Der Schweizer «Tatort» hat ein Imageproblem. Behäbige Dialoge, blasse Ermittler, viele Klischees – die Kritik von Zuschauern und Presse war laut. Am Ostermontag strahlt das Schweizer Radio und Fernsehen die inzwischen sechste «Tatort»-Folge mit den Schweizer Kommissaren Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) aus. Inszeniert hat sie der aufstrebende Aargauer Regisseur Mike Schaerer («Stationspiraten»), der als Cutter bei Tobias Ineichens Folge «Skalpell» (2012) schon «Tatort»-Luft geschnuppert hat.

Wie schneidet sein Film «Zwischen zwei Welten» ab? Wir haben den neuen Schweizer «Tatort» vorab gesehen und werten ihn hinsichtlich der hartnäckigsten Kritikpunkte.

DIE HANDLUNG Flückiger und Ritschard untersuchen den Tod einer alleinstehenden Mutter. Sie ist von einer Brücke gestürzt und hinterlässt drei Kinder, jedes von einem anderen Vater. Dass die Kinder von einem Care-Team im Kinderspital betreut werden, passt dem Vater der Ältesten nicht. Er will selber für sein Mädchen sorgen. Vater zwei glänzt durch Abwesenheit, Vater drei hat das Kind seiner neuen Frau verschwiegen. Derweil bietet der Chef der Verstorbenen dem Ermittlerduo seine Hilfe an – er könne mit Toten kommunizieren.
Die Handlung sei überkonstruiert oder zu weit hergeholt, so das vernichtende Verdikt über frühere Folgen. «Zwischen zwei Welten» dagegen greift ein hochaktuelles Thema auf: Es geht um die Benachteiligung von Vätern beim Sorgerecht. Der Kampf der Männer um ihre Kinder ist der Kern der Geschichte. Das hat Brisanz und zieht den Zuschauer rein. Die Diskussion wird emotional geführt und hinterlässt selbst bei Flückiger und Ritschard Spuren. Krimispannung weicht Familiendrama. Die Esoterik-Schiene bleibt zweitrangig. (4 von 5 Punkten)

DIE DIALOGE Zehn Millionen Deutsche verfolgen jeweils die helvetischen Ermittlungen auf ARD. Für sie wird eine hochdeutsche Sprachfassung produziert. Weil die Originaldialoge schon mit Blick auf die Übersetzung verfasst werden, holpern die Mundart-Gespräche. Mike Schaerer und seine beiden Drehbuchautorinnen Eveline Stähelin und Josy Meier («Nebelgrind») aber haben keine Rücksicht auf die Synchronisation genommen. Ihr Augenmerk galt ganz dem «natürlichen Fluss» der Mundart. Die Schweizer Zuschauer können es ihnen danken: Die Dialoge sind umgangssprachlicher und viel weniger peinlich.
Leider unterhalten sich Flückiger und Ritschard praktisch nur über den laufenden Fall. Smalltalk findet nicht statt, über Privates wollen die beiden schon gar nicht reden. (3 von 5 Punkten)

DIE FIGUREN Die Deutschen «Tatort»-Ermittler haben Profil, weil private Nebenhandlungen ihre Besonderheiten sichtbar machen. Sie sind als Menschen spürbar. Die Figurenzeichnung beim Schweizer «Tatort» dagegen blieb bisher blass und unscharf. Dass Liz Richard in Dani Levys «Schmutzigem Donnerstag» als homosexuell geoutet wird, blieb (vom medialen Echo abgesehen) eine Randnotiz.
Mike Schaerer vertieft das nur wenig: In einer kurzen Szene spielt Liz mit ihrer Freundin Squash, drückt ihr einen Kuss auf den Mund. Ein Blogger erpresst sie später mit einem Foto davon, doch dann verpufft die Angelegenheit.
Auch Kommissar Flückiger, der die ganze Folge lang persönlich vom Fall berührt zu sein scheint, gibt nur sehr spät und sehr kurz einen privaten Einblick. (2 von 5 Punkten)

DER SCHAUPLATZ An dem Punkt scheiden sich die Geister. Kühe, Berge, touristische Aufnahmen von Luzern – die einen wollen die Schweiz in ihrer ganzen Schönheit abgebildet haben, die anderen den «Tatort» nicht auf einen Werbefilm reduziert sehen.
Mike Schaerer und seine Filmequipe halten es mit der zweiten Gruppe. In «Zwischen zwei Welten» ist kein einziges Luzerner Wahrzeichen zu sehen. Von Lokalkolorit keine Spur. Die Ermittlungen führen in dunkle Gassen, unscheinbare Wohnungen und verlassene Ecken. Es könnte eine x-beliebige Stadt sein.
Nur die vorbeihuschenden SBB-Waggons und Flückigers Bünzli-Chef sagen uns, dass wir in der Schweiz sind. Gut so. Der Film ist mit genug Figuren bevölkert, der Schauplatz muss nicht auch noch eine sein. (4 von 5 Punkten)

DIE INSZENIERUNG Mike Schaerer setzt konsequent auf die Handkamera, die Bilder wackeln. So wirkt es, als wären wir mitten im Geschehen und würden das Ermittlerduo auf Schritt und Tritt begleiten. Die unterkühlten Aufnahmen (blasse Farben, dunkle Einstellungen) und der ominöse elektronische Soundtrack stellen aber wieder Distanz her. Schade.
Und obwohl einzelne Szenen temporeich geschnitten sind, schreitet die Handlung wie bei früheren Folgen behäbig voran. Kurzweilig und flott zu sein, das ist nach wie vor nur Dani Levy mit seinem Fasnachts-«Tatort» gelungen. (2 von 5 Punkten)

FAZIT Auch «Zwischen zwei Welten» lässt Tempo und eine schärfere Figurenzeichnung vermissen. Doch die neueste Folge kann das ramponierte Image des Schweizer «Tatorts» in einigen Punkten deutlich aufpolieren.
Das Thema ist greifbarer, die Dialoge runder, und die Schweiz wird nicht als zu bewerbender Standort missbraucht. Der Schweizer Tatort ist noch nicht am Ziel angekommen, aber er befindet sich auf einem guten Weg dorthin. (3 von 5 Punkten)

Tatort: Zwischen zwei Welten auf SRF 1.
Ostermontag (21. April) um 20.05 Uhr.
Regie: Mike Schaerer. Mit Stefan Gubser, Delia Mayer.

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