Ewan McGregor, Sie kommen mit Ihrem Regie-Erstling «American Pastoral» ans Zurich Film Festival. Waren Sie zuvor schon mal in Zürich oder in der Schweiz?
Ewan McGregor: In Zürich nicht, aber ich bin schon in euren schönen Hügeln herumgekraxelt. Meine Schwiegereltern haben ein Haus im französischen Besançon nahe der Schweizer Grenze. Jetzt freue ich mich auf das Festival in Zürich. Hoffentlich kann ich auch ein paar Filme sehen!

Im Zentrum der Philip-Roth-Bestseller-Adaption steht die Beziehung eines Vaters und seiner radikalisierten Tochter. Sie haben selber vier Töchter. Ging Ihnen «American Pastoral» deshalb nahe?
Als ich das Buch zum ersten Mal las, war meine älteste Tochter Clara vierzehn. Ich glaube schon, dass ich mich damals darauf vorbereitet habe, sie ans College, wo sie jetzt im dritten Jahr ist, zu verlieren. Nicht an Radikalismus und Terrorismus wie im Film, sondern einfach, dass sie auszieht – beim Frühstück nicht mehr da ist und auch abends nicht. Was mir aber ebenso nahe ging, war die Ähnlichkeit der Hauptfigur zu meinem Vater, der auch genaue Vorstellungen von Recht und Unrecht hatte, gegen die ich als Teenager rebellierte. Nicht mit Bomben, aber hin und wieder mit Frauenfürzen (lacht).

Wie kann man Kinder gegen Drogen oder Radikalisierung schützen?
Ich glaube nicht, dass man das kann. Seymour «der Schwede» Levov hintersinnt sich im Film und fragt sich, was er mit seiner Tochter nur falsch gemacht habe. Aber die Welt ist Chaos. Man kann die Kinder nur nach bestem Wissen und Gewissen erziehen. Dann gehen sie in die Welt hinaus und führen ihr eigenes Leben.

Glauben Sie, dass Ihre Kinder einen besonderen Druck haben, erfolgreich zu sein, weil ihr Vater Filmstar ist?
Ich hoffe es nicht! Wir sind eine normale Familie. Klar, in der Schule werden sie sich mit dem «Star Wars»-Aspekt meiner Karriere auseinandersetzen müssen, aber sie bringen das nicht als Problem nach Hause. Ich schleppe meine Kinder auch nicht an Premieren. Clara, die erwachsen ist, fragt mich jetzt manchmal danach, aber die jüngeren bringe ich nirgends hin, wo sie fotografiert werden. Wenn wir mal von Paparazzi erwischt werden, finde ich es immer furchtbar schmerzhaft, dass mir jemand meine Momente mit meinen Kindern stehlen will. Für sie bin ich Dad, der zufällig Schauspieler wurde und manchmal lange weg, aber dann auch wieder lange zu Hause ist.

Werden die Mädchen in Ihre Fussstapfen treten und Schauspielerinnen werden?
Oh ja, ein oder zwei Schauspielerinnen gibt es sicher unter meinen Kindern!

«American Pastoral» ist Ihr RegieDebüt. Roth-Bücher gelten als schwer verfilmbar.
Ich habe das nicht so gesehen. Ich war schon vor drei Jahren als Schauspieler ans Projekt gebunden, aber wir konnten keinen Regisseur finden, mit dem alles passte. Es passiert oft, dass Projekte nicht zustande kommen, aber diesmal konnte ich die Sache einfach nicht ruhen lassen. Ich wollte Seymour «den Schweden» Levov unbedingt spielen. Ich wollte auch schon lange Regie führen, aber nicht nur deshalb, dass ich es auf meinen Lebenslauf schreiben kann, sondern weil ich dachte, ich sei die einzige Person, welche die Geschichte richtig erzählen könne. So nahm ich allen Mut zusammen, bin zum Studio und fragte, ob ich Regie führen dürfe.

Kam sofort ein Ja zurück?
Tom Rosenberg, der Chef von Lakeshore Entertainment, fand es von Anfang an eine gute Idee. Er musste aber noch mit den Investoren sprechen. Wir verschoben den Drehbeginn und machten Budget-Kürzungen, da ich eben ein unerprobter Erstlings-Regisseur bin.

Bei wem haben Sie sich Tipps geholt?
Wenn man neu Regie führt, haben plötzlich alle Tipps, jeder scheint plötzlich ein Regisseur zu sein! Ich habe mit Mike Mills, mit dem ich «Beginners» drehte, gesprochen, sowie mit Danny Boyle und Ben Affleck, der ja bereits drei Filme inszeniert hat, in denen er auch mitspielte. Er sagte, ich soll genügend Takes von mir selber machen. Als Regisseur kümmert man sich ja zuerst um alle anderen und will dann bei den eigenen Aufnahmen Zeit sparen. Aber man muss aufpassen, dass einem danach im Schneideraum nichts fehlt. Das war ein guter Rat. Wir fanden im Schneideraum, der «Schwede» sei gegen Schluss zu wenig präsent, und so hatten wir noch genug Material, etwas einzufügen.

Und wie haben Sie es erlebt, die Hauptrolle zu spielen und Regisseur zu sein?
Nahtlos. Wenn man in einer Szene eine Realität kreiert, fliesst alles zusammen. Es kam mir nicht vor, als hätte ich zwei verschiedene Jobs. Ich hatte alles gut vorbereitet. Ich probte mit den Schauspielern, dann kam der Kameramann mit seinem Input dazu. In den drei Tagen, an denen ich selber keine Szenen zu spielen hatte, fand ich es fast ein bisschen langweilig. Dafür konnte ich mich öfters hinsetzen.

«American Pastoral» ist die Geschichte vom amerikanischen Albtraum zur Zeit des Vietnamkriegs und der Bürgerrechtsbewegung. Es wurde kritisiert, dass Sie als Schotte zu wenig Zugang zum Thema hätten.
Die Vietnam-Zeit hat mich schon früher interessiert, und ich habe viel darüber gelesen und gesehen. Über die Rassenunruhen von 1967 in Newark wusste ich weniger. Und ja, ich bin ein 45-jähriger Schotte. Kann so einer einen Pulitzer-Preis-gekrönten Klassiker verfilmen? Ich finde, warum denn nicht? Der Kameramann war ein Deutscher, der Komponist ein Franzose und die Cutterin eine Amerikanerin. Kino ist eine sehr internationale Sache, und kreative Leute sollte man nicht durch ihre Nationalität definieren oder einschränken.

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