Malerei will Tageslicht, Skulptur braucht Raum und Offenheit. Nach diesem Prinzip baute man jahrhundertelang Museen. Das Muster für die Architekten war einheitlich und klar: Seitenlichträume für die plastischen Werke, Oberlichtsäle für die Malerei, kleine Kabinette ohne Tageslicht für Grafik und Zeichnung. Im Keller war das Depot. Einzig die archäologischen Museen bohrten sich zu ihren Fundamenten – und bauten Räume um die längst im Untergrund verschwundenen Reste aus der Römer- oder Pfahlbauerzeit.

Doch heute tauchen immer mehr Museen ab. Sie erweitern sich unterirdisch oder bauen ganz unter Boden – sei es in der Stadt oder im Berg. Das erstaunt, wollte sich bisher doch jede Stadt, jedes Ausstellungshaus mit einem spektakulären Bau weithin sichtbar machen. Nicht erst sei Frank Gehry in Bilbao mit seiner Architektur der Stadt einen Touristenstrom bescherte.

Der Zwang der Stadt
In der Schweiz war das Museum Rietberg 2007 das erste Museum, das beschloss, seine gesamte Erweiterung in den Untergrund zu versenken. Aktuell verlegte in Chur erstaunlicherweise gar ein Kunstmuseum seine Ausstellungsräume in den Boden ohne Tageslicht. Doch auch in Genf, München, Frankfurt oder Stuttgart mutet man dem Publikum unterirdischen Kunstgenuss zu.

Für Architekt Marco Graber ist der Trend zu unterirdischen Bauten – ob Turnhallen oder Museen – eine logische Entwicklung. Er nennt als Stichworte: «Verdichtung, haushälterischer Umgang mit Boden, rigorose Forderung der Denkmalpflege, städtebaulicher Respekt.» Für Graber Pulver Architekten war es beim Wettbewerb für das Musée d’Ethnographie de Genève (MEG) von Anfang an klar, unterirdisch zu planen. «An diesem Ort zwischen Altbau und der benachbarten Schule konnten wir die geforderte grosse Ausstellungsfläche nur unter Boden realisieren», sagt Marco Graber. «Das richtige städtebauliche Mass zu finden, den Kontext zu respektieren, ist das Wichtigste bei einer Planung.» Kam dazu, dass das Museum eine Blackbox gefordert hat. Also geschlossene Räume, um die empfindlichen Textilien, Papier-Miniaturen und die Ritualobjekte aus vergänglichen Materialien vor dem zerstörerischen Tageslicht zu schützen. «Es ist eigentlich erstaunlich, dass bei diesen Voraussetzungen nur die wenigsten Wettbewerbsteilnehmer eine unterirdische Lösung vorgeschlagen haben», sagt Graber.

In Chur haben die Architekten Barozzi/Veiga für die Erweiterung des Bündner Kunstmuseums das ursprüngliche Raumprogramm sogar buchstäblich auf den Kopf gestellt. Sie haben Foyer, Vermittlung, Atelier, Cafeteria in einem relativ kleinen Hochbau platziert, die beiden grossen Ausstellungs-Etagen dagegen in den Untergrund verbannt. Sie hätten den Hochbau aus Rücksicht auf die bestehende Villa Planta minimiert, betonen sie, der Neubau sollte ein Pendant und keine Konkurrenz zum klassizistischen Gebäude sein. Dazu kommt auch bei ihnen eine weitere städtebauliche Überlegung: «So widersprüchlich es klingen mag, wir haben es immer für vorrangig gehalten, einen neuen öffentlichen Raum zu schaffen.» Respekt und Rücksichtnahme auf den wunderbaren – öffentlich zugänglichen – Rieterpark und die ehrwürdige Villa Wesendonck verboten auch beim Rietbergmuseum einen grossen Neubau. So gruben ihn die Wiener Architekten Alfred Grazioli und Adolf Krischanitz in den Hügel.

Die Tricks der Architekten
Unterirdisch zu bauen, sei aber gar nicht so einfach, erklärt Marco Graber – und auch nicht günstiger. Zwar gebe es weniger Fassade zu bauen, dafür machten beengte Verhältnisse oft aufwendige Baugrubensicherungen nötig. Beim Rietbergmuseum mussten während der Bauzeit gar Bäume und die Villa abgestützt oder quasi aufgehängt werden.

Die grösste Herausforderung ist es, die unterirdischen Räume besucherfreundlich anzulegen. Also kein Bunker- oder Kellergefühl aufkommen zu lassen. Dafür trifft man die unterschiedlichsten Lösungen. In Frankfurt hat man die riesige Halle der Schirn zwar unter dem Vorplatz des Museums gebaut, sie aber mit 195 Bullaugen von oben beleuchtet. Die runden Oberlichter ergeben auf dem Platz ein reizvolles Ornament, ins Innere bringen sie viel Licht und erzeugen ein quirliges Raumgefühl. Auch im neuen Museum für Ägyptische Kunst in München bringt ein verglaster Schlitz durchs gesamte Gebäude viel Licht in den Untergrund – und bewirkt, dass die Besucherinnen sich stets gut orientieren können. In Chur sind unterirdisch zwei Rundgänge um je einen zentralen Raum gelegt. Das mache nicht nur die Besucherführung einfach, sagt Direktor Stephan Kunz, sondern die Durchblicke erlaubten ihm, schöne Abfolgen der Werke und spannende Dialoge über die einzelnen Kabinette hinaus zu inszenieren.

Vermisst Kunz Tageslicht, gerade weil seine Sammlung zu einem grossen Teil aus Gemälden besteht? Da herrschte doch bisher die Überzeugung, dass ihre Farben und ihre Brillanz bei Tageslicht am besten zur Geltung kommen. Kunz weist auf die Decke, die dank neuartiger LED-Technik nicht nur in ihrer Erscheinung, sondern auch in der Lichtqualität herkömmlichen verglasten Oberlichtdecken ähneln. So strahlen und leuchten die satten Farben der Werke von Kirchner und seinen Expressionisten-Gefährten wie im schönsten Tageslicht. Zudem lassen sich in diesen unterirdischen Räumen die LED-Decken für heiklere Werke wie Fotografien oder Zeichnungen dimmen und für Videoarbeiten gar wegschalten. Hier braucht es kein mühseliges Verdunkeln oder Abdecken der Fenster mehr.

Museumsleute wünschen heute oft Ausstellungssäle ohne Fenster. In Vaduz entstand deshalb ein dunkler Quader mit völlig verschlossener Fassade. Im Erweiterungsbau des Landesmuseums haben Christ & Gantenbein in den Treppenhäusern witzig-markante Bullaugen in die Betonhülle gefräst, im Ausstellungsbereich aber auf Öffnungen verzichtet und funktionale Hallen geschaffen, sodass die Ausstellungsmacher hier eigene künstliche Welten schaffen können. Inszenierung, Effekte, das Kreieren von Erlebniswelten sind heute der Trend im Ausstellungsbereich für das verwöhnte Publikum.

Die Kunst der Treppe
«Unterirdische Räume lassen viel Spielraum», sagt Marco Graber. «Mit Verspiegelungen oder perspektivischen Tricks könne man Räume grösser oder weiter erscheinen lassen.» Nicht nur für Graber Pulver war das Thema der Treppe denn auch zentral: «Wir bringt man die Leute hinunter, gar ins zweite Untergeschoss – und wie wieder hinauf, sodass sie den Weg gerne gehen und ihn als Erlebnis empfinden?» Ihre Lösung hat zwei Gesichter. Eine helle breite Treppe führt ins erste Untergeschoss zum grossen Veranstaltungsraum. Ins zweite UG aber führt ein schmaler, geheimnisvoll wirkender Treppenschacht. «Die Besucher sollen das Gefühl bekommen, sie stiegen in eine Schatzkammer hinunter, wie ins Innere einer Pyramide», erklärt Graber. Durch Licht wirkt die Treppe beim Abstieg lang, der Gang zurück viel kürzer.

Unerreichbar in seiner Radikalität ist das Chichu Art Museum. Tadao Ando hat dafür auf der japanischen Insel Naoshima einen Berg ausgehöhlt. Tunnel und Höfe mit offenem Blick zum Himmel wechseln sich ab. Die Architektur ist so spektakulär wie die wenigen Ausstellungsräume. So viel Aufwand für so wenig, dafür perfekt inszenierte Kunst gibt es sonst nirgends.

Das Signal über Boden
Die kniffligste Aufgabe ist es, wie man ein unterirdisches Museum sichtbar macht. Ganz auf den Bilbao-Effekt verzichten will man ja doch nicht. So radikal wie das Lenbachhaus München, dessen unterirdischer Saal über der U-Bahn-Station völlig versteckt im Dunkeln lagert, mag deshalb kaum jemand vorgehen. Ein erstes Beispiel gesetzt hat der Louvre in Paris: Seine gläserne Pyramide weist den Millionen Besuchern den Weg in den Pariser Untergrund. Es wurde anfangs als «Fremdkörper» kritisiert, als «Gewächshaus» und «Käseglocke» verspottet. Doch heute ist die Glas-Pyramide zu einem Wahrzeichen von Paris geworden.

Signalhafte Eingangsarchitektur ist also gefragt. In Chur ist es ein selbstbewusster Kubus, der mit seinen Beton-Ornamenten ein zeitgenössisches Pendant zur reich verzierten Villa Planta liefert. Beim Rietberg-Museum markiert ein auffälliges, gläsernes Foyer den Eingang, und in München funktioniert eine grosse, platzartige Treppe als Willkommensgeste für die ägyptische Kunst. Dass auch ein kleiner Bau spektakuläres Architektur-Wahrzeichen sein kann, zeigen Graber Pulver in Genf. Wie ein steiles Zelt wirkt der mit gestrickten Ornamenten bedeckte graue Körper für Eingangshalle und Bibliothek – und verweist so als starkes Zeichen auf den Inhalt des Museums.

Ob Ethnografie, Kunst, Geschichte oder Archäologie: Für jeden Museumstyp scheint eine unterirdische Lösung möglich. Für jeden? «Ein Schmetterlings- oder Flugmuseum kann ich mir kaum unter Boden vorstellen», sagt Graber. Widersinnig wird ein Bau unter Boden also, wenn er seinem Inhalt diametral widerspricht. Umso mehr staunt man, wenn man von Reinhold Messners Bergsteiger-Museum MMM Corones hört, das Architektin Zaha Hadid für den Freiluftsportler 2015 in Südtirol in den Berg gebohrt hat.

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