Superstar Tina Turner lebt seit ihrem Rückzug vom Showbiz mit ihrem Mann Erwin Bach zurückgezogen am Zürichsee. Öffentliche Auftritte meidet sie ebenso wie Interviews. Erst recht hat sich die Neo-Schweizerin nie politisch geäussert oder öffentlich Partei ergriffen. Das hat sich jetzt mit der parlamentarischen Initiative der FDP zur Abschaffung der Leergütervergütung geändert. «Wir haben die Anfrage an Tina Turner über die Mailadresse ihres Mannes Erwin Bach geschickt», sagt Poto Wegener, der Direktor von Swissperform. Kaum eine Viertelstunde später kam schon die Antwort: «Tina Turner ist gegen die Abschaffung der Leerträgervergütung.» «Wir waren selbst überrascht, wie rasch die 74-jährige Sängerin reagiert hat», sagt Wegener.

Wegener wertet die Parteinahme von Tina Turner auch als Akt der Solidarität mit Schweizer Musikern und Künstlern. «Tina selbst hat es ja kaum nötig», sagt er. Auf die Vergütung angewiesen sind aber die 3186 Schweizer Künstlerinnen und Künstler, die sich mit ihrer Unterschrift gegen die «Enteignung einheimischer Kulturschaffender im Interesse internationaler Technologiekonzerne» richten.

Auf der imposanten Liste ist alles zu finden, was in der Schweizer Kulturszene Rang und Namen hat. Neben Tina Turner sind es Musiker wie Büne Huber, Sophie Hunger, Bastian Baker und Kuno Lauener, aber auch Schauspieler wie Carlos Leal, Schriftsteller wie Martin Suter, Lukas Bärfuss oder Charles Lewinsky, Komiker Peach Weber oder Kabarettist Emil Steinberger. Und besonders pikant: Unter den Unterzeichneten ist auch Schriftsteller Lukas Hartmann zu finden, Ehemann der für das Urheberrecht zuständigen Bundesrätin Simonetta Sommaruga. «Es hat sich niemand für die FDP-Initiative ausgesprochen», sagt Wegener.

Worum geht es bei der sogenannten Leerträgervergütung? Es handelt sich dabei um eine Abgabe auf Ton- und Tonbildträgern wie CDs, DVDs, Kassetten, MP3-Player und Tablets, die künstlerische Werke aufnehmen können. Im Gegenzug darf der Konsument urheberrechtlich geschützte Werke zum Privatgebrauch kopieren. Die Privatkopie für den Eigengebrauch wird mit dieser Vergütung legalisiert.

Diese Vergütung will die FDP nun abschaffen. «Die Vergütung ist veraltet und passt nicht mehr zu den technischen Gegebenheiten unserer Zeit», argumentiert Initiant Christian Wasserfallen. Er geht davon aus, dass es schon bald gar keine betroffenen physischen Träger mehr gibt und erachtet es als falsch, dass die neuen digitalen Speicherträger belastet werden. «Die Millionenabgaben werden ungerechtfertigt erhoben», sagt er. Die Künstler müssten sich stattdessen neu orientieren und die unendlichen neuen Möglichkeiten und Geschäftsmodelle, die das Internet bietet, nutzen. Zudem stört es Wasserfallen, dass die Konsumenten gleich doppelt zur Kasse gebeten werden: beim Kauf eines Leerträgers und beim Herunterladen und Bezahlen eines Musikstücks im Internet.

Wegener bestreitet das. Von einer Doppelbesteuerung des Konsumenten könne nicht gesprochen werden, denn die Leerträgervergütung werde den Herstellern und Importeuren belastet. Diese bedeute nur «eine geringe Schmälerung der ohnehin grossen Margen». «Samsung & Co. wären aber die einzigen Sieger der Abschaffung», sagt er. Alle anderen wären die Verlierer. Die Konsumenten, weil «durch die gesetzliche Verknüpfung die Privatkopie verboten» würde. Die Urheber, Kulturschaffenden und Interpreten, weil sie «bis zu 10 Prozent ihrer Einnahmen verlieren» würden.

In einem Brief an die Mitglieder der Kommission für Wirtschaft und Abgaben (WAK), die bald tagt, zeigen sich die Künstler vom FDP-Vorstoss «zutiefst beunruhigt». «Wir sprechen uns mit aller Deutlichkeit gegen diesen Angriff auf das kulturelle Schaffen in unserem Land aus», heisst es dort. «Würde die parlamentarische Initiative angenommen, hätte dies für Kulturschaffende und Rechteinhaber direkte Mindereinnahmen von rund zwölf Millionen Franken pro Jahr zur Folge». Dazu käme es zu Reduktionen der Kulturförderung der Verwertungsgesellschaften in der Höhe von 1,3 Millionen Franken pro Jahr. «Seit Jahren sind wir mit rückläufigen Einnahmen aufgrund der Internet-Piraterie konfrontiert. Eine weitere Reduktion unserer Einnahmen hätte eine verheerende Wirkung für unsere einheimische Kulturszene», heisst es im Brief.

Für die Unterzeichneten käme die Nutzung ihrer Werke ohne Vergütung «einem Diebstahl von geistigem Eigentum» gleich. Für sie wäre es «unerträglich», wenn sie zugunsten marktmächtiger Technologiekonzerne wie Apple, Samsung teilweise «enteignet würden». Sie fordern die Politiker deshalb auf, die Rechte der Urheber zu verteidigen und den Vorstoss der FDP abzulehnen.

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