Schon eine Stunde vor dem Konzert ist das «Einstein» in Aarau gerammelt voll. So voll, dass die Fans vor dem Fenster in der Kälte stehen müssen, um wenigstens etwas mitzubekommen. Keine Chance, um reinzukommen. Und drinnen ist der Teufel los. Schon beim ersten Stück johlen und grölen alle mit, schon beim zweiten Stück stehen alle auf den Stühlen und Tischen.
Aarau ist kein Einzelfall. Alle Stationen der laufenden Tour waren bisher restlos ausverkauft. In der Schweiz herrscht die Trauffer-Mania. Sieben Wochen lang war der Berner Oberländer an der Spitze der Schweizer Hitparade und liess damit in diesem Jahr sogar Superstar Adele hinter sich. So etwas hat es für einen Schweizer Musiker schon lange nicht mehr gegeben. Nur Züri West (1994) und Gölä («Uf u dervo» 1999) waren länger auf Platz 1 als Trauffer. «Wahnsinn, abartig», sagt Trauffer zum aktuellen Erfolg und kann es selbst kaum fassen. «Erfolg ist so etwas wie Husten», sagt er, «man weiss nie, weshalb er da ist.»

Der Erfolg ist ihm nicht in den Schoss gefallen. Als Marc Trauffer vor acht Jahren seine Solo-Karriere lancierte, rieten ihm die Plattenbosse davon ab, Rockmusik mit Volkstümlichem zu vermischen. «Das Heimatzüüg, vergiss de Seich», singt er heute im Lied «Trauffer isch zrügg», das diese Startschwierigkeiten thematisiert. Den absoluten Karriere-Tiefpunkt erreichte er 2008 an einem Konzert in Wohlen, wo sich wirklich «keine Sau» für den Berner Oberländer und seine volkstümliche Rockmusik interessierte. «Ich musste mich tatsächlich fragen, ob das alles Sinn macht», sagt er heute rückblickend.

Die Wende kam mit den Aargauer Musikern und der Sängerin Moni Schär. Vor allem der Gitarrist Frank Niklaus, der musikalisch eigentlich aus einer ganz anderen Ecke (HNO, Blusbueb) kommt und in Zofingen das Soma-Studio betreibt, hat immer an Trauffer geglaubt. «Wir haben uns den Arsch abgespielt, sind an jeder Hundsverlochete aufgetreten und haben dabei immer alles gegeben», sagt Trauffer, «dort haben wir uns die Fanbasis geschaffen». Der 37-jährige Sänger und Frontmann ist überzeugt, dass heute die Live-Kompetenz entscheidend ist. «CD und Radio-Airplay sind dabei zweitrangig», sagt er, «der Weg zum Erfolg führt über die Konzerte. Dort, wo du das Publikum direkt erreichst.»

Doch Trauffer polarisiert immer noch. Tatsächlich lässt er in seinen Texten kein tümelndes Klischee aus. Das passt nicht allen. Begleitet von Kuhglocken, Jodlerchörli und Schwiizerörgeli glorifiziert er die Heimat und zelebriert die heile Welt der Berg- und Landgemeinschaft. «Zieh zu mier uf z’Land a di früsch Luft … wit ewäg vo däm Puff … hie si alli guet druf», singt er in einem neuen Song auf «Heiterefahne».

Trauffer ist sich bewusst, dass auch auf dem Land nicht nur heile Welt herrscht. Trauffer weiss also, wovon er spricht. Der zweifache Vater ist von der Mutter seiner Kinder geschieden. Dazu sass er in seiner Wohngemeinde Hofstetten als Parteiloser einige Jahre im Gemeinderat. Er ist überzeugt, dass auf dem Land der Zusammenhalt grösser ist als in der Stadt. «Es gibt hier natürlich auch Streit und Knatsch», gibt er zu, «aber wenn es drauf ankommt, ziehen alle am gleichen Strick. Das gefällt mir.» «Ich bin Berner Oberländer, stolz auf unsere Werte, heimatverbunden und liebe die Alpen», sagt er. Doch in die rechtskonservative Ecke der SVP lässt er sich nicht drängen. Vielmehr sieht er sich als «typischen Wechselwähler mit sozialem Gewissen, der in der Mitte positioniert ist und sachpolitisch mit gesundem Menschenverstand politisiert». Überhaupt: «Wieso soll ein Linker nicht auch stolz auf seine Heimat sein?», fragt er.

Trauffer verzichtet bewusst auf gesellschaftskritische Texte . «Andere können das viel besser», sagt er und weiss ganz genau, dass er mit Textzeilen wie «Frl. Marty, chum mier mache Party, uf das warti» keinen Lyrikpreis gewinnen kann. «Ich bin Unterhalter, kein Künstler. Mein Ziel ist es, beim Publikum gute Laune und gute Stimmung zu verbreiten. Und das funktioniert nicht ganz schlecht», sagt der Alpentainer. Das Frl. Marty ist jedenfalls auf dem besten Weg zum absoluten Party-Kracher.

Trauffer profitiert sicher vom Zeitgeist. Von der Rückbesinnung auf Tradition und traditionelle Werte, vom Rückgriff aufs Lokale und auf die eigenen Wurzeln. Es ist die Reaktion auf die sich immer rasanter bewegende Globalisierung. Eine Bewegung, die immer mehr auch die urbanen Zentren erfasst. Das merkt auch Trauffer. Land- und Berggebiete sowie die Agglo der Deutschschweiz waren zunächst sein Territorium. Doch das Publikum ist jetzt jünger und städtischer geworden. Jetzt wagt er sich auch in die urbanen Zentren: Luzern, Bern und sogar Zürich.

Doch Trauffer sieht sich nicht als Produkt. «I bi wi ni bi», sagt er, «Trauffer ist keine Masche, kein kommerzielles Konzept, das auf den lohnenden Swissness-Zug aufgesprungen ist», sagt er. Das unterscheidet ihn von Florian Ast und Bligg, die die Verschmelzung von Rock und Pop mit volkstümlichen Elementen nur als vorübergehendes, einmaliges Konzept verstanden haben. Trauffer ist mit Volksmusik, Peter Reber und Polo Hofer aufgewachsen. «Volksmusik und Mundart-Pop, das ist meine Heimat», sagt Trauffer überzeugt. Pionierarbeit haben andere geleistet, Trauffer ist nicht der Erste, dafür authentisch. Er ist «ächt» und inzwischen der Einzige seiner Art in der Schweiz.

Der Hype um Volks-Rock-’n’-Roller Andreas Gabalier hat Trauffer sicher auch geholfen. Mit dem Österreicher ist er schon einige Male aufgetreten und hat dabei keine schlechte Figur gemacht. Wieso soll Trauffer im deutschsprachigen Alpenraum nicht gelingen, was Gabalier geschafft hat? Der Berner Oberländer winkt ab. «Das Ausland interessiert mich nicht», sagt er dezidiert. Der Aufwand und das Engagement wären viel zu gross und nicht mit seiner Aufgabe als Geschäftsleiter des Familienunternehmens Trauffer Holzspielwaren AG zu vereinbaren. «Die Firma kommt vor der Musik», sagt er, «als Geschäftsführer habe ich gegenüber meinen 50 Angestellten eine Verantwortung.»

2013 wurden Trauffer und seine Firma mit dem Thuner Sozialstern ausgezeichnet. Einem Preis, der Firmen verliehen wird, die sich für die berufliche Integration von beeinträchtigten Menschen einsetzen.

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