spiegelglatten Bergsee.
Von Milena Moser*

Stellen Sie sich vor, es ist Weihnachten und keiner geht hin. Mama steht auf dem Kopf! Nicht im übertragenen Sinn, wie das in der Vor-Feiertagshektik zu erwarten wäre, sondern ganz wörtlich: Mama besucht einen Yogaworkshop. Statt sieben Sorten Guetsli zu backen, singt sie Sutren in Sanskrit. Statt sich im Warenhaus um die letzten Rollen Geschenkpapier zu streiten, rollt sie lieber eine Matte aus nachhaltigem Naturkautschuk aus. Und sie verrenkt sich nur noch für ein Lob des gut aussehenden Yogalehrers und nicht mehr, um den Ansprüchen ihrer sämtlichen Verwandten und Bekannten gerecht zu werden. Räucherstäbchen statt Weihrauch! Dickbäuchige, gemütliche Elefantengötter statt Krippe und Kaufrausch! Statt abgehetzt und den Tränen nahe, ist Mama ganz entspannt im Hier und Jetzt. Nicht zu vergessen schlank, schön und beweglich. Mit einem Wort, ein besserer Mensch.

Klingt super. Und warum nicht? Weihnachten hat seinen ursprünglichen Sinn verloren, doch im Yogastudio ist noch Spiritualität zu kaufen, Entschuldigung, ich meine natürlich: zu finden.
Doch Yoga ist keine Ersatzreligion – Yoga ist überhaupt keine Religion. Die Götter, die einem im Yogastudio begegnen, gehören streng genommen zum Hinduismus. Yoga ist ein Zustand, der als das «Verebben der Wellenbewegungen des Geistes» definiert wird. Dass Wellen stillstehen, ist nur schwer vorstellbar. Und erst diese drohenden Tsunamiwogen, die sich in Zeiten wie dieser aufbauen! Die Vorstellung, es könne auch einmal still sein, man könne sich so spiegelglatt und ungestört fühlen wie ein Bergsee kurz nach dem Sonnenaufgang, hat schon etwas Verlockendes. Kein Wunder, ist Yoga im Westen so erfolgreich. Wir sehnen uns nach Ruhe, nach einem Halt, nach Spiritualität auch. Von unseren eigenen Traditionen fühlen wir uns unbestimmt im Stich gelassen. Da kommt Yoga gerade recht, mit seiner Einstiegsdroge, den Asana. So nennt man die Körperübungen, die gemeinhin mit dem Begriff Yoga verbunden werden. Diese Übungen haben eine sofortige, wohltuende Wirkung auf den Körper, und man sieht schnell Fortschritte. Selbst ein chronischer Couchpotatoe, wie ich einer war, vor 15 Jahren, vor meiner ersten Yogastunde, ist schnell überzeugt. Ich wusste sofort, da passiert etwas, etwas Neues: Die sieben Tonspuren in meinem Kopf verstummten, während ich mich auf meinen Atem konzentrierte. Ein und aus, ein und aus.

Yoga, so lautete meine erste Lektion, Yoga heisst, in einer unbequemen Haltung ausharren zu können. Einfach sitzenbleiben und weiteratmen!
Was für ein radikales Konzept für jemanden wie mich, die ich immer versucht hatte, dem Unbehagen auszuweichen. Selbstverständlich ohne Erfolg.
Doch diese Übungen sind nur ein kleiner Teil von dem, was mir ein Lehrer einmal als «eine Art Wartungssystem für den menschlichen Geist» beschrieben hat. Yoga hat denselben Ursprung wie das deutsche Wort Joch. Es bedeutet auch Verbindung, etwas, das zwei Dinge zusammenführt. Zwei störrische Ochsen, die einen Wagen ziehen. Körper und Geist. Das Yoga Sutra von Patanjali erklärt dieses System in 196 pragmatischen Grundsätzen, von denen sich nur gerade drei mit der Asanapraxis, dem Ausführen der Körperübungen befassen. Auf den acht Stufen, die zu dem beneidenswerten Zustand Yoga führen, setzt man sich mit einfachen Verhaltensregeln für den Umgang mit sich selbst und mit den anderen auseinander. Man bewegt den Körper, man lernt den Atem zu beherrschen. Man übt sich im Reduzieren der Sinneseindrücke, in der Konzentration auf einen einzigen Fokus und in der Meditation. Und das jeden Tag, so wie eine Hausfrau jeden Tag dieselben Regale abstaubt ...

Naja. Wie eine ideale Hausfrau in einer idealen Welt jeden Tag dieselben Bücherregale abstauben würde. Ich persönlich bin von jedem Ideal und somit auch vom yogischen weit entfernt. Und doch hilft es mir einfach, dieses System zu kennen und zur Verfügung zu haben. «Ausschalten der Sinneseindrücke» kann schliesslich auch heissen, das Telefon stumm und das Internet ganz auszuschalten. Die Fotos der perfekten Weihnachtsdekoration der anderen zu ignorieren. Den letzten Abendverkauf auszulassen.
Doch der Westen hat dem Yoga eine urchristliche Schuld-und-Sühne-Mentalität aufgepfropft, in der man nicht gewinnen kann. In der man nie gut genug ist: Wieder nicht genug geübt, genug geschwitzt, wieder nicht das richtige Outfit getragen, wieder die Knöchel nicht im Nacken verschränkt. Schäm dich!
Das ist gerade jetzt, während der Feiertage besonders gefährlich, wenn die Ansprüche noch unerfüllbarer sind als die, die der normale Alltag stellt. So wird Yoga schnell zur Strafmassnahme: Die Kalorien abtrainieren. Die Wut auf die Schwiegermutter ausschwitzen. Die Enttäuschung über die unromantischen Geschenke, die Haushaltsgeräte überwinden.

Aber das kann es nicht sein. Yoga wurde vor 2000 oder 3000 Jahren entwickelt, je nachdem, welchen Quellen man glaubt. Jedenfalls zu einer Zeit, in der die Menschen andere Probleme hatten als wir heute. Übergewicht und Bewegungsmangel waren definitiv nicht Thema damals. Doch diese Wellenbewegungen des Geistes, die kennen wir auch. Wir wissen, was mit Dukkha gemeint ist, mit dem «Zusammengepresstwerden des Herzens». Wir sehnen uns nach Sukkha – nach der Leichtigkeit und Süsse des Lebens. So wie alle Menschen. Auch wenn sie vollkommen anders lebten, zu einer anderen Zeit, auf einem anderen Kontinent, unter anderen Bedingungen. Mich beruhigt diese Vorstellung ungemein. Es ist also keine private Marotte von mir, sondern liegt schlicht in der menschlichen Natur. Sich selber Fallen zu stellen und prompt in sie hineinzupurzeln.

Gemäss der traditionellen Lehre ist der Zustand Yoga aber nicht das Ziel der Ziele, sondern Mittel zum Zweck. Er soll einem ermöglichen, die beste Version seiner selbst zu leben. Nicht, um eine Yogamedaille verliehen zu bekommen, sondern um von grösstmöglichem Nutzen zu sein. Für die anderen. Die Gesellschaft. Ein perfekter Kopfstand nützt niemandem etwas. Aber jemand, der nicht durch körperliche Schmerzen beeinträchtigt oder von geistigen oder emotionalen Sturmwellen überspült wird, kann die Beine entknoten, den Blick vom Bauchnabel nehmen, die Ärmel aufkrempeln und anpacken.
Ist das nicht eine wundervolle Vorstellung? Ganz ehrlich, mir persönlich ist sie etwas zu hoch gegriffen. Gerade jetzt. Über die Feiertage, so scheint mir, ist es «von grösstmöglichem Nutzen», nicht die Nerven zu verlieren. Auch in unbequemen Momenten einfach sitzen zu bleiben und weiterzuatmen. Das muss genug sein.

Dazu muss man auch nicht zwingend Yoga bemühen. Eine amerikanische Tageszeitung hat neulich Spezialagenten um ihre Spezialtipps für die Feiertage gebeten. Welche Grundsätze, die für Verhandlungen mit Terroristen gelten, taugen auch für den ganz normalen Wahnsinn der Feiertage im trauten Familienkreis? Die Frage, wie erfolgreich solche Verhandlungen sind, einmal dahingestellt, waren die Tipps erstaunlich brauchbar. Der überzeugendste: «Shut up and listen.»
Einfach sitzen bleiben und weiteratmen. Sag ich doch.

*Milena Moser (51) ist Schriftstellerin («Montagsmenschen», «Das wahre Leben»).

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