Wären die CD-Booklets des Wiener Neujahrskonzertes 2016 nicht schon auf dem Weg in die Druckerei, die Wiener Philharmoniker würden am 1. Januar den Paris-Walzer von Johann Strauss’ Vater spielen. Darin erklingt kurz vor Schluss eine Dreivierteltaktversion der Marseillaise. Man würde diese solidarische Geste vor 50 Millionen TV-Zuschauern in jenem Konzert machen, das zu heftigen Diskussionen führt, da es alljährlich mit einem Militärmarsch zu Ende geht. Bezeichnenderweise dirigierte Friedensbotschafter Daniel Barenboim diesen berüchtigten Radetzky-Marsch 2014 nicht, sondern spazierte zu den Klängen durch die Reihen der Musiker. Stünde er am Neujahrstag erneut vor den Wienern, würde er bestimmt die Marseillaise in den Saal schmettern lassen. Die Zeiten ändern sich rasch.

Am Sonntag dirigierte Placido Domingo vor einer Aufführung von Puccinis «Tosca» in der Metropolitan Opera New York mitsingend die Marseillaise. Der Jubel im Publikum war enorm. Im Wembley-Stadion sangen 80 000 Menschen die französische Nationalhymne – und Millionen am TV hörten mit. Ein Mensch mit steinernem Herzen, wer trockenen Auges blieb. Noch vor zwei Monaten wurde SVP-Nationalrat Mauro Tuena belächelt, als er im Zürcher Gemeinderat sagte, er bekomme beim Hören des Schweizerpsalms Gänsehaut. Nationale Symbole feiern in Krisen ihr Comeback. Man könnte anfügen: im Krieg.

Es ist ein Glück für die Franzosen, dass sie gerade diese Hymne haben – ähnlich wie Englands «God save the Queen» ist dieses «Allons enfants de la Patrie» eine Pop-Hymne geworden.

Gewiss: Nationalhymnen haben Symbolcharakter. Dass wir Schweizer das kaum fühlen, zeigt nur, in welchem Wohlstandsglück wir baden. Wir brauchen keine das Nationalbewusstsein stärkende Melodie: Der Schweizerpsalm ist uns gerade recht, um bei einer Siegerehrung unsere Emotionen bis zu einem Tränchen hochgehen zu lassen.

Die Marseillaise ist kein Psalm, sondern ein grobschlächtiger Kriegsmarsch. Wen wunderts, dass es zahlreiche Anti-Fassungen gibt: eine von Chansonnier Serge Gainsbourg, eine von Graeme Allwright, der sie 2005 als Antwort auf die Forderung Sarkozys verfasste, dass jedes Kind in Frankreich die Nationalhymne auswendig lernen sollte. «Skandal!» wurde damals von links geschrien. Heute singt keiner die Hymne so stolz wie Sozialist François Hollande.

Der Triumph dieser Hymne ist ihre grandios entschlossene Musik, dieser zielgerichtete Marsch. Hauptmann Joseph Rouget de Lisle hat sie am 26. April 1792 komponiert – mit dem Lied gings gegen die Krone Deutschlands und Ungarns in die Schlacht. Als die Soldaten aus Marseille nach dem Sieg in Paris einzogen, sangen sie es. 1795 war ihre «Marseillaise» bereits die französische Nationalhymne: ein Symbol der Revolution.

Die Worte dieser Hymne wurden sowohl vom Volk wie von Gebildeten verstanden – bald weltweit. Zu perfekt ist dieses Lied, selbst tausendfach repetiert, verkommt es nicht so leicht zu Kitsch.

Mit diesem simplen Marsch schreit Frankreich sich seine Trauer aus dem Bauch. Wo gesprochene Worte fehlen, werden sie seit je gesungen. Die Letten bewahrten in ihren Volksliedern über die Jahre der sowjetischen Knechtschaft zwischen 1945 und 1990 ihr Nationalbewusstsein. Die Passionen und Kantaten eines J. S. Bach, die Orchestermessen von Mozart, Haydn, Bruckner und Beethoven verkünden bis heute Gottes Wort besser als der beste katholische Rhetoriker.

Diese Kraft hat auch die Marseillaise. Die Worte von Frankreichs Präsident François Hollande letzte Woche vor den beiden Parlamentskammern im Schloss Versailles waren deutlich. Aber als dann die Versammlung die Marseillaise anstimmte, war der «Jetzt ist Krieg!»-Schrei mit Blut gezeichnet. Die Hymne klang schauerlicher als je zuvor. Das lag auch daran, dass man wegen der fehlenden Orchesterbegleitung zu tief begann: Die Melodie klang düsterer als sonst. Und wird die Hymne so schleppend wie in Versailles gesungen, da niemand den Takt angab, bekommt sie einen traurig-tragischen Zug.

Musik wird hier zur Fortsetzung der Politik. Diesen Zug wissen vor allem Diktaturen zu nutzen. Stalin war gewisse Musik aber auch so suspekt, dass 1934 selbst ein Komponist wie Dmitri Schostakowitsch um sein Leben fürchten musste. Hitlers Kriegszug gegen die «entartete Musik» begann kurze Zeit später – andere Klänge wurden masslos gefeiert.

Bisweilen wirds einem heute noch unwohl, wenn eine Blaskapelle die deutsche Nationalhymne schmettert. Und auch die blutrünstige Marseillaise ist kein Kinderlied. Doch dieser Tage geniessen wir sie. Ungeheuerlich, wie das Lied bereits im Kinoklassiker «Casablanca» die deutschen Offiziere, die im Café das Wehrmachtslied «Die Wacht am Rhein» singen, zerschmettert. Die von Jubel und Tränen begleitete Szene zeigt: Diese Töne sind so stark, dass sie einem Volk Freiheit versprechen können.

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