Von Ilija Trojanow* aus Istanbul

Das Stadtviertel Sultanahmet in Istanbul, wo sich die Gotteshäuser Hagia Sophia und die Blaue Moschee wie geschichtsträchtige Zeigefinger gegenüberstehen, wirkt wie ausgestorben. Einzelne Touristen, überwiegend aus Saudi-Arabien (zu verhüllt) und Russland (zu freizügig), verlieren sich auf einem gewaltigen Areal. Die Vielzahl der verwaisten Läden deutet auf bessere Zeiten hin. Und im Grossen Basar sind augenfällig viele Läden und Handwerksbetriebe geschlossen. Im Stadtteil Balat, einst ein multikulturelles Viertel, sitzt ein armenischer Goldschmied an einer geschwungenen Messerscheide und erzählt von den Tagen, als sein Geschäft im Basar blühte. Vor einigen Monaten war er aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen, es zu schliessen.

Die Touristen bleiben aus (wegen der Terroranschläge, sagen manche; wegen der jüngsten Repressionen, sagen andere), die offenen Fragen nehmen zu: Quo vadis, Türkiye? Krisenzeiten erkennt man daran, dass selbst bei Gesprächen mit Fremden nicht lange um den heissen Brei herumgeredet wird. Not ist der Tod des Smalltalks. Selbst die Taxifahrer verschwenden kaum Zeit an der typischen Litanei ihres Berufsstandes: die schlimme Verkehrslage. Schon an der zweiten Ampel monieren sie die hohen Benzinkosten (höher als in Deutschland), die steigenden Lebenshaltungskosten.

Auf der Istanbuler Buchmesse ist die Krise nicht sichtbar. Dichtgedrängt zieht das überwiegend junge Publikum an einer Vielzahl von offensichtlich seriösen Verlagen vorbei. Ein Verlag, der sich der gegenwärtigen Weltliteratur widmet, steht gegenüber einem Verlag, der weiterhin die marxistisch-leninistischen Heroen publiziert. Auf der Messe wie auch in den Buchhandlungen findet man noch die Bücher jener Autorinnen und Autoren, die ins Exil getrieben (Can Dündar) oder ins Gefängnis geworfen (Asli Erdogan) worden sind. Und der Stand «Almanya» bietet ein grosszügiges Angebot an kritischem Diskurs, mithilfe ausgestellter Bücher auf Deutsch und Türkisch, von denen einige besonders «provokante» (etwa über den Völkermord an den Armeniern) nachts zwar verschwinden, aber morgens gleich wieder ersetzt werden. Doch weder der Stand noch die öffentlichen Diskussionen sind besonders gut besucht, obwohl sich die Frankfurter Buchmesse und der Börsenverein des Deutschen Buchhandels Mühe gegeben haben, unangenehme und relevante Fragen auf die Tagesordnung zu setzen. Ich war auf drei Podien, jeweils bestückt mit bekannten einheimischen Intellektuellen, bei denen allseits Klartext geredet wurde, allerdings nur vor wenigen Zuhörern. Offensichtlich sind solche Oasen der freien Meinungsäusserung noch nicht heiss begehrt.

Mahnwache für Asli Erdoğan
Die Messe ist eine Blase. Eine andere Realität wird durch die hohen Mauern und den Stacheldraht des Frauengefängnisses Bakirköy zum Ausdruck gebracht, in dem die momentan wohl berühmteste politisch Inhaftierte des Landes, Asli Erdoğan, einsitzt. Hier treffen sich einige mutige Aktivisten mehrfach die Woche zu einer Mahnwache. Letzte Woche wurden sie unterstützt von einigen deutschen Verlegern und Autoren sowie vom Geschäftsführer des deutschen Börsenvereins, Alexander Skipis, der klare und nötige Worte zur Verurteilung der inakzeptablen Zustände fand. Eine Frau (aus evidenten Gründen müssen alle Aktivisten anonym bleiben), teilt mir in gebrochenem Englisch mit, es sei merkwürdig, dass gerade Asli so verfolgt werde, sie sei eine wunderbare, couragierte Autorin, aber politisch eher eine naive Person.

Bei dem jetzigen Rundumschlag der Macht wird offensichtlich nicht genau abgewogen, wer der Macht gefährlich werden kann. Asli Erdoğan geht es gesundheitlich sehr schlecht, wie ihr Anwalt Erdal Dogan berichtet, vor allem, weil ihr die nötige medizinische Versorgung verweigert wird. In einer kaum zu überbietenden Farce werde sie einmal die Woche zum Krankenhaus gefahren. Dort aber nicht behandelt. Die Anklageschrift, die gegen sie vorbereitet wird, verlangt lebenslange Haft wegen der «Unterstützung einer terroristischen Organisation». Das ist die staatliche Keule par excellence, die auch gegen viele andere geschwungen wird. Übersetzt bedeutet dieser juristische Mummenschanz: Da alle Gegner der Regierung Terroristen sind, erfüllt das Einfordern der universellen Menschenrechte den Tatbestand des Terrorismus. Selbst während des Osmanischen Reichs, kommentiert ein anwesender türkischer Journalist, hielt man sich mehr an die Gesetze.

Auch einige Journalisten der Zeitung «Cumhuriyet» befinden sich mittlerweile im Gefängnis. Gegenüber dem Redaktionsgebäude steht eine Polizeieinheit in voller Schutzausrüstung, weil sich einige Dutzend Menschen zu einer Solidaritätskundgebung versammelt haben. Die Zahl der Polizisten entspricht der Zahl der besorgten Bürger.

Orhan Erinc, der Präsident der Cumhuriyet-Stiftung, die seit je das Blatt finanziert, erinnert an die ähnlich schlimmen Jahre 1971 und 1980, als die Armee erfolgreich putschte. Auf die Ausrufung des Kriegsrechts folgten massenhafte Verhaftungen und die Unterdrückung der freien Presse. Eine Entwicklung, die damals vom Westen milde toleriert wurde. Der weite historische Horizont eines alten Mannes ruft in Erinnerung: 1980 wurden 178 000 Menschen verhaftet, 450 zu Tode gefoltert, 50 hingerichtet.

Die berühmte Kolumnistin der Zeitung und Präsidentin des PEN in der Türkei, Zeynep Oral, sagt: «Wir wollen die Arbeit unserer inhaftierten Kollegen so gut wie möglich weiterführen. Weder sie noch Erinc gehen auf die Frage ein, was für Hilfe sie sich aus dem Ausland wünschten. «Wir wollen nur in Ruhe gelassen werden», sagt Oran Erinc.

Unsicher und verängstigt
Istanbul ist voller roter Fahnen, an zentralen Plätzen prangt der berühmteste Spruch von Kemal Atatürk: «Das Volk ist die einzige Legitimation des Staates.» Freier übersetzt: «Alle Macht geht vom Volke aus.» Das ist nicht nur Demagogie. Seit dem Ende der kemalistischen Diktatur im Jahre 1950 ist die Türkei ein Staat mit regelmässigen Wahlen, konkurrierenden Parteien und wechselnden Regierungen, abgesehen natürlich von den Militärputschen. Das ist im Süden Europas keine Selbstverständlichkeit, man ziehe etwa Spanien, Portugal oder Griechenland zum Vergleich herbei. Sollte Erdoğan tatsächlich die demokratischen Institutionen und Traditionen zerstören, wäre das ein historischer Bruch. Die meisten Menschen, mit denen ich ins Gespräch komme, sind sich unsicher, wie sie auf die Repressionen reagieren sollten. Eine Professorin in Ankara erzählt, gerade die jüngere Generation ziehe sich ins Private zurück. In die innere Emigration.

Zweifellos sind viele Menschen verängstigt, nicht zuletzt wegen des äusserst brutalen Eingreifens der Polizei bei den Massenprotesten im Jahre 2013/14. Die kritischen Intellektuellen sind eine zunehmend marginalisierte Minderheit, aber man darf nicht vergessen, dass die damaligen Proteste in Istanbul und Ankara Menschen aller Couleur anzogen. Der in Ankara lebende Dichter Achim Wagner berichtet von Grossmüttern mit Töpfen neben Studenten auf der Strasse. Erst der Einsatz von Tränengas habe sie vertrieben.

In Ankara merkt der Besucher wenig von den aktuellen Zuspitzungen. Die in Zellophan eingepackten Einkaufszentren erstrahlen im Konsumglanz, der monumentale Präsidentenpalast thront auf dem Çankaya-Hügel. Mitten in der grünen Lunge der Hauptstadt steht nun das Mausoleum des Staatsgründers Kemal Atatürk neben dem Mausoleum des lebenden Präsidenten als Ausdruck einer Kontinuität autokratischer Macht, errichtet auf Land, das einst einem enteigneten Armenier gehört hat. Die abstruse Architektur ist angeblich seldschukisch (türkische Dynastie, die von 1040 bis 1194 herrschte), doch eigentlich eine reine Erfindung und somit repräsentativ für den nationalistischen Mythos der Türkei, von Atatürk entworfen und in letzter Zeit wieder aggressiv propagiert. In jener Epoche, in die sich Tayyip Erdoğan zurücksehnt, liessen sich die Sultane als «Schatten Gottes in der Welt der Menschen» feiern. Das klingt auf Deutsch doppeldeutig: Gott ist in herrschaftlicher Form nur ein Schatten seiner selbst.

*Ilija Trojanow entstammt einer bulgarischen Familie, die 1971 über Jugoslawien und Italien nach Deutschland floh, wo sie politisches Asyl erhielt. Der 51-Jährige erhielt diverse Auszeichnungen (u. a. den Preis der Leipziger Buchmesse). 2006 stand er ausserdem auf der Auswahlliste für den Deutschen Buchpreis.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper.