Wer löst in der Schweiz Debatten aus und wer prägt sie? Wer gibt Impulse, setzt Themen und gibt Anstösse für Innovationen? Das Gottlieb-Duttweiler-Institut (GDI) hat in Zusammenarbeit mit der Software-Firma Galaxyadvisors für die «Schweiz am Sonntag» die 50 einflussreichsten Ideengeber und Themensetzer der Schweiz ermittelt.

Zuoberst auf der Liste der Top 50 steht der Schriftsteller Urs Widmer vor dem Literaturwissenschafter und Schriftsteller Peter von Matt. Auf Platz 3 folgt – für viele wohl überraschend – der Politiker und Historiker Christoph Mörgeli. Als erster Mann der Wirtschaft wurde der Ökonom und UBS-Präsident Axel Weber (Platz 4) ermittelt.

Insgesamt wird deutlich, dass die Gruppe der Autoren und Journalisten den stärksten Einfluss hat. In die Top 50 haben es 15 geschafft, was einem Anteil von 30 Prozent (siehe PDF) entspricht. Es folgt die Wirtschaft mit einem Anteil von 24 Prozent, knapp vor der Wissenschaft und der Politik. Mit sechs Prozent Anteil ist der Einfluss der Kunst und Architektur respektabel.

«Trotz erfolgreicher Durchökonomisierung der Welt wird der Markt der Ideen in der Schweiz nicht von Ökonomen, sondern von Kultur und Politik beherrscht», sagt Karin Frick vom GDI. Und vor allem: «Wer gut schreiben und Geschichten erzählen kann, hat mehr Einfluss. Und wer selber nicht schreiben kann, braucht eine gute PR-Maschine.» Ironischerweise zeige die naturwissenschaftliche Methode (untenstehender Artikel) zur Erhebung der Liste, dass «Geisteswissenschafter wichtiger sind». «Big Data braucht Big Stories. Wenn Mathematiker Einfluss messen, gewinnen die Dichter», sagt sie. Die neue Zeit und die neuen Medien würden die «Eloquenten und Wortgewandten favorisieren».

Deutlich untervertreten sind die Frauen. In die Top 10 der Ideengeber und Themensetzer hat es keine geschafft (auf der Liste der Top 50 rot markiert). Als einflussreichste Frau folgt Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf auf Rang 13 vor Magdalena Martullo Blocher (Rang 15) und der Literaturkritikerin Corina Caduff (Rang 16). Nur acht Frauen (16 Prozent) sind in den Top 50.

Für Karin Frick ist das keine Überraschung: «Das Ergebnis bildet die Realität ab.» Aber die Schweiz fällt im Vergleich zum globalen Ranking nicht ab. Nur die skandinavischen Länder seien in dieser Beziehung klar besser. Immerhin seien die Politikerinnen mit Widmer-Schlumpf sowie ihren Bundesrats-Kolleginnen Simonetta Sommaruga und Doris Leuthard gut vertreten. Die Frauen sind vor allem in der Wirtschaft und der Wissenschaft markant untervertreten.

Auffällig ist, dass niemand aus den Top 50 jünger als 40 Jahre ist. Der 37-jährige Schriftsteller Jonas Lüscher ist der Einzige, der es in die Top 125 geschafft hat – er wurde mit «Frühling der Barbaren» für den Deutschen Buchpreis nominiert. Die Dominanz der Älteren ist aber auch bei den globalen Denkern festzustellen. Das Ergebnis bestätigt damit die These des amerikanischen Soziologen Richard Sennett. Diese besagt, dass man 10 000 Stunden oder zehn Jahre üben oder arbeiten muss, um in seinem Fach ein Meister zu werden: Fehler machen, wiederholen, variieren, wiederholen.

Karin Frick geht davon aus, dass dies auch für Ideengeber und Themensetzer gilt, die ausserhalb eines engen Spezialgebiets bekannt und relevant werden wollen. «Auch im Echtzeitalter der neuen Medien dauert es Jahrzehnte, bis man als «thought leader» berühmt wird und die anderen den Genius erkennen und darüber reden und schreiben», sagt sie. Anders sieht es nur bei Start-ups und im Showbiz aus. Dort geht es gemäss anderen Untersuchungen von Peter Gloor sehr viel schneller, an die Spitze zu kommen.

Bemerkenswert ist, dass Schweizer in der globalen Infosphäre kaum Einfluss haben und nur wenig Resonanz erzeugen. Auf der Liste der 100 einflussreichsten Denker und «thought leader» sind nur die Theologen Tareq Ramadan (Platz 51) und Hans Küng (Platz 55) zu finden. «Die Schweizer lassen die Welt kalt», sagt Frick dazu. In der Schweiz ist der Einfluss von Küng (Rang 8) kleiner. Ramadan liegt hier nur auf Rang 59.

Auch der Einfluss der internationalen Stararchitekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron (Platz 118) ist kleiner als erwartet. Sie werden von Tilla Theus (Platz 20) geschlagen, die sich in der Schweiz mit den populären Restaurant-Umbauten und dem Bau des Fifa-Gebäudes einen Namen gemacht hat.



Eveline Widmer-Schlumpf ist die einflussreichste Schweizer Frau
Das Gottlieb-Duttweiler-Institut (GDI) hat mit dem Informatiker- und Trendforscher Peter Gloor in diesem Jahr schon ein globales Ranking der wichtigsten Denker («thought leaders») erstellt. Mit derselben wissenschaftlichen Methode hat er nun für die «Schweiz am Sonntag» die einflussreichsten Themensetzer und Ideengeber der Schweiz ermittelt.

Das Instrument: Zur Ermittlung der Liste wurde Peter Gloors Software «Condor» angewendet, die er am Massachusetts Institute of Technology entwickelt hat. Mit ihr kann der Forscher die Kommunikationsströme im Internet analysieren. «Das Internet ist heute der wichtigste Marktplatz für neue Ideen», sagt Karin Frick vom GDI «dort werden sie zuerst vorgestellt, verbreitet und am heftigsten diskutiert.» Wer wissen will, welchen Einfluss ein Denker heute hat, müsse darum «untersuchen, wie er im Netz positioniert ist und wie intensiv über ihn und seine Ideen in der virtuellen Infosphäre diskutiert wird».

Auswahl: Für die Startliste hat das GDI 183 bekannte Schweizer Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, Medien und Kultur ausgewählt, die mit ihren Ideen und Themen die Diskussion über die Zukunft der Schweiz beeinflussen, die fachübergreifend bekannt sind, in den Schweizer Medien genannt werden, einen Wikipedia-Eintrag haben. Im Unterschied zum globalen Ranking, das sich auf Denker (Wissenschaft) konzentriert, wurden für die Bestimmung der einflussreichsten Schweizer Ideengeber auch Personen aus Wirtschaft, Politik, Medien und Kultur eingeschlossen. Explizit ausgeschlossen wurden Vertreter aus Sport und Unterhaltung. Die Liste wurde vom GDI auf Basis von Medien-Recherchen und bestehenden Top-Listen erstellt.

Die Methode: Die Netzwerk-Analyse-Software von Gloor und seiner Firma Galaxyadvisors hat die Position der Ideengeber im Internet analysiert. Grundlage für die Analyse waren zwei unterschiedliche Umfelder: Die deutsche Wikipedia sowie deutschsprachige Blogs. In Blogs inbegriffen sind vor allem auch Artikel in Zeitungen, Zeitschriften und anderen Medien sowie ihre Reaktionen und auslösenden Debatten im Internet.

Die quantitative Erfassung ist nur der Anfang. Ähnlich wie Suchmaschinen analysiert «Condor» danach, wie relevant die Einträge, Seiten und Blogs sind sowie wie stark die Personen mit anderen wichtigen Ideengebern vernetzt sind. Die Bedeutung und der Einfluss einer Idee oder eines Themas wurden also nicht nur daran gemessen, wie gut sie in einem bestimmten Segment oder auf einer bestimmten Plattform ankommen, sondern auch daran, wie stark sie vernetzt und verlinkt sind. Führen viele Links zu der entsprechenden Seite? Gibt es Antworten auf Foreneinträge, Kommentare zu Blog-Einträgen? Gemäss dem Soziologen Randall Collins entsteht der Fortschritt des Denkens und der Ideen in Denker-Netzwerken. Die Messungen ermöglichen die Erstellung von Ranglisten für die Blogsphäre und Wikisphäre. Der Durchschnitt des Wikipedia- und des Blog-Rangs ergibt den «influence rank», den Rang auf der Liste der einflussreichsten Ideengeber und Themensetzer.

Die Wikisphäre: Die Position der Ideengeber in der Wikisphäre zeigt die mittel- und langfristige Bedeutung einer Person. Das heisst: Wer mit seinen Büchern und Beiträgen einen dauerhaften Einfluss auf die gesellschaftliche Debatte ausübt, wird in der Wikisphäre entsprechend nachhaltig gewürdigt. Auf den vorderen Rängen des Wiki-Ranks sind eher staatstragende Personen platziert.

Die Blogosphäre: Die Position der Ideengeber in den Blogs spiegelt den Diskurs, der von aktuellen Ereignissen beeinflusst sein kann. Das Ranking kann sich deshalb kurzfristig ändern und auch der Einfluss ist eher kurzfristig. So kann sich die Rangliste mit der Neuerscheinung eines Buches oder einem Skandal kurzfristig ändern. Auf den vorderen Rängen des Blog-Rankings sind eher Personen zu finden, die zu Kontroversen einladen, sie gar provozieren.

Die Beispiele: Vor allem bei Politikern wirkt sich die Kurzfristigkeit des Diskurses aus. Nationalrat Christoph Mörgeli (Blog-Rang 3) ist so weit vorne rangiert, weil die Affäre um seine Entlassung an der Universität Zürich eines der grossen Themen des Jahres waren. Ist sie beigelegt, dürfte er weiter hinten rangiert sein.

Auch Bundesrat Johann Schneider Ammanns hohe Platzierung (Blog-Rang 2) liegt daran, dass er als Volkswirtschaftsdirektor die Abstimmung zur brisanten Masseneinwanderung betreut. Dazu hat er das wichtige Freihandelsabkommen mit China abgeschlossen.

Am überraschendsten ist, dass Christoph Blocher nicht in den Top 50 figuriert. Er liegt zwar in der Wikisphäre auf Rang 3, im Blog-Ranking dafür abgeschlagen auf Platz 118. Das hat damit zu tun, dass sich der SVP-Übervater in letzter Zeit bei den grossen Diskussionen zurückgehalten hat und kaum mehr präsent war. Zusammen ergibt das nur Rang 64.

Auch Eveline Widmer-Schlumpf liegt im Blog-Ranking nur auf Platz 60. Grund: Als Finanzministerin steht sie zurzeit nicht im Mittelpunkt der aktuellen, brennenden Debatten. Dafür steht sie im Wiki-Ranking, als Person mit der nachhaltigsten Wirkung, auf Platz 1.

Langzeitwirkung hat auch Schriftsteller Thomas Hürlimann (Wiki-Rang 4). Obwohl er in den letzten zwei Jahren von der Bildfläche verschwunden ist, liegt der bedeutende Schriftsteller immer noch auf Gesamtrang 28.

Mit dem Rücktritt bei Zurich Insurance ist es auch um Joe Ackermann etwas ruhiger geworden. Blog-Rang 101 ist die logische Folge. Zusammen mit Wiki-Rang 2 ergibt das Rang 28 in der Rangliste der einflussreichsten Impulsgeber.

Global Thought Leader Ranking: http://www.gdi.ch/de/Think-Tank/Trend-News/Detail-Page/Die-Global-Thought-Leader-2013-br