Heil! Nationaler Sozialismus hier und überall», brüllt der Sänger der Schweizer Band «Amok» und skandiert offen Nazi-Parolen. Er hetzt gegen das «Lumpenpack von Bern», Juden, Ausländer, Journalisten und Frauen. «Linke Fotzen, bei eurem Anblick kann man ja nur kotzen», heisst es in einem anderen Lied. Alles gibts gratis auf Youtube. Die Band beherrscht das gesamte hässliche Repertoire der rassistischen und menschenverachtenden Geschmacklosigkeiten und wurde vor sechs Jahren auf der Grundlage der Rassismus-Strafnorm verurteilt. Die Band tauchte unter, blieb aber aktiv. Zuletzt vor einer Woche am «Rocktoberfest» in Unterwasser.

Die Schweizer Band steht auch auf dem Index des deutschen Verfassungsschutzes, zusammen mit vielen anderen Bands, die unter dem Genre-Begriff «RechtsRock» zusammengefasst werden. Es sind Bands mit rechtsextremem, neo-nazistischem Gedankengut und rassistischen, antisemitischen und antidemokratischen Liedtexten. Typische Feindbilder sind Fremde, Ausländer, Juden, Linke und der demokratische Staat.

Dabei beschränkt sich Rechtsrock nicht auf das deutschsprachige Gebiet. Die Ursprünge gehen auf die britische Neo-Nazi-Band Screwdriver und ihren verstorbenen Sänger Ian Stuart Donaldson zurück, der heute in diesen Kreisen kultisch verehrt wird. Über die Skinhead- und Hooligan-Szene gelangte diese braune Punkmusik nach Deutschland, wo sie einst linke Punks infizierte und Bands wie die «Böhsen Onkelz» entstanden. Sie war 1986 die erste Band, die in Deutschland wegen Gewaltdarstellung indiziert wurde. Später distanzierte sie sich vom Rechtsextremismus.

«Nationalsozialismus näherbringen»
Rechtsrock blieb zunächst ein Randphänomen, dem man von Staates wegen wenig Beachtung schenkte. Das änderte sich nach der deutschen Wiedervereinigung. Im Zuge rassistischer Gewaltexplosionen 1991 radikalisierte sich der Rechtsrock, weshalb er vom deutschen Verfassungsschutz intensiv beobachtet wurde. 75 Tonträger kamen auf den berühmten Index, die Szene blieb aber gemäss dem Schriftsteller Klaus Farin, der sich mit jugendlichen Subkulturen beschäftigt, zunächst «relativ klein und überschaubar».

Marschmusik war lange der Sound der Rechtsextremen. Doch davon fühlten sich nur Alt-Nazis angesprochen. Der Rechtsrock-Pionier Ian Stuart Donaldson aber wusste: «Rockmusik ist das ideale Mittel, Jugendlichen den Nationalsozialismus näherzubringen. Die Ideologie kann über die Musik besser transportiert werden als über politische Veranstaltungen.» Deshalb lancierten deutsche Neo-Nazis 2004 das «Projekt Schulhof», in dessen Namen 50 000 CDs mit rechtsextremen Songs an Jugendliche, auch in der Schweiz, verteilt wurden. Die Lieder-Sammlung unter dem Titel «Anpassung ist Feigheit» war zwar verboten, trotzdem nahm die Zahl rechtsextremer Bands gemäss dem Bundesamt für Verfassungsschutz stark zu. Waren zwischen 1998 und 2004 rund 100 Bands registriert, so waren es 2006 schon 152.

Der typische Rechtsrock-Fan ist weiss, männlich und unter 30 Jahren. Gemäss dem Rechtsrock-Experten Thomas Meyer steht «nicht der Einzelne im Mittelpunkt, sondern eine soziale Gruppe. Das Genre beschwört eine rituelle Verbundenheit, in der Gleichgesinnte ihre Emotionen und Aggressionen ausleben können. Das macht die Musik vor allem für Jugendliche attraktiv, die sich in der Erwachsenenwelt nicht zurechtfinden oder sogar ausgestossen fühlen. Dass die Musik verboten ist, macht sie für diese Klientel nur noch attraktiver. Verherrlicht wird ein Männlichkeitskult in einer Solidargemeinschaft, die unumstössliche Werte wie Kameradschaft, Ehre, Härte gegen sich selbst, Kampf- und Gewaltbereitschaft kultiviert.

Die Aggressivität der Inhalte korrespondiert mit der Musik. Punk und extremer Metal sind die idealen Ein- und Aufpeitscher, mit der Wut aufgebaut, verstärkt, aber auch abgebaut werden können. Die tiefe, raue Stimme wird gebrüllt und darf durchaus falsch klingen. Sie soll bedrohlich wirken, Angst und Schrecken vermitteln. Die Musik ist simpel, laut, brachial, krachend und garantiert ungeniessbar für Eltern und Lehrer. Aber Achtung! Harte Rockmusik ist nicht per se rechts oder rechtsextrem. Punk und Metal können ebenso linke Wut kanalisieren.

Umstrittene Repression
Rammstein lösten in den 90er-Jahren mit provokativen Texten und brachialem Sound heftige Kontroversen aus, kokettieren teilweise mit Nazi-Symbolen und einer Ästhetik des Deutschtums, überschritten aber nie die Schwelle der Strafbarkeit. Rechtsrock-Bands kommen und gehen. Viele lösen sich schnell wieder auf. Je nach Quelle gibt es heute zwischen 100 und 150 Bands. Auf www.netz-gegen-nazis.de werden die beliebtesten aufgeführt.

Die Folgen der deutschen Repressionspolitik sind umstritten. Bands tauchen unter und treten nur noch im privaten Rahmen auf. Der Verfassungsschutz hat festgestellt, dass viele ihre Ausdrucksweise mässigen und die Gesinnung verschleiern. Sie weichen auf Themen aus der völkischen und germanischen Mythologie aus, die Krieg und Heldentum verherrlichen, aber nur noch unterschwellig rassistisch sind.

Anwalt prüft die Texte
Beispielhaft ist die Geschichte von «Landser», der einflussreichsten Neonaziband. Ihre CDs wurden in den USA hergestellt, in die Niederlande versandt und von dort nach Deutschland geschmuggelt. Sie konnten Klartext singen, entzogen sich aber jahrelang der Strafverfolgung. Erst 2008 wurde die Band als kriminelle Vereinigung entlarvt und ihr Sänger Michael Regener zu drei Jahren vier Monaten Haft verurteilt. Landser gibt es nicht mehr, die Nachfolgeband «Die Lunikoff-Verschwörung» lässt ihre Texte vorgängig von Anwälten prüfen. Die Band vermeidet Verbotenes, die Gesinnung bleibt.

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