Bis vor wenigen Jahren war es verboten, an der Art Basel, der wichtigsten Kunstmesse der Welt, zu fotografieren. Im Zeitalter des Smartphone wirkt dieser Bann aber etwa wie ein Alkoholverbot für Fussballfans. Inzwischen wird an der Art Basel, die heute zu Ende geht, wild drauflosgeknipst.

Wenn man am Eingang der Art Unlimited den Künstler Julius von Bismarck sieht, kann man gar nicht anders, als das Smartphone zu zücken. Sein Werk heisst «Egocentric System» und ist schwindelerregend: Es zeigt eine grosse drehende Schüssel, in welcher der Künstler, ein Nachkomme des deutschen Reichskanzlers, regungslos sitzt. Auch der Schreibende verfiel dem Reflex, filmte Bismarck und stellte das Video auf Facebook – mit dem Resultat, dass es innerhalb kurzer Zeit 2200-mal angesehen wurde.

Tausende Art-Besucher haben das ebenso gemacht, und die Schätzung, dass einige Millionen Menschen dadurch von Bismarcks Installation erfahren haben, ist wohl nicht übertrieben. Dasselbe dürfte für das farbenfrohe Kunstwerk «Plastic Tree» der Kamerunerin Pascale Marthine Tayou gelten: Auch daran geht kaum ein Besucher vorbei, ohne die hängenden Plastiksäckchen für sich und seine Freunde festzuhalten.

Der deutsche Kunsthistoriker und Medientheoretiker Wolfgang Ullrich befasst sich mit dem Einfluss des Medienwandels auf die Kunst. Er sagt, Smartphones und soziale Medien führten gewissermassen zu Neubewertungen der Kunst. Ullrich erklärt das anhand von zwei berühmten Gemälden der klassischen Moderne. Beide zeigen fünf nackte Frauen: «Demoiselles d’Avignon» von Pablo Picasso (1907) und «La Danse» von Henri Matisse (1908).

«Lange Zeit war unumstritten, dass Picassos Bild bedeutender ist. Es fehlt in keiner Monografie zur Kunst der Moderne, wird fast immer zum Schlüsselwerk erklärt», sagt Ullrich. Doch die Kunsttheoretiker haben ihre Deutungshoheit verloren. In den sozialen Medien und auf Bildplattformen wie Tumblr und Flickr stösst Picassos Bild kaum auf Interesse. «Das Gemälde scheint zu spröd zu sein, um Millionen von Internet-Usern zu animieren, sich selbst oder etwas anderes in Beziehung dazu zu bringen», sagt Ullrich.

Das Gegenteil lässt sich beim Matisse-Gemälde feststellen: «La Danse», von den Experten lange verschmäht, erlebt eine «sagenhafte Karriere», wie Ullrich sagt. Nicht nur wird das Original, das im Museum of Modern Art in New York zu sehen ist, millionenfach fotografiert und geteilt. Viele Menschen ahmen die Posen der Tänzerinnen auf dem Bild nach, das Motiv findet gar als Tattoo Verbreitung. Ullrich sagt dazu: «Die Phase seiner grössten Wirkung hat für Matisse vielleicht erst begonnen, und je weiter der Medienwandel fortschreitet, desto deutlicher werden die Verschiebungen im Kanon der Kunstgeschichte.»

Natürlich weiss auch die heutige Künstlergeneration um den Einfluss der digitalen Medien. Julius von Bismarck hat die rotierende Schüssel wohl bereits mit dem Gedanken geschaffen, dass sie sich gut filmen und dann reproduzieren lässt. Neue Reproduktionsmedien haben die Kunst schon immer beeinflusst. Als im 15. und 16. Jahrhundert der Kupferstich aufkam, haben Künstler damit begonnen, ihre Gemälde so anzulegen, dass sie auch schwarz-weiss reproduzierbar sind – sie haben sich beispielsweise mehr über Linien und weniger über Farben mitgeteilt.

Auch das Aufkommen der Fotografie seit dem Ende des 19. Jahrhunderts hatte Folgen. Heute geht es zwar meist noch immer um die Reproduktion mittels Fotografie (und Videos), neu ist aber, dass die Fotos über Online-Plattformen der ganzen Welt zugänglich gemacht werden können. «Diese Verbreitung, etwa das Retweeten auf Twitter, funktioniert nur, wenn ein Kunstwerk etwas besonders Pointiertes hat, wenn es bei den Menschen etwas auslöst und sie Lust bekommen, es zu teilen», sagt Kunsthistoriker Ullrich. «Dinge, die furchtbar konzeptionell sind, haben es da schwer.»

Noch lässt sich nicht absehen, wohin das führt. Letztlich wird sich die Präsenz eines Kunstwerks in den sozialen Medien positiv auf seinen Wert auswirken. Beim «Art Flipping» ist diese Tendenz bereits sichtbar. Plattformen berechnen mittels Algorithmen, welche Künstler im Netz gerade hochgespült werden, und stellen Kunstsammlern – oder sind es Kunstspekulanten? – Listen zur Verfügung. Interessante Newcomer, Blue Chips oder bereits wieder out (verkaufen!) heisst es da im Monatstakt. Und wer bezahlt, bekommt die Listen vor den anderen.

Nicht nur die Künstler, auch Museen und Galerien machen sich das zunutze. Fotografieren ist an mehr und mehr Orten erlaubt, bisweilen gar erwünscht – urheberrechtliche Bedenken werden über Bord geworfen. Das Städel-Museum in Frankfurt fordert seine Besucher auf, die Gemälde von Claude Monet zu knipsen und dann auf Instagram zu teilen unter dem Hashtag #MonetMoment. Damit erhofft man sich, andere Leute als die klassischen Museumsbesucher anzusprechen. Und das Kunsthaus Zürich offerierte bei der Ausstellung von Cindy Sherman, sich in der Selfie-Technik zu üben, ganz im Sinn der grossen Fotografin.

Die Smartphone-Manie löst auch Gegenreaktionen aus. Die Foto-Ausstellung «Wild Card» – zeitgleich in Stuttgart, Hamburg und Düsseldorf – macht sich darüber lustig, dass viele Menschen die Welt nur noch durch das Handy betrachten. In der Ausstellung hängt kein einziges Bild. Die Werke von 94 Fotografen können die Besucher nur sehen, wenn sie eine App herunterladen. Damit scannen sie kleine Bildausschnitte – und dann erscheint das ganze Foto auf ihrem Smartphone. Und nur dort.

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