Von Rudolf Amstutz

Am Anfang war die Idee, eine verrückte Komödie zu machen», sagt John Turturro, der sichtlich aufgeräumt in einem New Yorker Hotel sitzt und über «Fading Gigolo», seine fünfte Regiearbeit, spricht. Aus der «verrückten» Komödie wurde im Laufe der Entstehung ein kleiner, feiner New-York-Film, der mit Sharon Stone, Sofia Vergara, Liev Schreiber, Vanessa Paradis, Woody Allen und Turturro grandios besetzt ist. Die subtilen Untertöne im fertigen Drehbuch seien Allen zu verdanken, gibt Turturro unumwunden zu. «Woody ist der Meister der nuancierten Andeutung. In dieser Hinsicht konnte ich viel von ihm lernen.»

Dass es zu einer Zusammenarbeit der beiden gekommen ist, dafür ist ihr gemeinsamer Coiffeur verantwortlich. «Als ich wieder mal bei Anthony zum Haareschneiden war, erzählte ich ihm von meiner Absicht, einen Film über einen untypischen Gigolo zu drehen», schmunzelt er. «Kurz darauf hatte ich Woody am Telefon. Anthony hatte ihm erzählt, ich hätte eine spannende Idee.»

In «Fading Gigolo» spielt Turturro den Floristen Fioravante, Allen seinen väterlichen Freund Murray. Weil beide finanziell nicht auf Rosen gebettet sind, hat Murray die Idee, seinen Kumpel zum Gigolo umzukrempeln. Dieser absurde Auftakt gelingt in der Tat nur durch einen Stadtneurotiker, wie ihn einzig Woody Allen mimen kann. Ginge der Film so weiter, wäre er eine Klamotte ohne Tiefgang. Doch «Fading Gigolo» wandelt sich in der Folge zu einer erotischen Komödie mit leisen Untertönen, die so gar nichts mit blossen Männerfantasien zu tun hat. Dies zeigen allein schon die verschiedenen weiblichen Charaktere, angefangen bei Dr. Parker, gespielt von Sharon Stone, einer attraktiven Ärztin, die aber längst vom Ehemann für eine Jüngere verlassen worden ist, sowie ihrer Freundin Selima, feurig interpretiert vom Latino-Star Sofia Vergara.

Doch eigentlicher Star des Films ist die von Vanessa Paradis verkörperte Avigal. Eine chassidische Jüdin, verwitwet und Mutter von sechs Kindern. «Sie ist das Herz des Films», schwärmt Turturro, «obwohl es so nicht gedacht war.» «Ein Film», so der Regisseur und Drehbuchautor, «beginnt irgendwann ein Eigenleben zu entwickeln. Vanessa hat ihrer Rolle eine derart magische Dimension verliehen, dass sich die ganze Geschichte darin zu spiegeln beginnt.»

Dank dieses Charakters verwandelt sich «Fading Gigolo» von einer spritzigen, aber an der Oberfläche haftenden Komödie zu einem Film, der deutlich Turturros Handschrift zeigt. Er, der das Unterschwellige, den Widerspruch so brillant in zahlreichen Filmen verkörperte, allen voran in den Werken von Spike Lee oder den Coen Brothers, hat in diesem Film nicht sich selbst, sondern Vanessa Paradis zum eigentlichen Turturro-Charakter gemacht.

Als orthodoxe Jüdin ist es Avigal verboten, nackte Haut zu zeigen oder sich von anderen Männern berühren zu lassen. Als religiös erzogener New Yorker süditalienischer Abstammung war Turturro vom Spannungsfeld zwischen Sexualität und Religion schon immer fasziniert. «Dort geschieht wirklich Spannendes», meint er. «Das zieht sich durch die ganze Filmgeschichte hindurch. Federico Fellini, Luis Buñuel, Louis Malle oder Ingmar Bergman, alle haben dieses Thema ausgelotet. In einer Welt, in der alle Hüllen weitgehend gefallen sind, wird es aber immer schwieriger, dies visuell umzusetzen.»

Turturro hat es geschafft. Und in das glitzernde, vom Kapitalismus getriebene Manhattan als Gegenpol ein in sich gekehrtes Brooklyn eingeflochten. Eine Gegenwelt, die der Versündung trotzt und trotzdem immer wieder der Versuchung anheimfällt. Und so reist die neugierige Avigal tatsächlich zum ersten Mal in ihrem Leben nach Manhattan, um auf Anraten Murrays Fioravante aufzusuchen. Die erste Begegnung der beiden wird zum Dreh- und Angelpunkt eines Films, der in seiner Leichtfüssigkeit mehr zeigen will, ohne es dem Betrachter gleich unter die Nase zu reiben.

Der Film offenbart den Tiefgang nur ansatzweise, weil sich «Fading Gigolo» als simple romantische Komödie besser verkaufen lässt. Für alle, die hinter der Leichtfüssigkeit mehr entdecken wollen: an Andeutungen mangelt es nicht. Auf jeden Fall trägt «Fading Gigolo» zum Ruf Turturros bei, den er weitherum geniesst. Man sagt, er sei einer jener Männer im Filmbusiness, der Frauen wirklich versteht. Und er verrät sein Geheimnis: «Ich kann zuhören. Ich habe mein ganzes Leben mit Frauen verbracht. Zuerst war ich Sohn, nun Ehemann. Und als oberstes Gebot gilt: Shut up and listen. So einfach ist das.»

«Fading Gigolo», ab 7. August im Kino.

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