Von Jörg Zittlau

Glück hält gesund, Optimisten leben länger – so heisst es gemeinhin. Doch neuere Forschungen zeigen: pessimistische und sogar depressive Menschen können gesundheitlich besser gewappnet fürs Leben sein. Und Glück hält nur dann gesund, wenn es nachhaltig und aufopfernd gelebt wird.

Er war ein Flötenspieler und lebhafter Unterhalter, ging täglich mit seinem Pudel spazieren und strotzte bis ins hohe Alter vor Gesundheit und Vitalität: Arthur Schopenhauer. Dabei gilt er als der Pessimist schlechthin, sein Satz «Alles Leben ist Leiden» ist legendär. Und der Frankfurter Philosoph steht nicht allein, auch andere Pessimisten erfreuen sich bester Gesundheit.

So entdeckten Wissenschafter aus der Schweiz und aus Deutschland in einer Studie an Senioren, dass Schwarzseher eher mit einem langen Leben rechnen dürfen. Wer hingegen seine künftige Zufriedenheit als überdurchschnittlich hoch einschätzt, hat sogar ein um zehn Prozent erhöhtes Sterberisiko. Besser also, man sieht seine Zukunft nicht ganz so rosig.

Bleibt die Frage, warum Schwarzsehen das Leben verlängert. Einer der Studienleiter, der Erlanger Psychogerontologe Frieder Lang, vermutet, dass pessimistische Zukunftserwartungen dazu ermuntern, «noch besser auf die eigene Gesundheit zu achten und sich vor Gefahren zu schützen». Nach dem Muster: Das Schicksal meint es nicht gut mit mir, also muss ich vorsichtig sein und auf mich achtgeben. Es gibt aber noch eine weitere Erklärung: dass nämlich Pessimisten sich nicht im Erreichen unrealistischer Ziele erschöpfen. Auf diese Weise sparen sie Kraft, während hemmungslose Optimisten selbst in ausweglosen Situationen noch kämpfen und dadurch riskieren, körperlich und psychisch über ihre Grenzen zu gehen.

Doch nicht nur pessimistische, sogar depressive Menschen sind nicht so krankheitsanfällig, wie weithin vermutet wird. Es könne bei ihnen durchaus, wie Psychiatrieprofessor Volker Arolt vom Universitätsklinikum Münster betont, «eine Aktivierung von Immunfunktionen vorliegen». Gerade im Körper akut depressiver Patienten kreisen viele weisse Blutkörperchen und sogenannte Akutphasenproteine, die eine Schlüsselrolle bei akuten Entzündungen spielen. Die Betroffenen neigen also wohl zum Selbstmord, doch ihr Immunsystem macht dafür den Krankheitserregern den Garaus. Die Ursachen dafür liegen wohl vor allem im Erbgut.

Ein Forscherteam der University of California hat die derzeit bekannten Gen-Varianten untersucht, die hinter einer Depression stecken, und dabei festgestellt, dass jede Einzelne von ihnen mit dem Immunsystem verknüpft ist. Was Studienleiter Andrew Miller als deutlichen Hinweis darauf interpretiert, «dass die Evolution depressive Symptome und die Immunabwehr genetisch zusammengeschmiedet hat, um tödlichen Infektionen die Stirn zu bieten». Getreu der Strategie: Nichts hilft besser gegen gefährliche Keime als ein starkes Immunsystem und der Rückzug aus dem gesellschaftlichen, bekanntermassen hochinfektiösen Miteinander.

Pessimistische und Depressive können also – auch wenn es nicht zu ihrer Lebenshaltung passt – frohlocken: Ihre Perspektiven auf ein gesundes und langes Leben sind gar nicht so schlecht. Umgekehrt dürfen sich die Glücklichen nicht darauf verlassen, dass sie von Krankheiten weitgehend verschont bleiben. Denn das hängt davon ab, aus welchen Quellen ihr Glück gespeist wird. Die US-amerikanischen Glücksforscher Steven Cole und Barbara Fredrickson befragten 80 Männer und Frauen nach ihren persönlichen Glücksmomenten, die sie dann zwei Arten des Wohlgefühls zuordneten: einerseits der hedonistischen Erfüllung konkreter Wünsche, wie etwa dem Bedürfnis nach Sex und einem 3-D-Fernseher, und andererseits dem eudaimonischen Streben nach einem sinnerfüllten Leben, das im Dienste der menschlichen Gemeinschaft geführt wird.

Diesen Glückstyp könnte man auch als «nachhaltig» und «aufopferungsvoll» bezeichnen, während sich der hedonistische Typ eher durch Begriffe wie «konsumorientiert» und «egozentrisch» beschreiben lässt.

Die Wissenschafter erhoben dann die immungenetische Ausstattung ihrer Probanden. Dabei stellte sich heraus, dass der Hedonistenorganismus zwar darauf geeicht ist, relativ schnell Entzündungen und Blutgerinnungsprozesse einzuleiten, dafür aber nur mässig gegen Viren und andere Erreger aufgestellt ist. Bei den aufopferungsvollen Eudaimonikern ist es hingegen genau umgekehrt. Was im Endeffekt bedeutet, dass der Hedonist eher ein ungünstiges Immunprofil besitzt. Er ist schlechter vor Infekten geschützt. Über dies verstärkt seine ausgeprägte Neigung zu Entzündungen und Gerinnungen die Tendenz zu Gefässverschlüssen und Arteriosklerose – und erhöht damit sein Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Was natürlich die Frage aufwirft, warum ausgerechnet er damit gestraft wird und nicht einfach gesund glücklich sein darf.

Die Antwort ist gemäss Cole – wieder einmal – in der Evolution zu suchen. Wenn man nämlich davon ausgeht, dass der Hedonist egozentrisch darauf fixiert ist, seine sinnlichen Bedürfnisse zu befriedigen, dürfte er in früheren Zeiten als Einzelkämpfer durch die Wildnis gelaufen sein, sodass ihn die Evolution sinnvollerweise darauf trimmte, blutende Wunden schnell verschliessen zu können. Nur heute, in der industriellen Welt, gibt es diese Wildnis nicht mehr, und damit wurde die Taktik der übersensiblen Blutgerinnung zu einem Irrweg, der schlimmstenfalls im Herzinfarkt endet.

Der Hedonist mag sich zwar in der modernen Konsumgesellschaft mehr aufgehoben fühlen als je zuvor, doch immuntechnisch lebt er in der Vergangenheit – und das verschlechtert seine gesundheitlichen Perspektiven enorm.

Besser also, man setzt auf die eudaimonische Glückskarte, denn die aktiviert das Immunsystem gegen die Keime vom Nachbarn. «Andere glücklich zu machen ist auch für die eigene Gesundheit besser, als nur glücklich zu sein», erklärt Psychiatrie-Professor Cole. Was übrigens auch der Philosoph Schopenhauer so sah. Für ihn gab es nämlich neben der Musik nur einen Ausweg aus dem «Jammertal des Daseins»: das Mitleid.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper