Von Pirmin Meier*

Weihnachten ist nicht bloss die Nacht vom 24. auf den 25. Dezember. Es ist die Phase der 12 Nächte, die ursprünglich am 21. Dezember begann. «Weihnachtszeit» enthält Licht und Finsternis. In Rheinfelden etwa schmeckt der Weihnachtsbraten der Sebastiani-Bruderschaft fast nach Leichenessen. Denn dieser Weihnachtsbrauch geht auf das Jahr 1541 zurück, als die Pest wütete. Die Bruderschaft wurde aus Solidarität zu den Kranken gegründet.

Das Modell der «Heiligen Familie» ist aber durch nichts zu toppen. Darum ist der 24. Dezember das Fest der biblischen Stammeltern Adam und Eva. Zur stellvertretenden Busse für die Fehler von Vater und Mutter ass man einst an diesem Tag vor 18 Uhr kein Fleisch. Dafür zündete man den Toten zuliebe Kerzen an. Drei Tage vor Weihnachten, am Tag von St. Thomas, feierten die Verstummten nämlich ihr eigenes Fest. Zu Ehren ihres Richters und Erweckers Jesus Christus. Der Weihnachtsbaum, eine Erfindung der Romantik, war der erfolgreiche Versuch, das Unheimliche dieser Tage etwas gemütlicher zu machen. Shakespeare, der Autor im Stil des christlichen Jahrtausends, wartete in London für die Aufführung seiner Komödie «Twelth Night» (Zwölfte Nacht) bis zum Dreikönigstag.

Kaum ein Brauch unserer Zivilisation hat eine so hohe Akzeptanz wie Weihnachten. Neben christlichen fallen ausserchristliche Gesichtspunkte ins Gewicht. Der Geburtstagstermin des Jesuskindes ist das Resultat eines Verdrängungsprozesses. Unter drei neumodischen Mysterienreligionen konnte sich im 4. Jahrhundert nur eine durchsetzen. Ganz früher galt der 25. Dezember als Geburtstag von Mithras: Er ist die Erlöserfigur eines iranisch-römischen Mysterienkultes und der Herold der Metzgerweihnacht, Mithras zu Ehren wurde jeweils ein Stier geschlachtet. Die Museen von Strassburg und Speyer zeigen blutfarbene Mithras-Altäre aus der Antike. Der Weihnachtsbraten ist das übrig gebliebene Mithras-Element eines verbürgerlichten Festes. Meine Eltern, Landmetzger, waren oft bis tief in die Nacht hinein mit dem Erstellen der Tagesabrechnung des erfreulichsten Verkaufstages beschäftigt. Für einige Nachbarn durfte ich liebevoll verpackte Schüfeli und Rollschinkli austragen.

Der Tag war, wegen der Sonnenwende, im Ursprung auch der Geburtstag des Sonnengottes: Sol invictus, kurzzeitig zur römischen Staatsreligion erhoben. Trägt dieser Kult Mitverantwortung für die «Lichtverschmutzung» an Dezembertagen? Die winterliche Lichtknappheit gab dem Fest zusätzlich einen nordisch-germanischen Impuls. Das Lichtfest von Schweden, der Tag der heiligen Luzia (13. Dezember), liegt schon hinter uns. In Aesch am Hallwilersee LU sind an «Luzia» die Läden noch heute geschlossen. Die heilige Ottilia, Patronin des Sundgaus, mit Verehrung bis in die innere Schweiz, lässt sich ebenfalls an Luzias Tag feiern. Wegen der mittelalterlichen Sonnenwende, einer Vorläuferin des kommenden Festes. Kein Wunder, hilft die heilige Ottilia bei Augenleiden. Eine Trösterin in der Finsternis. Sie hilft – man kann es über die Festtage gebrauchen – auch bei Familienkrach. Vater, Mutter, Kind. Die Heilige Familie.

Ist der Samichlaus dem Advent zuzurechnen, sind die Lichtfeste von Luzia und Ottilia Vorboten von Weihnachten. Am entschiedensten gilt dies für den Zweifler Thomas (21. Dezember). An diesem Datum wurde die Weihnachtszeit der Zwölf Nächte einst mit Lärm und Umgang eingeläutet. Dass es bis Dreikönigen 15 Nächte wären, stört nur pedantische Rechner. An der Fasnacht beharrt ausserhalb Basels auch niemand auf den drei allein erlaubten Tagen.

Warum gehört St. Nikolaus zur Adventszeit, aber nicht zu Weihnachten?. Gemäss der Synode von Seligenstadt (1022), an der auch der heutige Passheilige Gotthard teilnahm, wurde für den Advent Fasten vorgeschrieben. Neben den Sonntagen war aber St. Niklaus (6. Dezember) zum Schmaus zugelassen. Darum Nuss und Bire und Guetsli. Landjäger und andere Wurstwaren nicht ausgenommen.

Der unterschätzte Thomastag erinnert daran, dass Weihnachten nicht ein Tag ist, sondern ein Zeitraum. Wer es kaum erwarten mag, macht drei Tage vorher Lärm. Laut läuteten die Glocken 1481, als in Stans dank Klaus von Flüe ein eidgenössischer Friede verkündet wurde. Der Thomastag ist wie erwähnt das Weihnachtsfest der Toten. Sie dürfen endlich wieder einmal umgehen. Ihr Umzug wurde einst das Wilde Heer genannt. Wer am Thomastag geboren wird, dem sagt man Sinn für das Opfer nach. Vor 65 Jahren, am 21. Dezember 1950, sah in Zug Dichter Thomas Hürlimann das Licht der Welt. Eine regelmässig bei ihm auftretende Figur, der Sargtöneli, Schreiner von Beruf, war 2015 die lebensvollste Figur in seinem Stück «Das Luftschiff».

Der 24. Dezember, einst ein Fast- und Abstinenztag zur Sammlung auf Kommendes, sollte nicht mit Weihnachten verwechselt werden. Die Ehrfurcht vor der Stille gebot es, besonders im alten Bern, erst aufs Neujahr ans Geschenkemachen zu denken. In Beromünsters tausendjähriger Lateinschule waren der 25. und 26. Dezember nicht schulfrei, weil man in der Kirche zu singen hatte. Und weil auf Neujahr Zehnten abzugeben waren, gab es erst zu dieser Zeit Geschenke für die Herren und Gegengeschenke untereinander. An Silvester war Ulk zugelassen. Der Bärchtelistag (2. Januar) war in protestantischen Gegenden einer der wenigen zugelassenen Tanztage. Der Urgrossvater durfte endlich mal die Urgrossmutter in den Arm nehmen.

In der Regel waren in den reformierten Städten zwölf Nächte mit dem Berchtoldstag zu Ende. In Wettingen und anderswo aber gehen noch bis Dreikönigen die Sternsinger um. Das tiefsinnigste Brauchtum, dem Thomastag näher stehend als Weihnachten, sind die 12 schwarzen Sebastianibrüder von Rheinfelden. Die Lampe, die sie am Weihnachtsabend und an Silvester herumtragen, leuchtet seit den Tagen des Barock für Hoffnung in der Zeit der Pest.

Ich kenne in meiner Heimat kaum einen vergleichbar ehrfurchtgebietenden Weihnachtsbrauch. Ein Stück Weltkulturerbe, auf die Anerkennung durch die Unesco nicht angewiesen. Ein Ja zum Leben unter der Folie des Todes.

Pirmin Meier (68) ist Autor, Volkskundler und Kultur-Erzähler.

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