Die Queen und Madonna machens, auch Michael Ringier und Christoph Blocher: Kunst sammeln. Madonna soll ein etwas heterogenes, aber sehr teures Konglomerat angekauft haben, Verleger Michael Ringier besitzt eine der grössten Sammlungen zeitgenössischer Kunst und Christoph Blocher Schweizer Kunst aus der Jahrhundertwende. Einzig die Queen musste nicht bei null anfangen. Im englischen Königshaus sammelte sich über die Jahrhunderte einiges an Kunst an. Etwas geschmäcklerisch sind die Statuen nackter Frauen, die Königin Victoria ihrem Gatten Albert alljährlich zum Geburtstag schenkte und die heute im Treppenhaus des Buckingham-Palastes stehen. In Windsor lagert dagegen die weltweit wohl beste Sammlung von Da-Vinci-Zeichnungen.

Viele der bedeutenden Sammler aber trugen ihre Kollektionen selber zusammen. Sie begannen manchmal gar mit wenig Geld. Denn Kunst sammeln oder – sagen wir vorsichtiger – Kunst kaufen ist kein Privileg von Millionären. Und Kunst kostet auch selten Millionen. Aber wie macht man das? Wie hast du angefangen, wird die Kunstkritikerin oft gefragt.

Jeder grosse Sammler fing mit einem Werk an. Christoph Blocher mit einer bescheidenen Zeichnung von Albert Anker und Hubert Looser, der vor kurzem seine Sammlung dem Kunsthaus Zürich schenkte, mit einem günstigen Grafikblatt.

Andere sollen gar Bilder aus Zeitschriften ausgeschnitten, gerahmt, aufgehängt und sich daran erfreut haben.

Man mag darüber lächeln wie ich heute selber über meine eigenen «Anfänge». In meinem Teenager-Zimmer hingen Poster: «Die brennende Giraffe» von Salvador Dalí, eine Abstraktion von Wassily Kandinsky und die «Flora» aus Botticellis Primavera. Zugegeben, eine etwas peinliche Kombination. Später trieben mich die leeren Wände der ersten eigenen Wohnung an, Kunst zu suchen, vor allem in den Galerien der Umgebung. Der Eintritt ist gratis, und an den Vernissagen sind die Künstler anwesend. Und beim Verein für Originalgrafik entdeckte ich tolle Holzschnitte, Radierungen und Fotoarbeiten bekannter Schweizer in sorgfältigen Klein-Editionen.

Da ein kleines Täfelchen einer Malerin, dort eine Lithografie eines bekannten Künstlers und bald das erste richtige Gemälde. Öl auf Holz. «Landscape and Miracle»» von Valentin Hauri (1987 für 1000 Franken gekauft) begleitet mich bis heute: Es hat nach jedem Umzug wieder einen Platz bekommen.

Jeder Kauf, jede neue Bekanntschaft mit Künstlerinnen und Künstlern haben Lust auf mehr und Mut gemacht. So wagte ich mich bald an die Vorbesichtigungen von Auktionen und Kunstmessen. In Zeitschriften und Kunsthäusern mit aktueller Kunst holte ich mir Informationen und schulte meinen Blick. Leiten liess ich mich von meinen Vorlieben und dem Vorsatz: Es muss heutige Kunst sein. Ich entschied meist intuitiv und spontan oder liess mir ein Werk auch mal für ein, zwei Tage reservieren. So kamen ein Video von Pipilotti Rist (unlimitierte Kassette für 30 Franken, heute leider unspielbar), ein Multiple von Markus Raetz (zirka 300 Franken), ein textiles Bild von Ruth Maria Obrist (wohl um 1000 Franken) und einiges mehr dazu.

Als ich bei einem der ersten Besuche der Art Basel eine wunderbare, grosse Kohlezeichnung der jungen Baslerin Stephanie Grob für 900 Franken erwarb, fand ich mich mutig. Heute kostet es mich ein Lächeln und keine Überwindung mehr, die Galeristen nach Preis und Hintergrund einer Künstlerin zu fragen. Sie geben gern Auskunft. Denn Kunst vermitteln ist ihre Leidenschaft und «ihre» Künstler promoten ihr Beruf.

Wagen Sie es! Gelegenheiten bieten sich bald: Die Kunst Zürich öffnet am 29. Oktober. Mit 80 Galerien ist die Messe in Zürich Oerlikon überschaubar, das Angebot an zeitgenössischer und bezahlbarer Kunst ist hier Programm. Am Kunstsupermarkt Solothurn (13. November bis 10. Januar) offerieren 89 Kunstschaffende Werke zu Preisen von 99 bis 599 Franken: Die Spreu vom Weizen zu trennen, ist allerdings anspruchsvoll.

Auf Flohmärkten einen echten Rembrandt zu entdecken, ist eher Märchen als Realität. Aber vielleicht erstöbert man trotzdem ein nostalgisches Stück oder auch nur einen hübschen Rahmen.

Gute Originalgrafik findet man nicht nur beim Verein für Originalgrafik, auch Museen und Galerien bringen regelmässig Editionen heraus. Das ist die Chance, um von einem «grossen Namen» ein günstiges Original zu erwerben.

Auktionen: Im November kommen bei Germann Zürich, Koller Zürich, Fischer Luzern und im Auktionshaus Zofingen Hunderte von Werken an (Schweizer) Kunst zum Ausruf. Neben Blue-Chips wie Hodler, Anker oder Segantini solide Klassiker ab 1000 Franken. Das Angebot lässt sich ab Ende Oktober in Ausstellungen, gedruckten Katalogen oder bequem online vorbesichtigen.

Als Ort der Kauf-Verlockung erweist sich für mich alljährlich die Jahres-Ausstellung – wie sie die Kunstmuseen in jedem Kanton organisieren. Hier hängen von einer Fachjury ausgewählte, aktuelle Arbeiten der einheimischen Künstlerschaft. Eine hervorragende Plattform, um sich eine Übersicht zu verschaffen – und zu kaufen. Glücklich bin ich, dass ich mich 1988 von einem schwarzschimmernden gewellten Papier der damals noch unbekannten, aber schon 60-jährigen Maia Aeschbach bezirzen liess. Das Werk aus Grafit, Farbstift und Schweineschmalz gehört bis heute zu meinen liebsten. Es kostete unter 1000 Franken. Ob es heute mehr Wert hat? Wohl schon, denn eine Ausstellung im Aargauer Kunsthaus würdigte vor zwei Jahren die Künstlerin, man nahm sie – endlich – breiter wahr.

Eignet sich Kunst als Wertanlage? Vielleicht. Aber Achtung, Kunst ist Risiko-Investment. Wer sehr viel Geld hat, dem raten Fachleute, auf grosse Namen und Spitzenwerke zu setzen. Die halten. Vielleicht. Aber auch ob Kunst von lokalen Künstlern oder Lieblingen ihrer Zeit ihren Wert behält, ist unsicher. Werke von Jean Tinguely, Max Bill, Martin Disler oder Hans Erni kosteten in den letzten Lebensjahren der Künstler recht viel Geld – auf Auktionen sind sie heute deutlich günstiger zu haben.

Wichtiger als der Frankenwert ist doch, was Kunst bewirkt: Freude, Anregung – und auch etwas Stolz. Kommt dazu: Wer «echte» Kunst an den Wänden hängen hat, gilt so oder so etwas, wenns nicht gerade übler Kitsch ist.

Welches ist aber die richtige Kunst? Was einem gefällt. Werke, die einen anregen, die man nicht in einer halben Stunde definitiv gesehen hat. Gute Kunst ist mehrschichtig und mehrdeutig. Und schön ist, wenn man die Künstlerinnen und Künstler kennt, wenn Kunstwerke und ihr Erwerb mit Erinnerungen und Geschichten verbunden sind.

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