump Contest. Ich hoffe, es ergeben sich neue Möglichkeiten zur Zusammenarbeit. Es ist tatsächlich auch schon eine Show auf uns zugekommen und hat gefragt, ob wir etwas für sie schreiben.

Ausser dem holländischen Original hat kein Clip der «America First»Reihe mehr Clicks als die Schweiz. Eigentlich ist es sehr erstaunlich. Gerade unser Clip ...
Haben Sie gerade «unser» Clip gesagt?

Ein peinlicher Versprecher, entschuldigen Sie.
Nein, Sie müssen sich nicht entschuldigen. Schön, haben wir Ihre patriotischen Gefühle geweckt.

Worauf ich hinauswollte: Ihr Clip ist eigentlich eine sehr scharfe und sarkastische Selbstkritik an der Schweiz.
Das ist genau der Grund, wieso die Idee der Holländer so genial ist. Sie funktioniert auf alle Seiten. Wer die Schweiz kritisch betrachtet, der versteht den Sarkasmus unseres Clips. Aber wir hatten zum Teil auch begeisterte Kommentare von Menschen, die nicht unbedingt für eine kritische Grundhaltung gegenüber der Schweiz bekannt sind.

Wenn man Ihre Late-Night-Show «Deville» anschaut, fällt auf, dass sie immer politischer wird.
Für uns war klar, dass es immer Platz für Blödsinn haben muss. Wir machen keine politische Wochenrückschau. Wenn wir jetzt generell politischer wirken, hat das sicher auch mit Trump zu tun. In Zeiten, wo so eine Person das mächtigste Land der Welt übernimmt, kann man nicht mehr auf Telefon-Scherzli und versteckte Kameras setzen. Aber wir versuchen, von Trump wegzukommen.

Ach ja?
Ja, in unserem Autorenraum hängt ein Plakat «Switzerland first». Nicht jede Pointe muss auf Trump enden. Aber um auf die Frage zurückzukommen: Ich war immer politisch. Mir ist es auch sehr wichtig, dass unsere Sendung eine Haltung hat. Aber mir fällt es einfach sehr schwer, in der Sendung CVP oder FDP zu sagen.

Die Sendung läuft jetzt fast ein Jahr. Um mal die Sportlerfrage zu stellen: Wie fühlen Sie sich?
Vor zwei Wochen wäre es noch ein anderes Grundgefühl gewesen. Durch diesen viralen Hit haben wir massiv Aufmerksamkeit bekommen. Darum fühlen wir uns jetzt sehr gut. Unser Problem war ja nie eine negative Presse. Unser Problem war, dass wir gar nicht stattfanden. Das war schon ein gewisser Frust. Wir reissen uns auf gut Deutsch Woche für Woche den Arsch auf, um etwas Neues, Kreatives zu schaffen -–und es kommt einfach wenig bis keine Rückmeldung. Die Quoten waren auch nicht berauschend.

Sie waren schlechter als bei Müslüm oder Michel Gammenthaler.
Das ist doch klar. Gammenthaler und Müslüm sind bekannter. Ich war ein No-Name. Aber vom SRF hätte ich mir manchmal schon ein klareres Bekenntnis zum derzeit einzigen satirischen Format im Schweizer Fernsehen gewünscht. Wir merken jetzt in den ersten Sendungen nach unserem viralen Hit, dass mehr Zuschauer einschalten und uns im Web anklicken. Und die Medien interessieren sich auch plötzlich. Das hat uns bisher gefehlt.

Sie fühlten sich vom SRF etwas an den Rand gedrückt?
Wir sind zum Sender sehr loyal. Er gab uns die Chance, das ist nicht selbstverständlich. Trotzdem, gopfertelli, wieso zieht man es nicht richtig durch?

Was meinen Sie? Den Sendeplatz am Freitag um 23.40 Uhr?
Der Sendeplatz ist nicht das Hauptproblem. Aber ich verstehe zum Beispiel bis heute nicht, wieso wir auf SRF nicht zumindest mit einem Trailer beworben werden. Manchmal kam es mir vor, als wären wir die Ausrede für das SRF, à la «Seht, wir machen etwas für die Jungen». Aber ich habe ein gutes Gefühl. Und «Switzerland Second» half sicher. Auch das SRF hat sich sehr für uns gefreut.

«Deville» wird es weiter geben?
Es sieht gut aus für die Staffel im Herbst. Danach gehen wir über die Bücher.

Gibt es Dinge, die Sie am Anfang der Sendung falsch gemacht haben?
Ich unterschätzte den Unterschied zwischen Fernsehen und Theaterbühne. Man spielt für ein unsichtbares Publikum, und wenn man die nur einmal vergisst, dann haben sie schon abgeschaltet.

Was wohltuend auffällt: «Deville» setzt einen anderen Ton, sieht anders aus, hat andere Gäste ...
Das ist ein schwieriges Thema. Die Gäste. Es gab einen Grund, wieso Giacobbo/Müller vor allem Politiker einluden, sie kommen immer und sind sich gewohnt, aufs Dach zu kriegen. Ich dachte, die Leute würden uns die Bude einrennen. Aber viele Wunschgäste mussten wir streichen.

Sie träumten von Erich von Däniken.
Erich von Däniken ist nicht mehr auf der Liste. Find ich nicht schlimm, seine Aktivitäten auf Twitter deuten darauf hin, dass er zu viel Kontakt mit Ausserirdischen hatte. Aber DJ Bobo, der Kanye West der Schweiz, den hätte ich sehr gern. Und es sieht gar nicht so schlecht aus.

Viel Glück! Wissen Sie eigentlich, dass nur ein SRF-Clip mehr Klicks erhielt als Ihr Switzerland Second?
Nein, wer?

Helene Fischer.
Ah, das ist ehrenvoll. Eine gute Gegnerin.

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