Glaubt man dem Klischee, müsste das Mitglied einer Metalband ungefähr aussehen wie sein typischer Fan: lange Haare, bedrucktes T-Shirt, bewusst rustikales Auftreten, immer ein Bier in Reichweite. Sobald die Musik dann röhrt und dröhnt, springt der Liebhaber alles an, was ihm vor den Latz kommt. Wer nachher ohne blaue Flecke nach Hause geht, hat etwas falsch verstanden. Denn ohne ein bisschen Krawall sind die schnellen, harten, lauten Gitarrenrhythmen nicht denkbar. Eigentlich. Bisher.

Aber seit einiger Zeit mischt sich etwas untypisch Liebliches in die Szene der harten Kerle. Zuerst könnte es als Persiflage auf alles verstanden werden, was Gruppen wie Black Sabbath und Slayer einst populär machten, tatsächlich aber ist es als wahre Innovation gemeint: Es geht um drei schmächtige Japanerinnen, die so niedlich aussehen, dass man sich davor fürchten möchte, die Musik zu laut aufzudrehen.

Die Mädchen, genannt Su-metal, Yuimetal und Moametal, sind zwischen 15 und 17 Jahre alt, ihre Röcke tragen sie immer kurz, die Stimmen schlagen fast so hoch an wie die der Königin der Nacht aus Mozarts «Zauberflöte». Den stilbewussten Metalfan würde das alles wohl nicht interessieren – wenn sich die Gruppe nicht den Namen «Babymetal» verpasst hätte. Die Mädchen verkaufen sich nämlich als Metalband, und haben auch noch Millionen Fans weltweit.

Genauer gesagt, sie sehen sich als Erfinderinnen des «kawaii metal», wollen zwei Strömungen zusammenbringen, die bis dato nicht zufällig in gegensätzliche Richtungen geflossen sind. Einerseits benutzen sie Elemente des Metal: Lärm, Geschwindigkeit, scheinbare Kontrolllosigkeit. So treten die Mädchen immerhin in schwarz-roten Outfits auf, kreischen mal rum, hüpfen bei Gitarren- und Schlagzeuglärm auf der Bühne gegeneinander, reissen Anarchoposen.

Dann aber klingt es auch wie lauterer Quietschpop, und das nicht nur wegen ihres niedlichen Auftretens und der perfekt synchronisierten Instrumentals. Eines der bekanntesten Lieder von Babymetal, «ijime, dame, zettai», heisst übersetzt so viel wie: «Mobbing geht wirklich gar nicht!». Ein anderer Titel, «ii ne», bedeutet: «Ach, wie schön». Es sind die typischen Themen des in Japan dominanten J-Pop, den unzählige gecastete Gruppen spielen und der immerzu die Sorgen von Teenagern behandelt – jugendfrei, ohne Fluchen oder dunkle Parallelwelten.

Es mag daran liegen, dass die ausländischen Fans die Texte nicht verstehen. Jedenfalls hat das Konzept auch jenseits Japans Erfolg. In London war die letzte Show mit 5000 Zuschauern ausverkauft. Auf ihrer derzeitigen Welttournee treten sie nach Mexiko-Stadt, Toronto und Chicago ab Ende Mai auch in München und Gelsenkirchen auf. Es folgen Strassburg, Zürich, Bologna und Wien. Und die Anhänger sind keineswegs nur Popfans, Babymetal sind mittlerweile eine Grösse der Metalgemeinde. Special-Interest-Magazine reissen sich um Interviews, auf Festivals jubeln und pogen ihnen die Klischeefans von Black Sabbath oder Slipknot entgegen.

Dabei haben die Mädchen auch mit der Metalattitüde wenig gemein. Im Interview gibt die 15-jährige Yuimetal zu: «Als ich zum ersten Mal sah, wie die ganzen grossen Männer gegeneinander springen und Crowdsurfing machen, hatte ich ein bisschen Angst.» Und Su-metal, die Leadsängerin, sagt zu ihrem privaten Musikgeschmack: «Am liebsten höre ich Ariana Grande.» Teeniepop also. Fragen zum Zigaretten- oder Bierkonsum sind laut Management sowieso tabu. Gesprochen werden darf dafür über die Schuluniform, die sie tagsüber tragen, wenn sie normale japanische Mädchen sind. «Auf dem Schulweg erkennen uns die Leute auf der Strasse meistens nicht», sagt Moametal, die Jüngste der drei. In den Bandkostümen sei aber das Gegenteil der Fall. Ihre Fans seien oft Schüler, aber auch junge Erwachsene.

Knapp fünf Jahre verbringen die Mädchen nun im Geschäft, haben es in Japan mehrmals an die Spitze der Hitliste gebracht, spielen vor 20 000 Zuschauern in den grössten Arenen Tokios. Unter den Gästen sollen auch schon die Herren von Metallica und der Guns-N’-Roses-Gitarrist Slash gewesen sein. Mit der Londoner Metalband Dragonforce entstand zuletzt eine gemeinsame CD, während Babymetal schon als Vorband für die Popdiva Lady Gaga aufgetreten sind. Bei diesem Spagat verwundert es nicht mehr, dass die Fachpresse das Ganze als Sensation begreift.

Im japanischen Kontext ergibt die ganze Idee einer niedlichen Metalband durchaus Sinn. Seit sich das Land vor rund 150 Jahren nach einer zuvor 200 Jahre langen Isolationspolitik gegenüber dem Welthandel öffnete, entstanden immer wieder verblüffende Innovationen durch Inspiration aus dem Ausland. Toyota hat gerade ein Wasserstoffauto auf den Markt gebracht, die genauesten Kameras kamen jahrzehntelang von Nikon oder Canon. Die Erfindung kam selten aus Japan, sensationelle Weiterentwicklungen aber immer wieder.

Auf ähnliche Weise wäre wohl kein Europäer oder Nordamerikaner auf das Genre «kawaii metal» gekommen. In Japan wiederum liegt dies fast auf der Hand. Die Werbebranche überflutet die Jugend mit Quietschstimmen, dünnen Beinen und Schulmädchenkostümen. Japans Popkultur, inklusive der Riesenindustrie aus Mangacomics und Zeichentrick, ist ohne grosse Knopfaugen, die Farbe Rosa und mädchenhafte Grinsegesichter kaum vorstellbar. Gleichzeitig haben die bekannten Rock- und Metalbands auch in Japan viele Fans, die sich nicht unbedingt vom Mainstream abgrenzen wollen. Und unkonventionellen Ideen – ob modisch, kulinarisch, technologisch oder eben musikalisch – ist man in Japan ohnehin aufgeschlossen.

Immer wieder hat sich die Welt von der japanischen Erfindungslust anstecken lassen. Su-metal, Yuimetal und Moametal sind längst infiziert, sagen sie. «Bei den Proben üben wir, gleichzeitig cool, süss und rau zu sein. Manchmal ist das echt schwierig», sagt Yuimetal und kichert. «Aber es bringt richtig Spass.»

Ob die Teenager auch sonst Blut geleckt haben, sich mal in einen klassischen Metalfan verknallen könnten? Beim Interview ist für diese Frage keine Zeit. Der Manager der Gruppe, der sich Kobametal nennt, sitzt wachsam neben den Mädchen. Bald mahnt er, zum Ende zu kommen. Nach einer guten Viertelstunde sind die vereinbarten 20 Minuten schon rum, mehr Zeit gebe es nicht, für einige Fragen schon gar nicht. Klingt am Ende weniger nach Anarchie, mehr nach Popbusiness.

Konzert: Mi, 3. Juni, X-Tra Zürich

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