Dichte muss kein Stressfaktor sein. 1146 Schweizer Museen zählte der Verband der Museen der Schweiz (VMS) in einer aktuellen Erhebung. Die gleichmässig auf alle Landesteile verteilten Häuser hatten letztes Jahr 3 311 487 Besucher. Szenen wie vor dem Louvre, wo täglich 15 000 Menschen in Warteschlangen dicht gedrängt auf Einlass warten, kennt man in der Schweiz nicht. Nur 35 Häuser haben jährlich mehr als 100 000 Besucher.

Besuchermagnet, so suggeriert das Ranking der meistbesuchten Museen der Schweiz, ist alles, was mit der Marke Swissness wirbt: Züge und Schokolade stehen hoch im Kurs. Dabei machen beim Spitzenreiter Schweizer Verkehrshaus in Luzern (519 381 Besucher) ausländische Touristen bislang nur zehn Prozent aus. Das soll sich mit der soeben eröffneten, vom Unternehmen Lindt mitfinanzierten Schokoladenausstellung «Swiss Chocolate Adventure» ändern. Mit Schokolade verführt auch das bestbesuchte Museum der Westschweiz, das Maison Cailler in Broc im Kanton Freiburg, das die Geschichte des Schokoladeherstellers sinnlich aufbereitet.

Das beliebteste Kunstmuseum ist mit 334 508 Besuchern die Fondation Beyeler in Riehen BL. Die Hälfte der Besucher kommt aus dem Ausland. Das Bernische Historische Museum erkämpfte sich mit seinen Chinesischen Terrakottakriegern im letzten Jahr einen Besucherrekord (343 118 Eintritte). Normalerweise bewegen sich die Eintritte zwischen 80 000 und 90 000.

Vier der zehn meistbesuchten Museen liegen in der Westschweiz. Für einen Museumsbesuch extra über den Röschtigraben zu springen, geht den meisten Deutschschweizern aber zu weit. David Vuillaume, Generalsekretär des VMS, hat dafür eine Erklärung: «Die Museen in der Westschweiz haben eine starke internationale Ausrichtung.» National werden sie weniger wahrgenommen. Deshalb wissen die Deutschschweizer nichts von den vielen Bussen, die täglich vor dem Olympischen Museum in Lausanne Touristen ausspucken.

Was das Trägermodell der Schweizer Museen von denen anderer Länder unterscheidet, ist die Vielfalt. Schweizer Museen können mehr Finanzierungsquellen anzapfen als ihre ausländischen Nachbarn. Das macht sie unabhängiger. Das Bundesamt für Kultur unterhält selbst einige Häuser und Sammlungen, verteilt aber auch Betriebskostenbeiträge an nicht staatliche Institutionen, Sammlungen und Netzwerke, die bei der Bewahrung des Schweizer Kulturerbes eine Schlüsselrolle spielen.

Darunter befinden sich die besucherreichsten Häuser wie das Verkehrshaus der Schweiz, das Technorama in Winterthur oder das Freilichtmuseum Ballenberg. 2013 wurden insgesamt 7,8 Millionen ausgeschüttet. Das ist nichts angesichts der viel höheren Förderbeiträge von Kantonen und Geweltwmeinden, die in der Schweiz die Kulturförderung mehrheitlich tragen.

Dass Museen in der Schweiz neben diesen staatlichen Geldern auf Unterstützung von Firmen, Stiftungen und Mäzenen zählen können, wertet David Vuillaume als Zeichen dafür, dass Museen in der Schweiz von der ganzen Gesellschaft und nicht nur von einer elitären Minderheit akzeptiert sind. Der Schweizer Museumsbesucher ist kein Bildungsbürger mit akademischem Abschluss. Er kommt aus allen Schichten. «Da in der Schweiz Museen an der Basis gegründet und nicht von ganz oben diktiert werden, erfüllen sie die Bedürfnisse der Bevölkerung. Deshalb gibt es hier überall Museen, von der Stadt bis ins kleinste Dorf», sagt Vuillaume.

Wer nur auf die Top 10 schielt, übersieht die Top 1000, von denen 36 Prozent lokale und regionale Museen sind. Oft erhalten diese kleinen Ortsmuseen, welche die Geschichte und Alltagskultur eines Ortes dokumentieren, wenig bis gar keine Unterstützungsgelder. Ihre oft ehrenamtlichen Betreiber sind in Vereinen organisiert.

Auf diese kleineren Häuser, die oft nur einen eingeschränkten Museumsbetrieb haben, folgen die thematischen Museen (18 Prozent) und die Kunstmuseen (17 Prozent). Letztere verzeichnen gesamthaft am meisten Eintritte. In den hinteren Rängen rangieren die technischen (9 Prozent), die historischen und die naturwissenschaftlichen Museen (je 8 Prozent).

Da es in der Schweiz keinen staatlichen Preis gibt, der die Aufmerksamkeit auch auf kleinere Häuser lenken könnte, wirbt der VMS verbandsintern seit Jahren für den Europäischen Museumspreis (EMYA). Seit 1977 wird er vom Europäischen Museumsforum (EMF) an Museen verliehen, ungeachtet ihrer Grösse, Trägerschaft oder ihres Bekanntheitsgrades.

Bewerben können sich Häuser, die in den letzten drei Jahren einen Umbau oder andere Neuerungen erfahren haben. Schweizer Preisträger waren bisher das Museum Sarganserland (1983) und das Olympische Museum in Lausanne (1995), das auch für das Jahr 2015 wieder beste Chancen auf eine Nomination hat. Das gilt auch für das ausgebaute und erneuerte Internationale Rotkreuz- und Rothalbmond-Museum in Genf.

In der Öffentlichkeit wird der Preis kaum wahrgenommen. So geht vergessen, dass Schweizer Museen bei den Nebenpreisen in den letzten Jahren abgeräumt haben. 2009 erhielt das Museum für Lebensgeschichten im appenzellischen Speicher die zweithöchste Auszeichnung. Dieses Jahr bekam das Saurer- Museum in Arbon den Siletto Award für das beispiellose Engagement seiner 60 ehrenamtlichen Betreiber. Das «Museum mit dem höchsten Eigenfinanzierungsgrad der Schweiz», nennt es sein Gründer Rudolf Baer. Sein Museum, das es mit den hochsubventionierten Flaggschiffen aufnehmen kann, erbringt den Beweis dafür, auf wie vielen Wegen Museen in der Schweiz erfolgreich sein können.

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