Von Anna Kardos

Olten. Der Januarwind fegt durch die kahlen Strassen. Zieht den Mauern entlang, greift sich an der Ecke einen Papierfetzen und wirbelt ihn einige Male hoch. Ein Zug fährt vorbei. Nur einige Schritte weiter öffnet sich die Tür des Restaurants Flügelrad. Heraus kommt etwas Wärme. Und Pedro Lenz.

Ein Nicken, ein Handschlag. «Es cha los gah», sagt er. Seit Neuestem ist der Langenthaler nicht nur Dialekt-Autor mit rasant wachsendem Bekanntheitsgrad, sondern auch Filmschauspieler. «Ich ha gmeint, i göchi son echli go trääie. Und plötzlich ischs e riise Büez worde», erklärt Pedro Lenz und lacht schallend.

Mit seinen 2,02 Metern Körpergrösse überragt er alles in seiner Umgebung. Und ich muss an den Witz denken, Sportwagen seien die einzige Möglichkeit, von unten auf die Menschen herabzublicken. Pedro Lenz ist das genaue Gegenteil: Er schaut von oben zu den Leuten hoch: Ob zum Müllmann Volkan oder zur Kellnerin Jolanda – eigentlich zu allen sogenannt kleinen Leuten mit ihren kleinen Geschichten, die keiner erzählt, weil sie auch unsere oder die Geschichten unserer Nachbarn sein könnten.

Im Film «Mitten ins Land» finden sie den Weg auf die grosse Leinwand. Die «riise Büez» hat sich gelohnt. Unter der Regie von Enrique Ros und Norbert Wiedmer entstand ein herzerwärmender Film mit Menschen und Geschichten rund um das Schweizer Mittelland, von Trimbach bis Baden, von Kölliken bis Olten.

Dort steigen wir jetzt in den Regioexpress Olten–Bern. Und gleich wieder aus. Und nach einem kurzen Abstecher ins unterirdische Take-away mit zwei dampfenden Kaffeebechern wieder ein. Eine Szene, wie sie in «Mitten ins Land» über die Leinwand flimmern könnte.

Der Film zeigt Pedro Lenz immer wieder im Zug sitzend. Draussen zieht die Landschaft vorbei, und der Autor sagt: «Mis Läbe isch fahre, fahre u fahre, immer, immer fahre – u mängisch fahrt mer ii.» Die Räder rollen, die Sprache schwingt. Und Wortkunst, Bilder und Geschichten fügen sich zu etwas Neuem. Ist es ein literarischer Film? Oder vielmehr: filmische Literatur?

Zufall jedenfalls, dass Pedro Lenz nach unserem Treffen in Bern auftritt. So steige ich für eine knappe Stunde mit ein. Hinein, in den Zug nach Bern, hinein in die Kulisse von «Mitten ins Land». «Zerscht wär ig numme eini vo dene Figuure gsi», erzählt Lenz. «Doch dä hei si gmerkt, dass es echli ne roote Fade brucht. Dä hanni denn di Tägschte biitreit, won i lise.» Der Regio-Express setzt sich in Bewegung und schiebt sich aus dem Bahnhof Olten.

«Oute», sagt Pedro Lenz, sei für ihn alles andere als eine Durchfahrt-Stadt. «Neei», schüttelt er den Kopf: «Emozionau isch mir Oute scho früecher sehr näch gsi.» Der Grund dafür ist allerdings überraschend: «Pizza». Der in Langenthal geborene Autor erzählt: «Mini erschti Pizza im Läbe han ig z Oute gässe. U mängisch, we mir Goofe hei chönne wünsche, si mer i d Pizzeria z Oute.»

Unterdessen bremst der Regio-Express, der seinem Namen nicht allzu viel Ehre macht, und hält in Langenthal. «Da bin ig ufgwachse. U mini Mueter läbt gäng no da», sagt Pedro Lenz und zeigt aus dem Fenster. «Mir si damaus nid eso mobiu gsi. Bärn isch für mig scho zwyt ewäg gsi, isch e Grossschtadt gsi.»

Woher kommt Pedro Lenz’ Gesamtabneigungsreflex gegen alles von oben: das Hochdeutsche, die Hochburgen, die oberen Zehntausend? «Dasch ke Abneigig, sondern eender e Liebi zur Nöchi. Ich ha z Gfüu, me cha sich übers Chline besser anöchere», erklärt Lenz. Und wo das Kleine, das Nahe nicht vorhanden seien, da mache er sich die Welt zum Dorf, erzählt er lachend: «I bi mit eme Stipendium z Glasgow gsii. Ir erschte Wuche han i mir grad mis Dorf baut. I bin dur d Stadt glouffe, z luege: Wo isch mini Beiz, wo isch mini Beckerei, wosch min Kiosk. Nach ere Wuche han ig mis Dorf gha. De Pakischtani hett mich scho mit Name grüesst, und d Frou vom Kiosk hett gseit ‹my dear›. Drum schrib i ou ke Roman über de Bundesrat Schneider-Ammann – i ha zwenig en Aanig, zwenig es Gschpüri, was in umtriibt.»

Dafür hat der Mundartautor umso mehr «Gschpüri» für die Menschen um ihn herum. Für Volkan, den Müllmann mit Fussballerqualitäten; für Yolanda und Dolores, Zwillinge und Kellnerinnen mit Leib und Seele; für Zugchauffeusen; junge Nationalräte oder die Arbeiter auf der Sondermülldeponie in Kölliken. Auf sie alle zoomt der Film «Mitten ins Land». Und der Autor dichtet dazu: «Zmizt im mittlere Mittelland. Zmitts i däm Läbe. Zmizt unger dene Lüt. D Lüt um mig ume, di nämit mi Wunger.»

So nahe bei den Menschen wie Pedro Lenz sind wenige. So nahe wie seine Sprache geht den Zuhörern selten eine. So unverkrampft wurden Respekt, Bescheidenheit, Gemeinschaftssinn und Ehrlichkeit nicht oft beschrieben wie beim Langenthaler Autor. Politisch werden will er jedoch nicht.

«I bi wahnsinnig froh, dass es Lüt git, wo das mached. Wiu, dasch nid mini Art. Sobaud dass me Politik macht, mues mer, um es Ziu z verfouge, argumentiere: Boue mer das Schuehus oder nid? De gitts für beidi Syyte gueti Argument. U dä mues mer bim Argumentiere ei Höufti vo dene wäglooh, obwou me im Hingerchopf het: Di angere hei ou nid ganz unrächt.» Er bevorzuge die Freiheit in der Literatur. Auch wenn er dafür einiges an Sicherheit aufgegeben hat. Etwa seine handfeste Arbeit als Maurer. Davon erzählt er, während die Lautsprecheranlage tönt: «Burgdorf».

«Hie han i d Lehrabschlussprüefig gha», meint Pedro Lenz, der auch Restaurantbesitzer ist, Sportkolumnist, ehemaliger katholischer Jugendarbeiter und nun eben frischgebackener Filmstar. Doch zurück zu Burgdorf: «Uf ere Bouschteu hett niemert Zyyt, eim e Tag lang z erkläre, wie mer e Muur macht. Und drum hei mer i dr Lehrhaue chliini Kürs gha, u am Schluss vor Lehr d Prüefig. Mir hei aui es vorgehnigs Objekt müesse boue: uf eire Siite verputzt, uf de angere Sichtmuurwerk, es Bödeli, nachher e Schaue für mit Beton z füue – ja, aui di Sache.» Das Maurerhandwerk war für den jungen Pedro Lenz ein Traumberuf.

Das ist heute anders: «Jitz chan ig s nümme so guet – u das ärgeret mi, auso machts mer ke Froid meh.»

Heute baut er statt mit Steinen mit Worten und Sätzen. Und zwar eine Literatur – wie könnte es anders sein? – nicht aus hochdeutschen Sätzen, nicht mit hochgegriffenen Phrasen. Sondern eine Literatur auch für die Zugschauffeusen, die Sondermüllarbeiter, Kellnerinnen und Müllmänner. Eine Literatur also, die einlädt, sich dazuzusetzen, eine Weile hinzuhören und dann weiterzugehen. Egal, ob ins Mittelland oder in die grosse weite Welt.

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