Von Anna Kardos

Ein «unbeschreiblicher Trübssinn» habe sie befallen, notierte Clara Schumann 1842 in ihr Tagebuch. Denn die Pianistin, Komponistin und Mutter einer einjährigen Tochter hatte gemerkt, dass sie erneut schwanger war. Eben noch waren ihre Finger in ganz Europa über die Klaviertasten der grossen Konzertsäle geschwebt. Ab jetzt würden sie in den heimischen Wänden Wäsche waschen, wickeln, wiegen.

Kunst und Kinder – diese Verbindung scheint Mitte des 19. Jahrhunderts in etwa so verträglich wie ein Funke und ein Benzinkanister. Nicht, dass Frauen sich damals künstlerisch nicht betätigen durften: Eine adrett gesungene Arie der heranwachsenden Tochter war die Zierde jeder Familie, das lieblich gemalte Stillleben zeugte vom Geschmack, mit dem sie später das Mobiliar aussuchen würde. Aber Kunst als Beruf? Das war des Guten eindeutig zu viel.

Zweihundert Jahre später: Wild sind die schwarzen Locken, leidenschaftlich die Töne, die Martha Argerich dem Konzertflügel entlockt. Die Pianistin ist eine weltweit gefeierte Musikerin – und dreifache Mutter! Der Inbegriff eines erfüllten Künstlerinnenlebens? Dass der Pianistin das Sorgerecht für ihre älteste Tochter entzogen wurde, zerschlägt das Bild der Familienidylle. Offenbar ist es bis heute kein Kinderspiel, wenn eine Frau genauso intensiv mit Kindern wie auf dem Klavier spielen will.

Jahrhundertelang stellten sich deshalb künstlerisch ambitionierte Frauen die Frage «Sein oder Nichtsein» nur rhetorisch. Denn auf ein Nichtsein lief es ohnehin hinaus. Man durfte allenfalls noch wählen, ob man auf Kinder oder die Kunst verzichten wollte. Zwar nahmen einzelne Kunstakademien um 1850 herum Frauen auf, doch galt das nur für unverheiratete. Eine Ehefrau mit Kindern? Das hiess quasi «eine Frau hoch zwei». Und so ging eher ein Kamel durchs Nadelöhr als eine Mutter durchs Tor einer Kunstakademie.

gelang es einer doch, in die heiligen Hallen der hehren Kunst vorzustossen, galt sie nun als lustiger Tollpatsch mit Farbklecksen auf der Nase und wirrem Haar. Als solche wurde sie dann von männlichen Kollegen gerne porträtiert. Überhaupt hing die weibliche Kunst oft an einem Haar, besser gesagt: an der Frisur, wie die Malerin Berthe Morisot beschreibt: «Ich zog los, um ein Aquarell zu malen, aber der Wind wehte heftig, mein Hut flog davon, und das Haar fiel mir in die Augen. Eugène (der Mann) bekam schlechte Laune, wie immer, wenn mein Haar unordentlich aussieht – und so waren wir drei Stunden nach unserem Aufbruch wieder zu Hause.»

Kein Wunder. Denn was war schon die Bedeutung einiger Pinselstriche, wenn es galt, den frisurtechnisch untermauerten Anstand einer Ehe zu wahren? Überhaupt hatte die Berufung einer Frau sogar noch um 1900 Ehe und Mutterschaft zu sein, wie Frances Hodgkins – selbst Malerin – ihrer Schwester erklärt: «Was kannst du Besseres tun, als vier Kinder aufzuziehen? Meine Kunst ist für mich alles – aber ich weiss, dass sie nicht das Höchste im Leben oder das für eine Frau richtige Leben bieten kann.»

Also stellten Mütter, die sich künstlerisch durchsetzen wollten, auf stur. Etwa in den 1950er-Jahren Niki de Saint Phalle. Eben zum zweiten Mal Mutter geworden, lernte sie den Künstler Jean Tinguely kennen. Fünf Jahre später verliess sie Mann und Kinder, um sich der Kunst zu widmen. «Das Schlimmste, was eine Frau tun kann», urteilte sie selbst. Und die Schweizer Künstlerin Pipilotti Rist bekennt noch im 21. Jahrhundert: «Ich muss stur sein, um meine Arbeiten fertig zu kriegen, um keine Kompromisse zu machen. Diese Art Vorbild ist mir sympathischer als die Vorstellung, talentierter zu sein als alle anderen.» Offenbar ist der Starrsinn berechtigt. Denn noch immer verschwinden sogar berühmte Künstlerinnen wie Anna Netrebko im Bermudadreieck Wickel- kommode–Babybett–Buggy.

Ist Mutterschaft also ein dunkles Kapitel der Kunstgeschichte? Zumindest in den letzten Jahren scheinen die Fronten zwischen Kind und Kunst zu fallen, wie das Beispiel der Autorin Doris Knecht zeigt. Die Wienerin ist nicht nur Mutter und Autorin. Sie macht ihre Mutterschaft auch zum Thema ihrer Bücher: «Der Lange (der Mann) zielt, schiesst, der Ball springt dem Kind an die Stirn, bong. Oje. Das wird das Vater-Tochter-Verhältnis nicht wesentlich optimieren, die Mutter muss her. Weil ich mein Kind kenne, hab ich beim ersten Brüller Moritz von Uslars kolossal erstklassigen Roman fallen gelassen und bin längst unterwegs, um zu trösten und um den Graben zwischen Vater und Kind so weit wie möglich wieder zuzuschaufeln.»

Endlich. Eine waschechte Mutter, die eine genauso waschechte Schriftstellerin ist! Es besteht also Hoffnung. Noch sind Künstlerinnen wie Doris Knecht zwar nicht an der Tagesordnung, doch gelingt es immer mehr Frauen, Kunst und Kinder unter einen Hut zu bringen. Ein bisschen müssen dabei auch die Väter mithelfen. Oder wie es Pipilotti Rist formuliert: «Wozu habe ich einen Mann? Im Ernst: Ich höre das Kindchen nie, wenn es schreit. Er hört es immer.»

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