Von Rosmarie Mehlin

Unser Vater war sehr verspielt. Er hat uns Kindern nie etwas befohlen. Pädagogik war nicht sein Ding; er war überzeugt, dass der Mensch spielen müsse», erinnert sich Katja Früh. Als sie zur Welt kam, war Kurt Früh 38-jährig, verheiratet mit der österreichischen Schauspielerin Eva Landgraf und Regieassistent unter Leopold Lindtberg am Schauspielhaus. Zwei Jahre später kam mit «Polizischt Wäckerli» sein erster abendfüllender Spielfilm in die Kinos.

Am Schluss seiner autobiografischen Rückblenden von 1975 schrieb Früh: «Figuren zu schaffen, geschaffen zu haben, die beim Publikum zur Wirklichkeit werden, zur erlebten – kann es etwas Schöneres geben? Ein ganzes Volk zu rühren und zu erheitern?» Vier Jahre später war er, von Depressionen gequält, von Alkohol und Medikamenten abhängig, nur 64-jährig gestorben.

«Unvergesslich sind mir die aufregenden Geschichten, die er uns erzählt hat. Etwa darüber, wie er den Nordpol und Amerika entdeckt habe. Oder wie wir vor dem Kaffee Select sassen und Leute mit Punkten von 1 bis 10 bewertet haben.» Als 1956 die zweite Tochter, Jessica, geboren wurde, war Früh mit den Dreharbeiten zu «Oberstadtgass» beschäftigt. Bis 1963 folgten weitere acht Filme. Von 1964 bis 1969 war er Leiter des Ressorts Theater am Schweizer Fernsehen und anschliessend Lehrer der Filmklasse am Kunstgewerbemuseum Zürich. Mit «Dällebach Kari» konnte Früh 1970 sein Comeback als Filmregisseur feiern, zwei Jahre später drehte er seinen letzten Film «Der Fall».

Nicht nur in der Erinnerung, auch aktuell ist der Name Früh für Theaterbesucher, Radiohörer und ein breites Fernsehpublikum ein gewichtiger Begriff. Denn beide Töchter sind in die Fussstapfen ihrer Eltern getreten. Jessica hat Karriere als Theaterschauspielerin gemacht; Katja ihrerseits ist bestens bekannt als Regisseurin und Autorin, unter anderem von «Lüthi und Blanc» sowie der Musical-Fassung von «Dällebach Kari». Sie ist verheiratet mit dem SRF-Bundeshausjournalisten Hans Bärenbold; ihre gemeinsame Tochter Lisa-Maria Bärenbold ist ebenfalls Schauspielerin.

«Ob es genetisch bedingt ist, kann ich nicht sagen. Ganz klar ist, dass man als Kind von Künstlern in eine Welt hineinwächst, die so anziehend ist, dass man sich wünscht, in dem Umfeld zu bleiben.» Sehr oft, so Katja Früh, würden Eltern wohl dagegen ankämpfen. «Unsere allerdings haben das nicht getan. Ich hingegen habe durchaus versucht, es Lisa-Maria auszureden – sehr sogar –, aber es hat alles nichts genützt», bekennt Katja Früh schmunzelnd.

In ihrem Elternhaus am Zürcher Römerhof seien Schauspielerinnen und Schauspieler ein und aus gegangen: «Schaggi Streuli, Margrit Rainer, Zarli Carigiet, Max Hauffeler – den hatte ich besonders gern. Und der Ruedi Walter hat oft Kasperlitheater für uns gespielt. Einmal war er auch der Samichlaus.» Für ihren Vater ist es wohl nicht einfach gewesen, seinen Töchtern zu erklären, womit er sein Geld verdiente. «Oh ja, ich habe lange nicht begriffen, was er eigentlich arbeitete, wo er doch oft einfach nur im Bett gelegen hat. Auf meine Fragen hat er geantwortet, dass er schöpferisch tätig sei und dass das im Liegen besonders gut gehe.»

Als die Töchter alt genug für Kinobesuche waren, begannen sie zu verstehen. «Den ersten Film von unserem Vater, den ich bewusst wahrgenommen habe, war ‹Es Dach über em Chopf›. Dies wohl nicht zuletzt, weil darin viele Kinder mitgespielt haben, die ich kannte.» Hatte Katja – damals sechsjährig – auch mitgespielt? «Wenn ich mich recht erinnere, bin ich einmal quer durch eine Szene gelaufen.»

Ist es förderlich oder eher eine Belastung, mit einem bekannten Namen dasselbe Metier wie der berühmte Vater auszuüben? «Sicher hat mir der Name im Laufe meiner beruflichen Tätigkeit gewisse Türen und Tore geöffnet. Zunächst aber hatte er mich gehemmt, weil ich mir alleine beweisen wollte und musste, was ich kann. Darum habe ich die Schauspielschule nicht in Zürich besucht, sondern in Berlin. Jessica hatte sich wohl aus demselben Grund in München ausbilden lassen.»

Als sie 2010 für die Thunerseespiele das Musical «Dällebach Kari» schrieb, habe sie – verrät Katja Früh – stark mit dem Drehbuch ihres Vaters gearbeitet. «Seine Drehbücher sind alle noch vorhanden, einige im Zürcher Stadtarchiv, andere habe ich bei mir daheim.» Und welcher ist ihr denn nun, unter allen Filmen ihres Vaters, der liebste? «Ich schwanke zwischen ‹Dällebach Kari› und ‹Der 42. Himmel›, den ich besonders köstlich finde.»

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper