Schon Platon wusste um die Macht der Musik. In seinem Entwurf des idealen Staates verbot der griechische Philosoph (427–447 v. Chr.) bestimmte Tonarten. Er war überzeugt, dass gewisse Töne und Tonfolgen aufrührerische Kräfte wecken konnten. Musik als staatsbedrohende Subversion.

Musik erfreut unser Herz, unsere Sinne, weckt Emotionen, bringt uns zum Lachen und Weinen. Aber Musik kann auch verführen, weshalb sie immer wieder in den Dienst von Ideen und Ideologien genommen wurde, in eine Allianz mit der Macht. Im absolutistischen Staat von Louis XIV. wurde das Bündnis perfektioniert, lange bevor Hitler und Stalin Musik für ihre menschenverachtenden Pläne missbrauchten.

Und heute? Wie ist in der Schweiz die Beziehung zwischen Macht und Musik? Gibt es einen Zusammenhang zwischen politischer Überzeugung und Lieblingsmusik? Wir wollten es wissen und haben die Parlamentarier der Bundesversammlung nach ihren musikalischen Vorlieben gefragt. Mit Abstand am populärsten ist in Bundesbern der Bereich der Pop- und Rockmusik. Gut zwei Drittel der befragten Schweizer Parlamentarier hören am liebsten Musik aus diesem Genre. Das ist bemerkenswert, denn vor fünfzig Jahren, als sie ihren Siegeszug begann, hat die Musik von Bob Dylan, den Beatles und Rolling Stones die Lebensstil-Revolte angeführt, die von der Politik bekämpft wurde. Es war die Musik des Anti-Establishments. Der Protestschrei einer aufbegehrenden, sich ausgeschlossen fühlenden Jugend gegen eine als verknöchert empfundene Gesellschaft.

Umso erstaunlicher, dass ein konservativer Politiker wie SVP-Nationalrat Heinz Brand Manu Chao und U2 als seine Lieblingsmusiker angibt. Er sei «entspannend, tiefsinnig und kritisch», sagt er über den französischen Sänger. Dabei ist der World-Musiker ein linker Globalisierungskritiker, der in seinen Songs Probleme der Immigration und von Rassismus thematisiert und internationale Solidarität grossschreibt. Dazu ist dessen berühmtester Song «Me Gustas Tu» eine ausgesprochene Kiffer-Hymne.

Überraschend sind auch die Lieblingsmusiker der Luzerner SVP-Nationalräte Peter Keller (Züri West) und Franz Grüter (Bob Dylan). Denn Dylan war der geistige Anführer der Revolte in den 60er-Jahren, und Züri West waren eine Band, die mit der 80er-Revolte in der Schweiz sympathisierte. Die Beispiele machen deutlich, dass die politische und gesellschaftskritische Funktion von Rock und Pop heute nur noch eine untergeordnete Bedeutung hat. Viel wichtiger ist die identitätsstiftende Rolle. «Züri West liefern verlässlich den Soundtrack meiner Generation», sagt Keller und nennt seine Lieblingszeile aus «Fingt ds Glück eim»: «Irgendeinisch stellt öpper es zwöits Tassli uf e Tisch». «Poetischer kann man die Ankunft im bürgerlichen Leben nicht beschreiben», sagt Keller.

Das Bekenntnis zu einem Musikstil, einem Musiker oder einer Band kann heute nur in wenigen Fällen als politisches Statement gedeutet werden. Aber es gibt sie noch, die Übereinstimmung von Musik und Politik. SP-Nationalrat Mathias Reynards (Wallis) Lieblingsmusiker ist Bob Dylan, wegen seiner «engagierten Texte». Der Solothurner SP-Ständerat Roberto Zanetti mag den linken Cantautore Lucia Dalla wegen seiner politischen und poetischen Songs. Passend sind auch die musikalischen Vorlieben bei der GLP-Nationalrätin Isabelle Chevalley (Waadt). Der Lieblingsmusiker der Gründerin der Parlamentarischen Gruppe Schweiz - Afrika ist der westafrikanische Musiker Tiken Jah Fakoly, dessen Songs stark politisch gefärbt sind.

Am deutlichsten ist die Übereinstimmung von Musik und politischer Überzeugung sowie patriotischer Gesinnung bei Maximilian Reimann (SVP). Der Aargauer Nationalrat hört am liebsten Schweizer Marschmusik wie den Sechseläuten- oder den General-Guisan-Marsch. «Die schmissigen Stücke rufen bei mir die Ahnen-Generation in Erinnerung, die zum Aufbau der Schweiz beigetragen hat», sagt er. Eine solche Übereinstimmung von Musikgeschmack und Gesinnung ist heute aber die Ausnahme. Musik ist bei den Schweizer Parlamentariern nur selten Quelle der politischen Inspiration.

Das gilt auch für die Schweizer Volksmusik. Bei nur elf Parlamentariern stehen die traditionellen Klänge zuoberst auf der Liste. Das sind nicht einmal 10 Prozent. Selbst in der heimatverbundenen SVP haben Jodel und Ländler einen Minderheitenstatus. Ganze 5 von 37 Parlamentariern fühlen sich zur urchigen Schweizer Volksmusik hingezogen. Dafür ist vielen Parlamentariern der Bezug zur Schweiz wichtig: 52-mal wurden Schweizer Musiker genannt. Dazu kommen in der SVP noch die fünf Fans des Schlagers à la Helene Fischer, Udo Jürgens und Beatrice Egli.

Enttäuschend Schneidet in der Bundesversammlung die Klassik ab. Die Musik des Bildungsbürgertums liegt mit einem Anteil von 9 Prozent fast gleichauf mit der Volksmusik (10), dem Schlager (6) und Jazz (7). Aktiv klassische Musik spielen nur die beiden Freisinnigen Hermann Hess (TG) und Christa Markwalder (BE). Hess ist ein ausgebildeter Pianist, und Markwalder spielt Cello.

Interessant ist, dass die Anhänger von härteren Rock-Klängen alle am rechten Rand politisieren. Ständerat Philipp Müller (FDP/AG) schwärmt für Gitarren-Gott Jimi Hendrix, Nationalrat Thierry Burkart (FDP/AG) für die Foo Fighters, Christian Wasserfallen (FDP/BE) für Metallica und Karin Keller-Sutter (FDP/SG) outet sich als Punk- und Rockfan.

Sie nennt neben den Beatles The Clash. Deftig gerockt wird auch in der SVP: Roger Köppels (ZH) Liebe zur Schweizer Hardrock-Instanz Krokus ist bekannt, Sandra Sollberger (BL) schwärmt für AC/DC, Thomas de Courten (BL) steht auf Deep Purple, und Sylvia Flückiger (AG) haben es The Vibes, die Rockband ihrer Söhne, angetan. Dazu kommen Albert Rösti (BE) und Luzi Stamm (AG), die früher selbst in Bands spielten.

SVP-Nationalrat Felix Müri (LU), Präsident der parlamentarischen Gruppe Rock/Pop, überrascht das nicht. «Wer hart politisiert, mag auch die harten Klänge», sagt er, «wir sind direkt, bodenständig, zupackend und ungeschliffen wie die Musik, die wir mögen.» Aber es gibt auch die Verbindung vom bodenständigen Rock zur bodenständigen Volksmusik. Des OK-Präsidenten des Nordwestschweizerischen Jodlerfests im Juni in Rothrist Nationalrat Thomas Burgherrs (SVP/AG) Lieblingsband ist Status Quo.

Welch ein Siegeszug! Rock und Pop waren eine ausserparlamentarische Kraft und prägen den Alltag, durchdringen sämtliche gesellschaftlichen und politischen Schichten. Mit Bill Clinton, dem ersten Rock-’n’-Roll-Präsidenten der Vereinigten Staaten, ist Pop 1992 im Zentrum der Macht angekommen. Auch in der Schweiz. Klassik, Volksmusik und Jazz bleiben die Statistenrollen. «Rock bedeutet nicht mehr Gitarren zerstören», sagt Müri. Die einstige Musik des Anti-Establishments verkörpert heute selbst das Establishment. Die einstige Gegenkultur regiert. Bezeichnend ist, dass Schweizer Hip-Hop, jenes Genre, das noch am ehesten eine gesellschaftskritische Position bezieht, im Bundeshaus unerhört bleibt.

Müri streicht die verbindende Rolle von Pop und Rock heraus. Mit 68 Mitgliedern aus allen Parteien ist die im Herbst 2013 gegründete «Parlamentarische Gruppe Rock/Pop im Bundeshaus» eine der grössten Interessengruppen in der Bundesversammlung. Vor fünfzig Jahren wurde die einstige Gegenkultur unterdrückt, heute wird sie unterstützt. Und zwar von links bis rechts. Vor allem mit der Co-Präsidentin der Gruppe, der SP-Ständerätin Anita Fetz, versteht sich der SVP-Nationalrat blendend. «Die Diskussionen über Musik dauern jeweils viel länger als jene über Politik», sagt Müri lachend, «wir verstehen uns über die Parteigrenzen hinweg.»

Pop ist die Musik der Macht. Die Musik von allen und jedem. Doch es ist heute eine zahnlose Macht. Das ist der Preis für den Erfolg. Wer von den etablierten Parteien vereinnahmt wird, kann seine subversive Kraft nicht mehr entfalten. Popmusik ist das Spiegelbild einer hedonistischen Gesellschaft, in der sich alles auflöst und unverbindlich bleibt. Denken ist zu anstrengend, Unterhaltung ist alles. Sie hat die Rolle als politisches Kampfmittel weitgehend eingebüsst. Pop ist die Mehrheitsmusik, Mainstream und weitgehend entpolitisiert.

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