Das Lamento ist so alt wie die Menschheit. Die Jugend lasse die Sprache verludern, heisst es in Foren, an Stammtischen, in Leserbriefen. Hören wir uns jedoch im heimatlichen Sprachalltag ein wenig um, wird schnell klar, dass es nicht die Jugend ist, die unserer Muttersprache den Garaus macht. Die Pest der Gegenwartssprache heisst Popmusik. Das kulturelle Hauptübel der Deutschschweiz ist der Heimwehpop, dieser zähflüssige Zuckersaft, der uns Augen und Ohren verklebt für alles, was einigermassen relevant sein könnte. Unzählige Barden bodenloser Banalität benutzen die Umgangssprache, als wäre sie ein Stück Dreck.

Lassen wir uns auf die Redeweisen junger Menschen auf der Strasse ein, können wir uns nicht selten an sprachlicher Innovation, an rhythmischer Kreativität und ungewohnten Sprachmelodien erfreuen. Lauschen wir dagegen der Sprache des Mundartpop, erkennen wir selten mehr als eine ans Hochdeutsche angelehnte Kitschsauce. Wir hören eine Sprache, die weder Herz noch Kopf, noch Lenden anspricht. Der Mundart-Pop in der Deutschschweiz ist der geschmacklos gekleidete Totengräber unserer Sprachkultur. Denn während die Jugend mit der Sprache zwanglos spielt, versuchen immer mehr Pop-Produzenten, aus der Songsprache so viel Swissness wie möglich herauszupressen. Was dabei herauskommt, ist ein diffuser Schmalz prostituierten Heimatgefühls, der weder dieses Land noch die, die darin leben, ernst nimmt.

Da werden Reime im Schraubstock zurechtgebogen. «Eusi Mundart esch vielfältig, mängs Chend esch öberwältigt» (Bligg). «Guet bewacht vo Fels und Iis, dört lit d Seel vo der Schwiz» (Schlungeggers Heimweh). «Flüg dä Milchstrass entlang. Du bisch dä Pilot. A de Wolke 7 verbii. Ganz näch bim liebä Gott» (Fabienne Louves).

In einem Land, in dem Kinder von der Vielfalt ihrer eigenen Sprache überwältigt sind und wo die Nationalseele von Fels und Eis bewacht wird, sollte einen nicht mehr viel wundern. Doch bei allem Respekt für den Pilotenberuf, wie verzweifelt muss ein Hitproduzent sein, um Pilot auf Gott zu reimen?

Immer wieder werden Banalitäten bis zur Unerträglichkeit breitgewalzt: «U i weiss die Stärne si no da, weni scho lang ha müesse ga, u si wärde schinä für no so mängi Generation» (Gölä). «Der Tou uf de Blätter vo de Rose bim Stall, bim Wasserfall toset der Früeligsgletscher i ds Tal» (Trauffer). Dass ihn der Sternenhimmel aller Wahrscheinlichkeit nach überleben wird, hätten wir Gölä schon früher sagen können. Sterne haben es nun mal an sich, dass sie etwas länger und etwas heller leuchten als wir Sterblichen.

Doch nicht nur die Sprachbilder und die Reime geben zu denken. Gnadenlos wird in Mundartsongs etwa an der deutschen Konjunktion «als» festgehalten, die in der gesprochenen Umgangssprache der Schweiz nie vorkommt: «Du gsehsch so truurig us, als wär öpper gschtorbe» (Bligg), «D’Chuchiuhr, die tuet nur so, als wür si go» (Adrian Stern). Natürlicher und einfacher klänge ein Satz wi: «D Chuchiuhr tuet, wi wenn si gieng.» Ausserdem wird in Mundartsongs ständig die Konjunktion «doch» als Synonym für «aber» gebraucht, obwohl kein Deutschschweizer diese Konjunktion im Gespräch je benutzen würde. «Du hesch mis Härz i Trümmer gleit und jedesmal ischs wieder gheilt, doch jetz wots nümme für di schlah» (Ritschi). «I bi di Fründ gsi, doch är isch di Ma» (Schluneggers Heimweh). Ebenfalls vom Hochdeutschen entlehnt sind Zukunftsformen wie: «Irgendeinisch wirdi wider näbe dir erwache» (Plüsch). Dabei ist Mundart eine Sprache, die ohne grammatikalische Zukunftsformen auskommt. Es genügt zu sagen: «Irgendeinisch erwachi wider näbe dir.»

Mangelndes Gefühl
Das sind nur wenige Beispiele, die für eine Umgangssprache stehen, die sich dem Hochdeutschen unterwirft. Es ist eine Mundart, die sich ausgeleierter Bilder bedient, an mangelndem Gefühl für dialektale Eigenarten krankt und sich um den Klang der eigenen Sprache foutiert.

Genau wie die Fantasietrachten, mit denen sich immer mehr Schweizer Popbands verkleiden, zeugen ihre Texte von der verzweifelten Suche nach einem diffusen Heimatgefühl. Doch nur wem Bodenständigkeit und natürliche Nähe zum Eigenen längst abhandengekommen ist, muss auf derart verzweifelte Art ein Gefühl herbeisingen, das er selbst nicht spürt und wahrscheinlich nie gespürt hat. Der Anspruch, besonders schweizerisch und besonders echt zu sein, kollidiert mit einer elaborierten, vollkommen unechten Sprache. In Anlehnung an den «magischen Realismus» der südamerikanischen Literatur könnte im Zusammenhang mit unserer Popmusikliteratur von einem «verblendeten Realismus» gesprochen werden.

Es geht in dieser Musiksparte um eine ähnliche Verblendung, die sich seit einigen Jahren in unserem Alltag breitmacht. Viele von uns spüren, dass geschätzte Gewohnheiten verloren gehen. Poststellen werden geschlossen. Dorfbeizen und Dorfläden sind längst zu. Innenstädte vergammeln. Autobahnraststätten tragen Namen wie Marché-Heidiland oder Chablais-West. Im Einkaufscenter am Rand der Industriezone plärrt Mundartpop aus chinesischen Lautsprechern.

Reduit der Klischeeschweiz
Doch statt diese Wirklichkeit zu benennen, statt unsere alltäglichen Widersprüchlichkeiten künstlerisch anzugehen, weichen die Songwriter des Heimatpops aus. Sie verkriechen sich im emotionalen Reduit der Klischeeschweiz von Käse, Edelweiss und Milchschokolade. Unfähig hinzusehen, hinzuhören und die Lebensrealität, die sie umgibt, in Poesie zu verwandeln, reimen unsere Popsänger «Mittwuch» auf «Steibruch» und «flott» auf «Entrecôte». Oder sie labern von einem brennenden Heimweh, an dem sie auf Ferienreisen schon beim Abheben des Flugzeugs zu erkranken beginnen.

Dabei ist die wahre Tragödie nicht einmal die, dass in weiten Kreisen des Mundart-Pop so lausig mit der Sprache umgegangen wird. Schlimmer ist, dass die wachsende Verbreitung dieser uninspirierten Musiksparte unsere Sicht auf andere, subtiler arbeitende, feinsinniger schreibende Mundart-Songwriter wie beispielsweise Trummer, Bubi Rufener oder Manuel Stahlberger verdeckt.

Während wir uns in den sich gegenseitig immer mehr angleichenden Radiostationen unzählige Male anhören müssen, wie Gölä seinen schneeweissen Schwan besingt und Adrian Stern das nie eingelöste Versprechen abgibt, er haue ab nach Amerika, warten wir am Radio vergebens auf ein Songwriting, das diesen Namen verdient hat. Dabei liessen sich bessere Lieder zweifellos finden, würden die jeweiligen Musikredaktoren ihren Job und ihre Hörerschaft ein bisschen ernster nehmen.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper.