Das Smartphone ändert fast alles. Auch die Art und Weise wie wir uns am Telefon oder in einem Chat begrüssen. Anstatt «Hallo, wie gehts?» fragen wir gleich «Hallo, wo bist du?». Und als Antwort erhalten wir immer öfter einfach ein Foto. Irgendein aktuelles Bild von einem Restaurant, einem Strand oder einem Bergpanorama – von dem Ort eben, an dem sich unser Gesprächspartner gerade aufhält.

Anstatt in Sprache, wird immer häufiger in Bildern «gesprochen». Wenn es nicht selbst geknipste Fotos sind, dann sind es Smileys und Piktogramme, welche sich zwischen die geschriebenen Wörter auf Whatsapp drängen und diese zuweilen sogar ersetzen. Auch auf Facebook, Twitter und in E-Mails werden Bildzeichen immer öfters verwendet. Ein zwinkernder Smiley hinter einer ironischen Aussage, ein sich Tränen lachendes Gesicht hinter einem witzigen Spruch, ein gestreckter Daumen als Zeichen des Einverständnisses oder einfach ein knallrotes Herz als Liebesgruss.

Teenager verwenden die Bildzeichen in ihren Kurznachrichten exzessiv. Aber nicht nur sie. Auch bei den Mittdreissigern sind die witzigen Symbole beliebt. Selbst Eltern antworten ihren teils schon erwachsenen Kindern im Familien-Chat auf Whatsapp mit Emoticons und Piktogrammen. «Wir haben es hier nicht mit einem Phänomen der Jugendsprache zu tun», sagt Christina Siever. Die Sprachwissenschafterin hat ihre Doktorarbeit zur Verwendung von Texten und Bildern in der digitalen Kommunikation verfasst. Sie diagnostiziert «eine starke Zunahme an Kommunikation auf digitalen Plattformen wie Whatsapp, Facebook oder Twitter, bei welcher der Inhalt der Mitteilung auf Schrift- und Bildzeichen verteilt wird».

Das beliebteste Piktogramm ist das rote Herz – zumindest auf Twitter. Innerhalb des letzten Jahres wurde es auf dem sozialen Netzwerk 241 Millionen Mal verwendet – gefolgt von Freudentränen (152 Millionen) und dem lachenden Smiley (85 Millionen). Schweizer Whatsapp-Nutzer hingegen verwenden den Smiley mit dem roten Herz am liebsten. Das geht aus den ersten Ergebnissen der grossen Untersuchung «What’s up, Switzerland?» hervor, welche die Universitäten Bern, Zürich und Neuchâtel gemeinsam durchführen.

Begonnen hat alles mit einem Doppelpunkt, einem Gedankenstrich und einer Klammer. Mit dieser Zeichenabfolge entwickelte der Informatiker Scott Fahlman vor über 30 Jahren den Ur-Smiley, um in Online-Foren darauf hinzuweisen, dass eine Äusserung als Witz zu verstehen ist. Unterdessen hat das Smiley Gesellschaft erhalten von einer Vielzahl lachender, weinender, schwitzender, schlafender und wütender Gesichter. Sie werden nicht mehr mit gewöhnlichen Satzzeichen realisiert – und sind nicht mehr um 90 Grad nach links gedreht. Stattdessen wählt man sie einfach aus einer breiten Palette von Bildzeichen aus. Sie heissen auch nicht mehr Smileys, sondern Emoji, was auf Japanisch etwa so viel bedeutet wie «Bild und Schrift» und sowohl Emoticons als auch Piktogramme einschliesst.

722 Emojis sind bereits im internationalen Standard Unicode als digitale Zeichen hinterlegt. Erst diese Codierung macht es möglich, dass wir auf verschiedenen Bildschirmen und in unterschiedlichen Programmen alle ungefähr die gleichen Bildzeichen sehen – und ein gesendetes rotes Herz auf dem Gerät des Empfängers nicht plötzlich als gebrochenes Herz dargestellt wird.

Die simplen und oft etwas kindlich anmutenden Symbole sind in der digitalen Kommunikation so beliebt, dass es Zeit ist für ein soziales Netzwerk, in dem sich die User nur noch mit Emojis verständigen. Das glauben zumindest die beiden Engländer Tom Scott und Matt Gray, die derzeit Emojli entwickeln – ein soziales Netzwerk, das ganz auf Buchstaben verzichtet. Die Applikation soll iPhone-Nutzern demnächst zur Verfügung stehen. Schon jetzt kann man auf der Website seinen Nutzernamen registrieren, der sich natürlich aus einer Abfolge von Emojis zusammensetzen muss. Buchstaben sind auch hier tabu.

Bilder sind so präsent wie noch nie – in einer Zeitepoche, die so alphabetisiert ist wie noch keine zuvor. Was ist hier los? Für Kulturpessimisten ist der Fall klar: «Das Ende der Schriftkultur hat längst begonnen», heisst es in einem kürzlich erschienenen Artikel in der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung». Die Welt von morgen brauche keine Menschen mehr, die lesen oder schreiben können, wird zähneknirschend konstatiert.

Humbug. Angst vor dem Analphabetismus zu schüren, gehört zum Standardinstrumentarium konservativer Medienkritiker. Doch weder das Aufkommen der Fotografie noch die Verbreitung des Fernsehens konnten der Schrift etwas anhaben – warum sollte das nun anders sein? Die Alphabetschrift ist das wohl genialste Zeichensystem, das die Menschheit je entwickelt hat – aus lediglich 26 Zeichen lassen sich alle möglichen Wörter bilden.

Ein paar Smileys und hieroglyphenartige Bildzeichen werden die vielleicht grösste Errungenschaft der menschlichen Kultur nicht streitig machen. Gänzlich ohne Einfluss wird aber die zunehmende Nutzung von Emoticons und Piktogrammen auf unsere Sprache nicht bleiben. «Das Verhältnis von Bild und Schrift dürfte sich verändern», sagt Karina Frick, Sprachwissenschafterin an der Universität Zürich. «Dadurch könnten sich neue Sprachkonventionen herausbilden.»

Karina Frick unterscheidet drei verschiedene Verwendungsweisen von Emojis: Besonders die Emoticons dienen dazu, anzuzeigen, wie eine Aussage gemeint ist. So soll etwa ein zwinkerndes Smiley hinter einem Satz verständlich machen, dass die Aussage ironisch zu verstehen ist. Emojis können Texte aber auch illustrieren, wenn etwa nach der Aussage «Ich bin in den Winterferien» ein Piktogramm eines Snowboarders folgt. Oder, drittens, sie können ganze Wörter ersetzen, wenn beispielsweise im Satz «Hier schneit es» das Verb «schneit» durch eine Schneeflocke ersetzt wird.

Mit etwas Kreativität lässt sich fast jedes Wort mit einem Emoji oder mit einer Kombination von Emojis ersetzen. «Das erfordert dann für den Leser oft einiges an Decodierungsaufwand», sagt Karina Frick. Das richtige Interpretieren von Emojis will also geübt sein. Und es lässt oft auch erfahrene Sprach-Bild-Nutzer noch ratlos zurück, da es – anders als bei der Schrift – keine Regeln und festen Konventionen gibt. Aber auch das Leben des Senders machen Emojis nicht einfacher: Bis man unter den 722 Bildzeichen das richtige gefunden hat, hätte man meistens das entsprechende Wort längstens getippt.

Emojis sind also nicht nur missverständlich, sondern erschweren auch das Schreiben. Warum um Himmels willen verwenden wir sie dann so gerne? Weil sie lustig anzusehen sind und weil wir unserem Gegenüber damit unsere Kreativität demonstrieren können – und weil es uns gelingt, damit unsere Mitmenschen zum Schmunzeln zu bringen. Gerade Dinge, die uns schwerfallen zu sagen, lassen sich oft besser in Piktogrammen und Emoticons ausdrücken als in Worten: Entschuldigungen und Liebeserklärungen etwa. Und dann ist da auch der soziale Druck: «Emojis zu verwenden ist derzeit so sehr en vogue, dass es viele fast schon als Pflicht verstehen, davon auch Gebrauch zu machen», sagt Karina Frick.

Natürlich kann das auch zu viel werden: Wenn jemand hinter jedem «Hallo» schon drei Tränen lachende Smileys setzt, gefolgt von fünf grinsenden Äffchen, dann hat diese inflationäre Verwendung nicht nur etwas Infantiles, sondern nervt auch gewaltig!

Als Antwort sendet man diesen Leuten am besten einfach den wütenden Smiley mit dem hochroten Gesicht zurück. Oder man wartet noch etwas ab, denn ein noch passenderes Emoji gibt es bald. Das Unicode-Konsortium hat bereits 250 neue Bildzeichen angekündigt. Darunter befindet sich auch ein bisher schmerzlich vermisstes Emoji: der Stinkefinger.

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