Die IS-Kämpfer sprengen Moscheen und Klöster in die Luft, Räuber buddeln in Syrien und Nordirak Mosaike, Tonfigürchen oder geflügelte Statuen aus der Erde. Raubkunst. Der illegale Handel mit archäologischen Funden und Kunstobjekten blüht. Das Problem mit Antiken ist deutlich grösser als die von den Gurlitt-Bildern kürzlich ausgelöste Debatte um Raubkunst aus der NS-Zeit.

Dies hat auch der Nationalrat erkannt und diese Woche ein Handelsembargo gegenüber Syrien verabschiedet. Das soll verhindern, dass Raubkunst aus dem Nahen Osten in die Schweiz gelangt. Denn die Schweiz ist weltweit einer der grössten Kunsthandelsplätze.

Bevor 2005 das Kulturgütertransfergesetz (KGTG) in Kraft trat, galt der hiesige Markt als Dreh- und Angelpunkt auch für Antikenhehlerei. Das Gesetz verbietet Ein- und Ausfuhr sowie den Handel mit gestohlenen oder geplünderten Kulturgütern. «Die Schweiz ist seit 2005 für den Schwarzmarkt deutlich unattraktiver», bekräftigt Benno Widmer, Leiter der Fachstelle für den internationalen Kulturgütertransfer beim Bundesamt für Kultur (BAK).

Dies liegt auch daran, dass seit 2008 alle Zollfreilager dazu verpflichtet sind, die Einlagerung von Kulturgütern zu deklarieren und über ihre Bestände ein Inventar zu führen. Überprüft wird dieses von der Eidgenössischen Zollverwaltung.

Um mit Antiken oder Kunst zu handeln, braucht es zwar keine Lizenz, doch alle Händler sind durch das KGTG verpflichtet, die Sorgfaltspflicht einzuhalten. Das heisst, sie müssen die Herkunft der Werke, die Personalien der Verkäufer abklären, alle Käufe und Verkäufe dokumentieren und die Unterlagen über 30 Jahre archivieren.

Seriöse Händler lassen die Finger von Raubkunst, das betonte etwa der renommierte Basler Antikenhändler Jean-David Cahn während der Basler Antikenmesse. Das Problem verlagert sich aber: Kunstversicherer in der Schweiz erhalten zunehmend Anfragen von Privatpersonen nach einer Versicherung von Antiken, deren Quellen nicht bekannt sind.

Eine Quantifizierung ist schwierig. «Es lässt sich jedoch feststellen, dass die Zahl solcher Anfragen zunimmt», sagt Oliver Class, Kunstexperte bei der Allianz Suisse. «In den letzten Monaten sind wir verschiedentlich mit entsprechenden Anfragen konfrontiert worden.» So wollte kürzlich ein Sammler bei der Allianz Suisse Objekte versichern lassen, die illegal in Süditalien ausgegraben und in die Schweiz gebracht wurden. «Solche Güter versichern wir selbstverständlich unter keinen Umständen.»

Schweizer Zöllner haben im vergangenen Jahr 99 verdächtige Objekte entdeckt und zur genaueren Kontrolle ans BAK weitergeleitet. In 16 Fällen wurde eine Strafverfolgung ausgelöst. Es handelt sich dabei vor allem um Vasen, Münzen, und Skulpturen. In 80 Prozent der Fälle von Antikenschmuggel stammen die Kulturgüter aus europäischen Staaten. «Einen Anstieg aus Krisenregionen konnten wir in den vergangenen drei Jahren nicht beobachten», sagt Widmer.

Die Unesco und Archäologen in aller Welt dagegen befürchten die Zerstörung und Zerstreuung des Kulturerbes – in Syrien und im Irak. Das ist umso schlimmer, als diese Region, das antike Mesopotamien, die Wiege einer der wichtigsten Hochkulturen ist. Assyrer, Babylonier und Sumerer schufen hier bereits ab dem 4. Jahrtausend v. Chr. Kunst- und Bauwerke, die zum wichtigsten Kulturerbe der Menschheit gehört. Sie gründeten mit Ninive, Ur, Uruk oder Babylon die ersten Städte der Antike. Sie erfanden das Rad und die Keilschrift, die als älteste Schrift der Menschheit gilt. Von hier verbreitete sich die Kultur via Griechenland und Europa.

Nun zerstören die Terror-Kämpfer des IS alles, was nicht in ihre strenge Ideologie passt, also nicht nur christliche Klöster, sondern auch Moscheen von Schiiten, Grabbauten sufischer Heiliger und antike Stätten. Effekthascherisch werden Bilder davon ins Internet gestellt. Im Juni etwa, wie das Grabmal des Propheten Jonas in Ninive (bei der nordirakischen Stadt Mosul) gesprengt wurde.

Die Gunst des Krieges nutzen aber auch kleine Gangster und vor allem international tätige mafiöse Organisationen. Sie plündern die antiken Stätten, räumen Museen aus, Satellitenbilder belegen, dass Siedlungshügel illegal ausgegraben wurden. Via Syrien, Jordanien, Libanon oder die Türkei werden die tausendjährigen Schrifttäfelchen, Steinköpfe oder Statuetten in alle Welt verhökert und verstreut. Ob sich der IS an diesem Handel mitbereichert, ist umstritten.

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