Die Krim-Krise erreicht die Schweizer Kultur. Das Mariinsky Orchestra kommt in die Schweiz mitsamt einem Dirigenten, der in Deutschland heftigste kulturpolitische Diskussionen auslöst. Angeführt wird das Petersburger Orchester nämlich von einem Musik-Fürsten, dem «Zar» Wladimir Putin ein Reich geschaffen hat, das ihm absolute Macht in Russlands Musikleben garantiert. Und nebenbei laut «Forbes» 15 Millionen Schweizer Franken Einkommen pro Jahr. Stolz zeigte sich der «Held der Arbeit» bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in Sotschi als Fahnenträger, ab 2015 wird er Chefdirigent der Münchner Philharmoniker.

Valery Gergiev heisst der 61-jährige Dirigentenfürst, der von Mailand, über Zürich bis New York schon überall bejubelt wurde. Ob das in Zukunft auch so sein wird, ist nicht so sicher. Gergiev hat nämlich zusammen mit mittlerweile 511 anderen russischen Künstlern einen Pro-Putin-Aufruf unterzeichnet, der das Vorgehen in der Ukraine und auf der Krim billigt: «In den Tagen, in denen sich das Schicksal der Krim und unserer Landsleute entscheidet, können die Kulturschaffenden Russlands nicht gleichgültige, kaltherzige Beobachter sein. Unsere gemeinsame Geschichte und gemeinsamen Wurzeln, unsere Kultur und ihre geistigen Ursprünge, unsere Grundwerte und Sprache haben uns auf immer vereint. Wir wollen, dass die Gemeinschaft unserer Völker und unserer Kulturen eine starke Zukunft hat. Deshalb erklären wir felsenfest, dass wir die Position des Präsidenten der Russischen Föderation zur Ukraine und zur Krim unterstützen.»

Wer diese Worte als blosse freie Meinungsäusserung deutet, missachtet das Völkerrecht. Und so fragt denn die «Frankfurter Allgemeine Zeitung», ob sich München einen Gergiev noch leisten kann, und antwortet mit «eher nein». Mit Hinweis darauf fragten wir, ob es sich Migros-Kulturprozent Classics leisten könne, Gergiev auf eine Tournee durch die Schweiz zu schicken. Nicht nur Gergiev wird im Mai auf dem Podium stehen, sondern mit Dennis Matsuev ein weiterer sogenannter «Volkskünstler Russlands» und Unterzeichner des Putin-Manifests – gleich zwei kulturelle Botschafter von Putins Russlands.

Die Antwort von Hedy Graber, Leiterin der Direktion Kultur und Soziales beim Migros-Genossenschafts-Bund, ist deutlich: «Die Migros-Kulturprozent-Classics konnten Maestro Valery Gergiev – einen der weltbesten und spannendsten Dirigenten unserer Zeit – sowie Denis Matsuev, einen der führenden Interpreten des russischen Klavier-Repertoires, und das renommierte Mariinsky Orchestra bereits vor Jahren für die Tournee engagieren. Wir bleiben auch in diesem Fall unserem Engagement treu, unserem Publikum die bestmöglichen Musiker aus aller Welt in ihrem Kern-Repertoire zu präsentieren. Wir sind überzeugt, dass die Konzerte mit dem Mariinsky Orchestra für das Schweizer Publikum ein grossartiges Erlebnis sein werden.»

Die Migros lässt Gergiev als ihr Aushängeschild gelten. München macht genau diese Aushängeschild-Symbolik Bauchweh. Die «FAZ», die «Zeit» und die «Süddeutsche Zeitung» äussern alle grosse Bedenken und weisen auf die Zweifel im Münchner Stadtrat hin. Dort will man das Engagement nochmals überdenken. Gergiev müsse sich «erklären», fordern die Grünen. Wenn er sein Vorgehen unverändert für richtig halte, sei er als Chefdirigent der Philharmoniker untragbar.

wie Graber kennt auch Martin Engstroem, Intendant von Verbier Festival, keinen Zweifel an Auftritten der Putin-Anhänger. Engstroems Antwortmail kommt aus Petersburg, er sitzt dort in der Jury des Tschaikowsky-Wettbewerbs, der dank Gergievs Initiative und Putins Geldsprechung wieder viel an Schwung und Glanz gewonnen hat.

Engstroem sagt, dass er nie im Leben glaubte, jemals die Auftritte von Gergiev, Matsuev oder Yuri Bashmet verteidigen zu müssen. Im Gegenteil: Er schätzt sich glücklich, diese Musiker jährlich in Verbier zu haben, wo sie mit ihrer Arbeit inspirierend auf die nächste Musikergeneration einwirken. «Die genannten Künstler müssen ihre Gründe gehabt haben, warum sie eine offensichtlich sehr umstrittene Sache unterstützen. Es ist ihr Recht, Stellung zu beziehen. Solange sie nicht für irgendwelche kriminellen Taten verurteilt worden sind, weiss ich nicht, warum sie nicht in Verbier auftreten sollen.»

Ähnlich, wenn auch mit einem Pianissimo-Zwischenton, klingts aus Luzern, wo Gergiev am Lucerne Festival im Sommer auftritt. Intendant Michael Haefliger sagt: «Wir bieten dem Publikum im Sommer mit dem Konzert von Valery Gergiev und dem Mariinsky Orchestra ein herausragendes musikalisches Highlight auf höchstem künstlerischem Niveau. Grundsätzlich sind wir der Meinung, dass Kunst und Politik voneinander getrennt sein sollten – gleichzeitig verfolgen wir die Situation in Russland mit grosser Aufmerksamkeit.»

Doch ist Musik so unpolitisch? Hat nicht die deutsche wie auch die sowjetische Geschichte im 20. Jahrhundert deutlich das Gegenteil gezeigt? Erstaunlich, wer sich alles vor den Karren der Nationalsozialisten spannen liess.

In Luzern war man nach dem Zweiten Weltkrieg schnell bereit, die anderswo mit Auftrittsverbot belegten deutschen Ex-NSDAP-Künstler zu engagieren. Herbert von Karajan war der Stadt dafür ewig dankbar. Wie kraftvoll politisch selbst leise Töne sind, zeigte der in Lettland geborene Geiger Gidon Kremer vor zwei Wochen in der Tonhalle. Vor der Zugabe wandte er sich ans Publikum, sagte, man müsse Haltung zeigen, und spielte ein kleines Stücklein des Ukrainers Valentin Silvestrov.

Kremer spielt Ende Mai bei «Zaubersee» in Luzern – einem Festival, das noch im Februar im Programm die «Ostchem» als Sponsor führte, sie nun aber gestrichen hat. Kein Wunder: Ostchem-Chef Dmytro Firtasch, ein ukrainischer Oligarch, ist mittlerweile verhaftet worden. Geblieben sind andere reiche Russen: Andrey Cheglakovs Stiftung und private (Familie Shmelev, Vladimir Kuznetsov und Olga Malova).

Ob bei «Zaubersee» oder anderswo: Das russische Geld bleibt in der Kulturwelt genauso wichtig wie der Rohstoffhandel für die Wirtschaft. Die Verflechtung ist offensichtlich. Die Credit Suisse sponsert das Bolschoi-Theater Moskau. Sein Generaldirektor Wladimir Urin ist Mitunterzeichner der Pro-Putin-Liste.

Nebenbei: Es geht auch ohne. Operndiva Anna Netrebko und Geigerstar Vadim Repin taten zwar mit bei Putins Olympia-Eröffnungsshow, unterzeichneten den Brief aber nicht.

Brisant: Im Falle Gergievs geht es nicht «nur» um die aktuelle Krise. München diskutierte schon im Dezember über den Dirigenten: Damals entschuldigte Gergiev die staatliche Hatz auf Homosexuelle in Russland damit, es würde nur um den Schutz der Kinder gehen. Eine infame Verbindung von Homosexualität und Pädophilie. Die Folge davon waren Proteste in München und zurückgegebene Konzertkarten in London. Jetzt kommt die Billigung des Völkerrechtsbruchs von Russland hinzu. Wird das alles dem Schweizer Publikum egal sein?

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