Von Anna Kardos

Pass auf! Plötzlich geht es im Leben von Brenner, Polizist in Frühpension, ab, als hätte der Teufel persönlich die Scharniere geschmiert. Nur zum Spass registriert er sich auf einer Website, wo Russinnen einen Mann zum Heiraten suchen, und erhält 24 Heiratsanträge, kaum enter gedrückt, läuft ihm prompt seine Exfrau in verjüngter Fassung über den Weg, er wird ums Haar von einem Dachdecker erschlagen und von Kindergangstern verprügelt, dass ihn sogar die Haare schmerzen – schliesslich wird der Brenner reingesogen in die Kreise der Rotlichtmafia. Hut ab, dass er da cool bleibt, denn in diesen Kreisen gilt: Eine Hand wäscht die andere – und wer nicht mitmacht, dem wird sie kurzerhand abgehackt.

Dabei fängt das neue Buch von Wolf Haas ganz gemächlich an. Daheim beim Brenner. Am Computer. Und «gemächlich» ist wortwörtlich gemeint. Weil als computerlos aufgewachsener Zeitgenosse bedeutet für den Brenner jede Interaktion mit dem Rechner eine intellektuelle Höchstleistung. Nichts da mit locker rumsurfen! Da ist harte Denkarbeit gefragt.

Sie steigert sich gar ins Unermessliche, als der Brenner entschliesst, sich mit einem Profil auf besagter «Russinnen-Seite» zu registrieren: «Da stellen sich ja grundlegende Fragen, soll ich mich jünger machen, soll ich mich reicher machen, soll ich mich interessanter machen, soll ich gleich falsche Versprechungen machen oder erst später, falls es ernst wird.»

Man wundert sich, wie schnell es dann ernst wird. Wenig später findet sich der Brenner nämlich in Nischni-Nowgorod wieder. Und die Nadeschda von der Website, strahlend schön wie die Sonne – «ohne Sonnenbrille Netzhautablösung Minimum». Etwas unangenehm wird es allerdings, als wenig später die Nadeschda in Wien beim Brenner auf der Matte steht.

Denn da wohnt der schon wieder mit seiner Ex Herta zusammen. Aber wie das unter Frauen manchmal geht, verbünden sich die zwei und machen bald unter sich aus, dass der Brenner die Nadeschda heiraten soll. Aus Schein. Und aus Schutz. Denn deren Schwester sitzt wahrscheinlich in den Fängen der Rotlichtmafia. Und schon wird aus Nadeschda eine frischgebackene «Brennerova».

Es geht Schlag auf Schlag zu in Wolf Haas’ neuem Buch. Oft so schnell, dass es einen schwindelt, oft auch so schnell, dass der Autor ganze Wörter ausspart. Aber man bleibt atemlos dabei. Denn Haas ist kein Autor, der seine Geschichten für die Nachwelt niederschreibt. Er ist einer, der mit dem Leser per du ist, der nachfragt: «ob du es glaubst oder nicht», der nachhakt: «du wirst sagen, warum soll die Nadeschda etwas Besonderes sein?», der sich versichert: «du musst wissen, die Herta hat einem Schüler eine geschmiert.» Also surft man in aberwitzigem Tempo mit, wenn er sein Komplett-Lexikon der menschlichen Regungen entblättert. Dabei ist Haas nichts zu sehr Klamotte, als dass er es nicht in seinen Roman aufnähme. Was aber macht das Buch unvergleichlich besser als eine Klamotte?

Es ist die unaufgeregte Art des Autors, den Ulk auszufüllen mit Beobachtungen zur menschlichen Psyche, zur Philosophie und Sozialkritik. All das serviert er nicht auf dem Silbertablett, nein, er pappt es in eine Fastfoodtüte, frittiert und mit scharf, dass man sich danach die triefenden Finger abschlecken kann.

Ein Tattoo kann da also schon mal ein Leben retten, ein anderes von seiner menschlichen Unterlage davonschleichen, um am anderen Ende der Welt eine Frau auf ihre lang ersehnte schamanische Reise mitzunehmen. Klar sind bei Haas die Männer auch noch waschechte Kerle und die Frauen Bilderbuchfrauen – aber kaum wähnt man sich als Leserin in stereotypischer Sicherheit, stellt sich heraus, dass die sympathischsten Figuren die durchtriebensten sind.

Wer Wolf Haas’ Krimis um den Ex-Polizisten Brenner kennt, weiss, mit welch grandios skurrilem Blick der Autor die Gefühlslage der heutigen Welt erfasst. Wer seinen Liebesroman «Verteidigung der Missionarsstellung» kennt, weiss, mit welch jugendlichem Anspruch der Wiener die Unmöglichkeit der Liebe in eine Möglichkeit zu verwandeln sucht.

In seinem neuen Roman kehrt Wolf Haas zu Brenner und zum Krimigenre zurück – oder zumindest fast. Denn «Brennerova» verbindet eine Fast-Liebesgeschichte mit einem Fast-Krimi und einem Fast-Roadmovie – eine Fast-Erkenntnistheorie der menschlichen Psyche gibts gratis dazu. Und das ist fast schon ein bisschen wie die Quadratur eines Kreises.

Wolf Haas: «Brennerova». Hoffmann und Campe, 238 S., Fr. 33.90.

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