Von Fabian Furter

Der 85-jährige Zürcher Architekt Walter Hunziker erinnert sich lebhaft an das Jahr 1961: «Ich weilte auf Besuch in der Schweiz, als mich mein Vater auf ein Inserat des Denner-Patrons Karl Schweri aufmerksam machte. Darin wurde ein Architekt mit Amerika-Erfahrung gesucht. Davon fühlte ich mich angesprochen.» Hunziker studierte in den 1950er-Jahren in Atlanta Architektur und Städtebau und machte dort in den Wirtschaftswunderjahren nach dem Zweiten Weltkrieg schnell Karriere als Stadtplaner.

Der Besuch bei den Eltern und das besagte Inserat änderten Hunzikers Lebenrichtung. Der Detailhandelspionier Schweri wollte in Spreitenbach das erste Shoppingcenter der Schweiz realisieren. In Hunziker fand er den Planer dafür. Hunziker kehrte nach Zürich zurück und hatte bald alle Hände voll zu tun. Seine Entwürfe waren klar gegliedert in elegante Scheibenhochhäuser als Landmarken und niedrige Volumen, denen er die Funktion der Shoppingmall zuwies. Hunzikers Arbeiten waren schnell im Gespräch, und bald plante er Einkaufs- und ganze Ortszentren in Wallisellen, Regensdorf, Schönbühl bei Luzern oder Wettingen. Für die Ausführung der Projekte kamen dann andere Büros zum Zug. Bedauerlicherweise, muss man sagen, wenn man die Entwürfe Hunzikers mit den realisierten Bauten vergleicht. Hunziker ist selbst in Fachkreisen heute kaum bekannt. Seinen Namen sucht man im Architektenlexikon vergebens, obwohl er planerische Pionierleistungen vollbrachte und den Prototyp des helvetischen Einkaufszentrums schuf.

Warum Spreitenbach?
Karl Schweri war ein schlauer Taktiker. Anfang der 1960er-Jahre wurde über verschiedene Shoppingcenter-Projekte im Schweizer Mittelland diskutiert, teilweise liefen schon die Planungen. Allen voran in Wallisellen, wo das Glatt-Zentrum entstehen sollte. Ein Wettlauf begann, den Schweri für sich entschied. Bewusst wählte er die Aargauer Gemeinde Spreitenbach als Standort für sein Projekt, weil er hier bei den kommunalen und kantonalen Behörden weniger Widerstand gegen das Bauvorhaben und gegen den geplanten Abendverkauf erwartete. Ein ebenso wichtiges Argument für Spreitenbach war die gute Verkehrsanbindung mit dem Autobahnanschluss. Dieser war mit der Eröffnung des Teilstücks der A 1 zwischen Zürich und Neuenhof im Oktober 1971 gewährleistet.

Ein Paradies
Das Shoppi wurde seit Herbst 1969 in ganzseitigen Zeitungsinseraten angekündigt. «Wir bauen ein Paradies», hiess es darin in fetten Buchstaben. Als es am 12. März 1970 seine Türen öffnete, rückte ins allgemeine Bewusstsein, was in unserem Land auf dem Höhepunkt der Nachkriegskonjunktur die Attribute eines Paradieses waren: 1550 Gratisparkplätze, eine vollklimatisierte Ladenstrasse mit 50 Geschäften, 7 Restaurants, 8 Kegelbahnen, 1 Hallenbad, 1 ökumenischer Andachtsraum.
Spreitenbach war ein Riesenerfolg, und es sollte nicht lange dauern, bis entlang der im Werden begriffenen Autobahnen eine ganze Reihe solcher Konsumtempel aus dem Boden schossen. Mit den beiden Giganten «Glatt» in Wallisellen und «Tivoli» in Spreitenbach endete 1975 der Eröffnungsreigen. Die Wohlstandsgesellschaft hatte gefunden, wie und wo sie einkaufen wollte.
Die Luftaufnahme von Spreitenbach im Frühjahr 1970 zeigt sinnbildlich, dass die Einkaufszentren nicht nur Konsumgeschichte abbilden, sondern auch die Geschichte von Raum und Verkehr, von Architektur und Gesellschaft und nicht zuletzt von den Standortgemeinden selbst: Wie ein Ufo landete das Shoppi neben dem noch weitgehend intakten Bauerndorf und übte den Massstabssprung.

Bedingungen zum Erfolg
Damit das Einkaufszentrum als Konzept erfolgreich sein konnte, musste sich zuerst die Wohlstands- und Konsumgesellschaft etablieren. Die sichtbarste Erscheinung jener Epoche war die Massenmotorisierung und damit einhergehend die verstärkte Agglomerationsbildung. Ebenfalls ein wesentlicher Aspekt war die Selbstbedienung als Verkaufskonzept. 1948 eröffnete die Migros in Zürich den ersten Selbstbedienungsladen und löste damit eine Revolution im Schweizer Detailhandel aus. Binnen kürzester Zeit zogen die Konkurrenten nach, und die neue Verkaufsmethode löste den bedienten «Tante-Emma-Laden» ab. Dabei gab sich Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler noch ganz vorsichtig: Man rechne nicht damit, dass dieses amerikanische Konzept bei uns überhandnehmen werde.
Neu am Selbstbedienungsladen war nicht nur die Tatsache, dass ein Teil der Arbeit auf die Konsumenten abgewälzt wurde, mit der Massenpräsentation der Waren kamen dem Produktedesign und der Werbegrafik wesentlich mehr Bedeutung zu. Einkaufen wurde bunter und vielfältiger und für viele zu einem Vergnügen. Aus einer Bedürfnisbefriedigung wurde eine Freizeitbeschäftigung, aus Einkaufen wurde Shopping.

Eine Idee aus den USA
Wie viele kulturelle Errungenschaften des 20. Jahrhunderts war auch das Shoppingcenter eine amerikanische Idee. Sein geistiger Vater war allerdings ein Österreicher. Der Wiener Architekt Victor Grünbaum flüchtete als Jude 1938 vor den Nazis nach New York und machte sich dort schnell einen Namen als Gestalter moderner Ladeneinrichtungen. Gruen, wie er sich fortan nannte, war schockiert von der Tristesse der wuchernden amerikanischen Vorstädte und den negativen Auswirkungen der Massenmotorisierung. Zusammen mit seiner Frau Elsie Krummeck lancierte er schon in den 1940er-Jahren die Idee einer «Shopping Town». Sie sollte den sozial und kulturell verwahrlosten Vorstadtmenschen nicht nur ein Ort des Konsums, sondern auch der Begegnung, des Austauschs und der Kultur sein. Nicht-kommerzielle Angebote wie Kindergärten, Kleintierzoos, Poststellen, Veranstaltungsräume oder bildende Kunst waren zwingende Bestandteile von Gruens Idee. 1954, vor genau 60 Jahren, schaffte er mit der Eröffnung des Northland Center in Detroit den Durchbruch.

Der Gruen-Effekt
Gruens Konzept sah eine klare Trennung der Funktionen vor. Zwar sollten alle Konsumentinnen und Konsumenten mit dem eigenen Auto in die «Shopping Town» gelangen, aber deren Kern, die gedeckte Ladenstrasse, blieb dem Fussverkehr vorbehalten. Die Mall versammelte verschiedene eigenständige Verkaufsgeschäfte unter einem Dach. Eine grosse Marke diente als Ankermieter und liess die kleinen Läden von ihrer Anziehungskraft auf die Konsumenten profitieren. Die klimatisierte Gemütlichkeit in der Mall mit Springbrunnen, Pflanzentrögen und einer ausgewählten Farbgestaltung verleitete die Menschen zum Flanieren und Shoppen, auch wenn sie dies gar nicht vorhatten. Bald erhielt dieses Phänomen den Namen «Gruen-Effekt». Genauso funktionieren Einkaufszentren bis heute.

Kritik
Aus der multifunktionalen «Shopping Town» war schnell ein reiner Konsumtempel geworden. Was keinen Gewinn abwarf, wurde von den Investoren weggelassen. Gruen distanzierte sich bald von seinem «Kind». Er kehrte nach Wien zurück und liess verlauten, er lehne die «Vaterschaft für diese Bastarde ab». Doch es gab längst unzählige Nachahmer auf der ganzen Welt, die in seine Fussstapfen getreten waren und immer grössere Zentren bauten.
Harsche Kritik ernteten aus gewissen Kreisen auch die Schweizer Einkaufszentren. Für eine Allianz aus lokalen Gewerbetreibenden, Raumplanern und Konsumkritikern wurde insbesondere Spreitenbach zum Fanal stigmatisiert. Anstatt Hausaufgaben zu machen, würden sich die Jugendlichen von der Konsumwelt anziehen lassen wie Motten vom Licht, um im Shoppi untätig herumzusitzen oder gar auf Diebestour zu gehen, schrieb etwa die NZZ über die «halbwüchsige Stadt».

Was bringt die Zukunft?
In der Schweiz machte sich nach der Euphorie der Anfangsjahre bald eine gewisse Sättigung bemerkbar. Im Zug des Ölschocks von 1973 offenbarte die erste grosse Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg, dass die hiesigen Einkaufszentren ein gutes Stück auf Vorrat gebaut worden waren. Für eine 10-Millionen-Einwohner-Schweiz nämlich, die damals auf das neue Jahrtausend hin prognostiziert wurde. So erging es den Einkaufszentren wie den Hochhäusern: Seit Ende der 1970er-Jahre wurden kaum mehr welche gebaut. Doch in den Nullerjahren wurden beide Bauaufgaben wieder ins städtebauliche Repertoire aufgenommen. Es entstanden wieder grosse Einkaufszentren wie das Sihlcity in Zürich, das Westside in Bern oder das Stücki in Basel.
Heute verbuchen die Schweizer Einkaufszentren 17 Prozent des gesamten Detailhandelsumsatzes. Doch es macht sich eine zunehmende Konkurrenz bemerkbar. Die bestehenden Einrichtungen begegnen diesem Umstand mit Vorwärtsstrategien: Immer grösser, immer glamouröser gebärden sich die Zentren und erneuen ihr Antlitz alle paar Jahre. Der wachsende Marktanteil des Onlineshoppings leistet bei diesem Verdrängungswettbewerb einen wesentlichen Beitrag. Was das Onlineshopping aber nie wird bieten können, ist diese eigenwillige Atmosphäre zwischen Hektik und Gemütlichkeit, wie sie nur Einkaufszentren bieten und die man liebt oder hasst.

Zwischen Konsumtempel und Dorfplatz. Eine Geschichte des Einkaufszentrums in der Schweiz. Fabian Furter und Patrick Schoeck-Ritschard, 2014 Verlag Hier und Jetzt, Baden
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