Von Pascal Blum

Für Steven Spielbergs «Schindler’s List» hatte Stanley Kubrick böse Worte übrig: «Das soll ein Film über den Holocaust sein? Im Holocaust starben sechs Millionen Menschen. In ‹Schindler’s List› überleben 600!» Auch «Akte Grüninger» handelt von denen, die davongekommen sind. Und von einem, der zeitlebens verfemt wurde: der St. Galler Polizeikommandant Paul Grüninger. Zwischen 1938 und 1939, als die Grenze für Juden bereits geschlossen worden war, rettete er wohl einige tausend Flüchtlinge. Er änderte ihre Einreisedaten, um die Visumspflicht zu umgehen. Er handelte weniger aus politischen Gründen denn aus menschlichen. Es war ihm eine Selbstverständlichkeit des Herzens.

Noch vor Kriegsbeginn wurde Grüninger entlassen und später zu einer Busse verurteilt. Er verarmte und starb 1972. Erst in den 90er-Jahren wurde er rehabilitiert. 1997 setzte Richard Dindo dem Polizeihauptmann im Dokumentarfilm «Grüningers Fall» ein Denkmal und liess Flüchtlinge im Bezirksgericht St. Gallen auftreten, wo Grüninger einst der Prozess gemacht wurde. Dazwischen schob Dindo Wochenschaumaterial über die Naziherrschaft. Dieses Verfahren nutzt nun auch der Zürcher Regisseur Alain Gsponer («Lila, Lila») im Spielfilm «Akte Grüninger»: Zwei-, dreimal unterlegt er Dialoge über Hitlers Schrecken mit Archivbildern aus der NS-Zeit. Als brauchten wir einen visuellen Beleg, um nachzuvollziehen, warum der Hauptmann so mutig gehandelt hat. Sind wir im Schulfernsehen gelandet? Bestimmt gibt es zum Film seitenweise Unterrichtsmaterial.

Aber ein Drama schaut schon dabei raus. Noch dazu ein ökonomisch erzähltes, ja spärlich möbliertes. In seinem Kern steckt das Duell von Geist und Wort: Der Flüchtlingshelfer Paul Grüninger (Stefan Kurt) gerät an den Paragrafenreiter Robert Frei (Max Simonischek). Der wird von Bern ins St. Galler Rheintal geschickt, wo er nach dem Rechten schauen soll. Der Inspektor findet bald heraus, dass Grüninger Flüchtlinge illegal über die Grenze lässt. Grüningers Vertrauter Sidney Dreifuss (zündet seine Pfeife wohl nie an: Anatole Taubman) versucht, den «Kettenhund» aus Bern hinzuhalten. Aber auch er kann nicht verhindern, dass der Inspektor die Sache aufdeckt. Doch der kriegt Zweifel: Soll er seinen Bericht für Bern schreiben? Und damit nicht nur Grüninger, sondern auch dessen Vorgesetzten erledigen, den SP-Regierungsrat Keel (Helmut Förnbacher), der Grüningers Treiben stillschweigend geduldet hat?

Dilemma, Dilemma. Am Schluss, als Frei in die Kamera blickt, richtet der Film die Frage eher unsubtil an uns: Wie hätten wir gehandelt? So normal heldenhaft wie Grüninger? Ergeben viele kleine Grüningers ein Land von Trotzköpfen – oder eine humanitäre Tradition? So porträtiert der Film einen exemplarisch guten Menschen, aber mehr noch schildert er das moralische Erwachen des Inspektors Frei: Sobald der gesetzestreue Beamte die dezent verlumpten Flüchtlinge an sich heranlässt, geht ihm das Herz auf.

Dann hält er sich an Paulus: Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig. In Zeiten unmenschlicher Flüchtlingspolitik gilt das buchstäblich – als Entscheidung über Leben und Tod. Da kriegt es dann seine Dringlichkeit, dieses Zeitbild vom Flüchtlingselend und von der stillen Solidarität einer Grenzregion; vom Unterschied zwischen Beamtenpflicht und Bürgerpflicht und von den pragmatischen Lösungsversuchen zweier getriebener Charaktere. Der eine folgt seinem Gewissen, weil er muss; der andere folgt den Regeln, weil er ebenfalls muss. Wer weiss, vielleicht stecken darin ja die zwei Seelen der Schweiz. Drehbuchautor Bernd Lange («Was bleibt») jedenfalls beschreibt innere Motive, ohne zu psychologisieren: Aus dem historischen Stoff schält er die Dramatik des Grundsätzlichen heraus.

Jetzt haben wir also das Biopic über Paul Grüninger. Die Farbtöne sind erdig und die Totalen verschwimmen zu den Rändern hin, ein neuerdings beliebter Bildeffekt, der alles niedlicher und kleiner macht, wie im Swiss-Miniature-Park: Nur Schweizer Filme zeigen ihr Land noch putziger, als es schon ist. Dafür thematisiert «Akte Grüninger» des Hauptmanns angebliche Nazi-Sympathien und weist darauf hin, dass es Möglichkeiten gab, sich an den Flüchtlingen zu bereichern. Damit das alle verstehen, trägt Alain Gsponer dick auf. Auch dann, als Wächter mit Waffen an der Grenze herumfuchteln oder Grüninger seine Familie wegen seiner stressigen Menschlichkeit unmenschlich vernachlässigt.

Wo Richard Dindos «Grüningers Fall» mit Zeugnissen echter Flüchtlinge berührte, verlässt sich Gsponer auf künstliche Gefühlssteuerung. Bald wünscht man sich die radikale Reduktion aufs Kammerdrama mit zwei gegensätzlichen Figuren: Hier der Mann der Buchstaben, dort der Mann des Herzens. Und dazwischen möglichst wenig anderes.


Akte Grüninger Weltpremiere 23.1., 17.30 Uhr in der Reithalle zur Eröffnung der Filmtage (Eintritt auf Einladung). Zweite Vorstellung 27.1. um 21 Uhr (Reithalle). Ab 30. Januar in den Kinos. Richard Dindos «Grüningers Fall» wird am 26.1. um 14 Uhr im Kino im Uferbau gezeigt.

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