Wissen Sie, wie der Rock ’n’ Roll in die Schweiz kam? Wer der erste Schweizer Rock-’n’-Roll-Sänger war? Kennen Sie das erste Schweizer Rock-’n’-Roll-Stück und die erste Schweizer Girl Group? Während die Entwicklung des Schweizer Pop ab den 60er-Jahren gut dokumentiert ist, sind die Anfänge in den 50er-Jahren noch ein weitgehend unbekanntes Feld. «Oh Yeah!», die erste grosse Ausstellung über die Popmusik in der Schweiz von 1954 bis heute, liefert interessante neue Erkenntnisse zur Entstehung der Popmusik in der Schweiz. Die «Schweiz am Sonntag» konnte die Ausstellung, die nächste Woche im Museum für Kommunikation in Bern eröffnet wird, vorgängig erkunden.

Zuerst war der Jazz. 1954 gilt als das Geburtsjahr des Rock ’n’ Roll. Bill Haley und Elvis Presley zünden den Funken der Poprevolution, der die ganze Welt erobern sollte. Doch der neue Musikstil hatte es schwer, in der Schweiz Fuss zu fassen und blieb in den 50er-Jahren ein Randphänomen. Und doch begann die Jugend, sich zu entdecken und eigene Lebensgefühle mit eigenen Ritualen und eigener Musik zu entwickeln.

1954 war das aber noch nicht der Rock ’n’ Roll wie in den USA, sondern leichter Jazz und swingender Schlager. Etwa das Stück «Swissair» des Hazy-Osterwald-Sextetts. Ein unterhaltender, fröhlicher Jazz-Instrumental mit einer Referenz an das Volkslied «Vo Lozärn gäge Wäggis zue». Für Sam Mumenthaler ist es eine «beschwingte Vorahnung von Pop in der Schweiz». Schweizer Schlagerstars und Tanzorchester adaptierten den neuen Stil und veröffentlichen Platten, die aber «noch röckeln, statt rocken». Vom Geist des jugendlichen Aufbruchs ist darin kaum etwas zu hören.

In den 50er-Jahren gab es in der Schweiz noch keine richtige Schallplattenindustrie. Die erfolgreichen Deutschschweizer Musiker nahmen ihre Songs in Deutschland auf, die Westschweizer Musiker orientierten sich an Paris. Die französische Hauptstadt war nach dem Zweiten Weltkrieg die europäische Kulturhauptstadt Nr. 1. Via Paris erreichten die neusten Trends aus Jazz und Popkultur das Welschland früher als die Deutschschweiz.

Der erste echte Schweizer Rock- ’n’-Roller kam denn auch aus der Westschweiz. Der Sänger aus Lausanne war ein Schweiz-kolumbianischer Doppelbürger und hiess Gabriel Uribe. Unter seinem Künstlernamen Gabriel Dalar nahm er 1958 verschiedene Songs auf, unter anderen den Song «39 de fièvre», eine französische Adaption des amerikanischen Hits «Fever», dessen Text kein Geringerer als Boris Vian geschrieben hat. Der Kultautor, Chansonnier und Jazzmusiker war damals auch Leiter der Plattenabteilung bei Philips. Gabriel Dalar konnte in Frankreich einen gewissen Erfolg erzielen, verschwand aber trotzdem schnell wieder völlig von der Bildfläche. Im Zuge seiner Recherchen für die Ausstellung «Oh Yeah» versuchte Mumenthaler, den 1936 geborenen ersten echten Rock-’n’-Roller der Schweiz aufzuspüren. Vergeblich, Gabriel Dalar bleibt verschollen.

Ab Mitte der 50er-Jahre war bei den Schweizer Jugendlichen das in Mundart gesungene Heimatlied, wie wir es von den Geschwistern Schmid kennen, nicht mehr angesagt. Stattdessen haben Schlagerstars wie Vico Torriani Ferienparadiese wie Capri besungen.

Diese Fernweh-Romantik war bei sogenannten Hawaii-Bands besonders ausgeprägt. Diese exotischen Bands konnten hier wie auch in anderen europäischen Ländern einen beachtlichen Erfolg feiern. Das Phänomen der HawaiiBands ist heute fast vergessen, ist aber gerade für die Geschichte der Schweizer Popmusik mehr als eine skurrile Randnotiz. Bands wie die Hula Hawaiians und die Tahiti Hawaiians aus Basel spielten authentische Musik aus der Südsee mit Hawaii-Gitarre und Ukulele und traten mit dementsprechender Kleidung und Hula-Blumenkranz auf.

Die Hawaii-Bands sprengten stilistische Grenzen und waren auch die Ersten, die Elemente des Rock ’n’ Roll aufnahmen und in ihre Musik integrierten. Auf Initiative des Gitarristen Werner Kunz nahmen die Hula Hawaiians 1957 den Instrumental «Chimpanzee Rock» auf: es war die erste Schweizer Rock-’n’-Roll-Nummer. Es folgten 1958 die Tahiti Hawaiians mit ihrer Vokalversion von «Giddy Up A Ding Dong». Der Erfolg blieb bescheiden, der historische Wert ist umso grösser. Denn gemäss Mumen-thaler waren diese Bands die ersten in der Schweiz, die den Geist des Rock ’n’ Roll glaubwürdig und authentisch aufnahmen.

Übrigens: Der hawaiianische Südsee-Traum wird auch heute noch gepflegt. Im Hula Club in Kleinbasel. Und zwei ehemalige Mitglieder der Hula Hawaiians treten dort unter dem alten Namen noch regelmässig auf.

Aus dem Umfeld der Hula Hawaiians stammen auch die Honolulu Girls, die erste Girlgroup der Schweiz. Es waren vier junge Schülerinnen der Hula Hawaiians, die sich Ende der 50er-Jahre formierten und 1960 den Titel «Honolulu Rock» aufnahmen. Es war ein Rock-’n’-Roll-Instrumentalstück mit Hawaii-Gitarre, Jazz-Gitarre, Ukulele und Bass, das in jener Zeit auch am Schweizer Radio Beromünster gespielt wurde.

Es blieb eine kurze Episode und Frauenbands blieben in der Schweiz eine Seltenheit: Die Lady-Beats, die einzige Schweizer Girl Group der Sixties (ab 1966 The Ladys), die es sogar zu einer Profi-Karriere schafften. Kleenex (später Liliput), deren erste EP 1978, während der Hochblüte des Punk, erschien und in England vom einflussreichen Radiomacher John Peel gespielt wurde. Die Frauen-Punkband Chin-Chin aus Biel, die sich aber 1987, noch vor dem Durchbruch, auflöste. Sowie die 1987 gegründete Frauenband Les reines prochaines, die bis heute besteht. In der Schweiz Popmusik gaben die Männer noch lange den Ton an.

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