Von Benno Tuchschmid

Musik hat wieder Gewicht. Herr Neumann spürt es. 120 Gramm Polyvinylchlorid pressen seine Maschinen in runde, gerillte Scheiben. 24 000-mal am Tag. In drei Schichten. Rund um die Uhr. Fünf Tage die Woche. Die Auftragsbücher sind voll bis im Herbst. «Ich hab Freude», sagt Holger Neumann, Geschäftsführer der Pallas-Group, einem der letzten Schallplattenpresswerke Europas. Ehrliches Handwerk in vierter Generation. In Diepholz, etwas mehr als 60 Kilometer südlich von Bremen, fertigen 70 Arbeiter Schallplatten an alten, schweren Maschinen aus den 1970er-Jahren. Relikte aus der Vergangenheit, die längst nicht mehr hergestellt werden, pressen einen analogen Tonträger, der in der digitalen Gegenwart eine unerwartete Rückkehr feiert.

Die Verkaufsrekorde jagen sich. In Grossbritannien wurden letztes Jahr 1,29 Millionen LPs verkauft, so viele wie seit 20 Jahren nicht mehr. In den USA schossen die Verkaufzahlen innerhalb eines Jahres um fast 53 Prozent in die Höhe. 2014 setzte die Musikindustrie global 346,8 Millionen US-Dollar mit Vinyl um: zehnmal so viel wie vor zehn Jahren. Auch in der Schweiz ist das Plattenfieber ausgebrochen: 2014 wurden 80 Prozent mehr Vinyl verkauft als im Vorjahr.

Es ist eine wundersame Rückkehr. Denn das schwarze Gold war eigentlich schon fast in der Mülltonne der Moderne verschwunden. Die Einführung der Compact Disk (CD) Anfang der 80er-Jahre liess die Schallplatte schlagartig alt aussehen: Als David Hasselhoff in der Serie «Knight Rider» mit seinem Auto zu sprechen begann, wollte niemand mehr Platten wenden. 1980 kauften die Schweizer 7,8 Millionen LPs, 1990 gerade noch 60000. Die letzten Presswerke in der Schweiz schlossen. Auch die grossen Plattenfirmen liquidierten überall auf der Welt ihre eigenen Platten-Fabriken. Vinyl war Geschichte. Auch in Diepholz stotterte das Presswerk. Nur noch einige unabhängige Klein-Labels setzten auf das alte Handwerk und bewahrten die Pallas-Maschinen vor Standschäden. Die Subkultur rettete das Vinyl. Elektronische Musik, Hip-Hop – in diesen Genres behielt der Plattenspieler und damit auch der analoge Tonträger seine Wichtigkeit. Und dann, sagt Holger Neumann, dann kam die Love-Parade. Die Raves wuchsen zu Massen-Events, befeuert von DJs und ihren ekstatischen Rhythmen ab schwarzen Vinyl-Scheiben. Neumann begann wieder an eine Zukunft für seine alten Maschinen zu glauben. Er behielt recht. Erst lasteten die Aufträge im Diepholzer Werk eine Schicht aus, dann zwei, und vor rund zwei Jahren brach über die Produktionsstätte in Niedersachsen herein, was Neumann einen Tsunami nennt. Seither läuft das Werk auf Heavy-Rotation.

«Vinyl löst bei vielen Leuten etwas aus», sagt Stefan Möckli alias DJ Pesa, der die einzige Sendung im Schweizer Radio bestreitet, in der ausschliesslich Schallplatten gespielt werden («Lost and found», SRF Virus). DJ Pesa besitzt selber über 10 000 Scheiben. Die Zusammensetzung der Vinyl-Käufer hätte sich total verändert, sagt der Spezialist. Früher habe er an Plattenbörsen vor allem Männer zwischen 30 und 60 getroffen, «heute hat es auch Teenies und Frauen.»

Der neue Hype um den alten Tonträger haben prominente Musiker mitbegründet. Jack White, Sänger der Band The White Stripes, sagt: «Solange du ein Album nicht auf Vinyl hast, besitzt du es nicht richtig.»

Heute gehört Vinyl zur Grundausstattung des urbanen Zeitgeistlers, wie die Möbel aus den 60er-Jahren, die Kolben-Espresso-Maschine und das Rennvelo mit dem geraden Lenker. «In den trendigen Quartieren Zürichs hast du manchmal das Gefühl, dass die Hipsters Platten kaufen, einfach damit sie mit ihr unter dem Arm rumlaufen können», sagt DJ Pesa.

Vinyl scheint das «Aber» im Digitalisierungswettlauf zu sein. Die Technologie-Giganten überbieten sich mit Streaming-Angeboten. Die Zukunft liegt in der Wolke. Die Musik verflüchtigt sich. Vinyl ist da ein Kontrapunkt. Man kann es fühlen. Man kann es riechen. Und man muss es ab und zu vom Staub befreien.

In der Musikindustrie freut man sich über den Boom. Selbst wenn Schallplatten nur rund zwei bis drei Prozent des globalen Musikmarktes ausmachen – zweistellige Wachstumsraten gab es bei einem physischen Produkt schon lange nicht mehr. Dazu kommt: Die effektiven Zahlen sind höher, denn viele Schallplatten werden gebraucht über Börsen und Second-Hand-Shops gehandelt und tauchen damit nie in den Branchen-Statistiken auf. Am unaufhaltsamen Vormarsch der Streaming-Angebote ändert der Vinyl-Trend nichts. Zwar sagt Moritz Faccin, Direktor strategisches Marketing bei der Plattenfirma Universal Schweiz: «Interessant ist die Tatsache, dass viele Digital Natives dieses alte Format neu entdecken.» Doch die jungen Konsumenten hören nicht analog oder digital, sie tun beides. Das illustriert ein Beispiel aus Skandinavien: «Die Vinyl-Verkaufszahlen in Schweden sind erstaunlich, denn das Land gilt als ausgesprochener Streaming-Markt und gehört gleichzeitig weltweit zu den Top 10 der Vinyl-Märkte.»

Universal und andere grosse Labels versuchen, den Schallplatten-Hype zu antizipieren. Denn es gibt Geld zu verdienen. Die Nachfrage ist gross. So erscheinen Neuveröffentlichungen vermehrt auch als Vinyl. Dazu gibt es zahlreiche Neu-Pressungen von Klassikern. Nicht nur in der Unterhaltungsmusik. Auch in der Klassik, wo Prachtstücke der LP-Geschichte schon viele Jahre wieder aufgelegt und für 50 Franken und mehr verkauft werden.

Nur: Überfluten können die Major Labels den Markt nicht. Selbst wenn sie es gerne würden. Denn Universal, Warner und Co. haben längst keine eigenen Presswerke mehr. In Europa sind gerade einmal fünf Produktionsstätten mit relevanten Kapazitäten übrig geblieben. Die grossen Major-Labels können nicht mehr pressen. Ihr Werke haben sie vor Jahrzehnten abgewickelt. Holger Neumann sagt: «Die grossen Major-Label haben den Vinyl-Boom verschlafen. Heute kriegen sie kaum Kapazität in den Presswerken.» Es klingt fast ein wenig so, als ob das Neumann heimlich freuen würde. Er sagt: «Für uns hat das Vorteile. Der Markt bleibt so frisch.» Niemals würde Neumann die Grossen der Industrie bevorzugen. «Unsere Stammkunden haben Priorität. Das sind in erster Linie Independent Labels.»

Und die Kleinen sind im Vinyl-Markt nach wie vor die Innovativsten. Auch in der Schweiz. So hat die Berner Rap-Combo Chlyklass eine Vinyl-Pressung ihres neusten Albums «Wieso immer mir?» über eine Crowdfunding-Plattform finanziert. So kamen innert kürzester Zeit 15 000 Franken zusammen. Mehr Geld, als die Produktion kostete. Denn auf dem Schweizer Markt sind die Vinyl-Verkaufszahlen nach wie vor tief: «Wir pressten 300 LPs, von denen noch nicht alle weg sind. Du verkaufst in der Schweiz kaum mehr als 500 Platten», sagt Chlyklass-Manager Baldy Minder.

Global sehen die Grössenordnungen anders aus. Allein in den USA gingen letztes Jahr 9,2 Millionen Platten über den Ladentisch. Und deshalb baut Holger Neumann jetzt neue Pressmaschinen nach alten Plänen. Zumindest die Musikwelt ist eben doch eine Scheibe.

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