Von Anna Kardos

W ilhelm wer? Tell? Nie gehört! Der Nationalheld als Fachwissen für Eingeweihte – das könnte in der Schweiz bald Realität sein. Denn nicht einmal mehr Schillers «Wilhelm Tell» ist im Lehrplan verbindlich vorgeschrieben.

So der Stand heute. Auch im künftigen «Lehrplan 21» gibt es für Volksschulen keine verbindliche Leseliste: «Die Lehrpersonen bestimmen selber, welche literarischen Werke sie im Unterricht besprechen. Da es keinen literarischen Kanon gibt, gibt es auch keine Werke, die verpflichtend im Unterricht bearbeitet werden müssen», heisst es etwa beim Bildungsdepartement des Kantons Aargau.

Vorbei also die Zeiten, als das «Totemügerli» durch die Reihen der Schulkinder geisterte. Als Jahr für Jahr literarische Schulreisen zu «Krabats» Mühle stattfanden und beim Wort «Biedermann» auch die Brandstifter mitschwangen. Vielleicht denken die Schüler von heute bei «Andorra» bald an ein Bade-Resort, beim «Blauen Siphon» an eine farblich abgestimmte Badezimmereinrichtung und suchen «Seldwyla» auf Google Maps.

Das war früher anders. Oder trügt die eigene Erinnerung? Haben früher nicht die meisten Schulklassen auf Oberstufen-Niveau grosse Schweizer Autoren gelesen? Eine Umfrage im Bekanntenkreis ergibt zumindest, dass die heute Überdreissigjährigen in der 8. Oder 9. Klasse allesamt ihre Portion Max Frisch verabreicht bekamen. Gottfried Kellers Schweizbild gehörte ebenso zur literarischen Allgemeinbildung wie Dürrenmatts Schweizgrotesken, die Götterwelt der klassischen Mythen oder «Romeo und Julia».

War es nur der damalige Zeitgeist, dem die Lehrer huldigten, wenn sie ihren Schülern die Klassiker der Literatur, insbesondere der Schweizer Literatur, zu lesen gaben? Verbindlich vorgeschrieben waren bestimmte Werke schon damals nicht, wie ein Blick in die älteren Lehrpläne zeigt. Immerhin aber hiess es etwa im Aargauer Lehrplan aus dem Jahr 1902 explizit, die Schülerinnen und Schüler sollten gegen Ende der Schulzeit «ausgewählte Musterstücke von bekannten Dichtern lesen».

Und der Lehrplan 1972 legte für die Bezirksschule fest, dass auf Schweizer Dichter einzugehen ist. Ähnlich sah es im Kanton Zürich aus. Dort war jedoch ein Stück Literatur obligatorisch: Schillers «Wilhelm Tell» – «und das wohl weniger aus literarischen Überlegungen», wie Martin Wendelspiess, Amtschef der Bildungsdirektion des Kantons Zürich, anmerkt.

Doch 1968 wurde in Zürich Tell zum alten Zopf, genauer: zum alten Bart erklärt und stracks aus dem Lehrplan gestrichen. Seither sehen uns die Lehrpläne als einig Volk ohne Dichter und Denker. Verschwindet damit auch eine gemeinsame Kultur, ein kollektives Wissen? Wie wird es sein, wenn wir bei den Worten «Sein oder Nichtsein» nur noch Bahnhof verstehen?

Martin Wendelspiess stellt fest: «Die Schule hat nicht die Aufgabe, das Verständnis für ein einzelnes Shakespeare-Zitat zu gewährleisten. Der Erwerb einer umfassenden literarischen Bildung liegt letztlich auch im Eigeninteresse jeder Bürgerin und jedes Bürgers.»

Das heisst: Selbst ist der Mann – auch der Leser. Der Haken dabei: Immer weniger Schüler lesen ausserhalb der Schule. Pisa 2009 hat gezeigt, dass rund die Hälfte der Jugendlichen nicht oder kaum zum Vergnügen liest. Das ist eher beunruhigend, denn Lesekompetenz hat mit Leseroutine zu tun, wie Pädagogen wissen. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Wenn Gretel im Schulunterricht nicht liest, wird Margarethe es in den meisten Fällen später erst recht nicht tun.

Erstaunlich ist dies nicht. Die Zeiten ändern sich und unsere Freizeitbeschäftigungen mit ihnen. Was früher das Buch, ist heute für viele das Facebook, und was einst die Zeitung, nun das Internet. Ein Rückgang der Lesekompetenz macht sich laut langjährigen Lehrkräften sogar in den Gymnasien bemerkbar. Und in den Realschulen ist im Deutschunterricht statt Lesen oft munteres Entziffern angesagt: «Bei einem Themenartikel in einer Tageszeitung, etwa über das ‹Glücklichsein›, haben viele meiner Realschüler Verständnisprobleme», erzählt Thomas Passerini, der sowohl auf Real- als auch auf Sekundarstufe unterrichtet. Und nicht nur die Komplexität, auch die Textmenge wird zur Knacknuss: «Als Hausaufgabe 10 Seiten Lektüre wäre eine regelrechte Überforderung», so Passerini.

Dennoch versucht er, das Lesen zu fördern – notfalls auf kleiner Flamme: mit Comics oder Tagebuchausschnitten, die unsere Geschichte erlebbar machen. Auch in den Bezirksschulen und Gymnasien führen die Lehrer inoffizielle Leselisten. Denn wer ausser ihnen kann ein Mindestmass an Literatur vermitteln? Erst recht in einem Umfeld, wo Lesen keine Selbstverständlichkeit ist? Sonst könnte in Zukunft tatsächlich wahr werden, dass jemand bei Wilhelm Tell, der alten Dame oder Andorra nur ratlos mit den Schultern zuckt.

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