In den USA war vor kurzem ein sonderbares Schauspiel zu beobachten: Im ganzen Land standen Menschen Schlange vor knallgelben Boxen, um eine Sonnenbrille zu erwerben, die wie aus einem Katalog der 1950er-Jahre aussieht. Der Social-Media-Dienst Snapchat hatte werbewirksam Verkaufsautomaten an belebten Einkaufsmeilen von Grossstädten und Stränden platziert, wo das Start-up seine neue Brille Spectacles offerierte.

Das Besondere an der Sonnenbrille ist, dass sie über eine eingebaute Kamera verfügte, mit der sich Kurzvideos drehen lassen. Kostenpunkt: 130 Dollar. Um die smarte Video-Brille ist ein regelrechter Hype entstanden. Die Kunden rannten Snapchat die Bude ein. Weil das Kontingent begrenzt war, wurden auf Ebay mehrere hundert Dollar geboten, um ein Exemplar der smarten Brille zu ergattern. Der Produktlaunch war nicht nur ein PR-Coup – Bilder von Menschen, die am Venice Beach vor einer mit gelben Luftballons dekorierten Box Schlange standen, wurden gleich mitgeliefert. Es könnte auch eine Zeitenwende der Live-Gesellschaft markieren.

Das Technik-Magazin «Wired» rief prompt den Beginn der «camera first»-Zukunft aus, in der jeder Moment festgehalten werde. «Indem Kameras immer weiter verbreitet sind und leistungsfähiger werden, werden sie mehr als nur Werkzeuge sein, mit denen man schöne Aufnahmen vom Grand Canyon oder der epischen Caffè-Latte-Kunst macht. Kameras werden die Augen sein, durch die unsere Computer die Welt sehen und durch die wir die Welt der anderen sehen werden.»

Fotografieren ist das neue Reden
Um es sich vor Augen zu halten: Snapchat ist diese für Erwachsene unverständliche App, bei der Jugendliche Bilder versenden, die nach zehn Sekunden wieder verschwinden. Sagte Andy Warhol einst, in Zukunft werde jeder 15 Minuten berühmt sein, ist dieser Ruhm heute auf ein paar Sekunden zusammengeschrumpft. Im Juli hat Snapchat zwar eine Speicherfunktion eingeführt, die aber nicht wirklich genutzt wird. Die Nutzer haben sich in einer Sorglos-Blase wohlig eingerichtet. Man muss sich keine Gedanken machen, was man postet, weil alles flüchtig ist und sofort wieder verschwindet.

Mit der Videobrille hat die mitteilungsbedürftige Adoleszenz nun die passende Hardware parat. Als Spectacles auf den Markt kam, sagte Snapchat-Chef Evan Spiegel dem «Wall Street Journal»: «Die Leute fragen sich, warum ihre Tochter 10 000 Fotos am Tag macht. Warum realisieren sie denn nicht, dass sie keine Bilder speichert. Sie redet.» Snapchat will seinen Dienst nicht als profanes Plappermedium verstanden wissen, sondern als neue Form der Echtzeit-Kommunikation. Bewegtbilder sprechen eine eigene Sprache.

Alle verfügbaren Informationen zu speichern und auszuwerten, ist ein alter Menschheitstraum. Schon der Analogrechner-Pionier Vannevar Bush träumte davon, eine Maschine (Memex) zu konstruieren, die alle Erinnerungen speichert. In seinem berühmten Essay «As We May Think» (1945) schrieb er: «Ein Memex ist ein Gerät, in dem ein Individuum all seine Bücher, Akten und seine gesamte Kommunikation speichert und das so konstruiert ist, dass es mit ausserordentlicher Geschwindigkeit und Flexibilität benutzt werden kann. Es stellt eine vergrösserte persönliche Ergänzung zum Gedächtnis dar.» Vielleicht ist Spectacles ja ein solches Memex, eine Gedankenprothese, die das Erlebte dokumentiert.

Man muss sich ob dieser Innovation schon die Augen reiben. Als Google seine Datenbrille «Glass» lancierte, bei der man mit einem Augenzwinkern Fotos schiessen konnte, sahen manche schon das Ende der Privatsphäre gekommen. In Seattle und San Francisco wurden Smarte-Brillen-Träger aus Bars und Restaurants geworfen, weil die Besitzer um die Intimsphäre ihrer Kunden fürchteten. Das Gadget sah sich heftiger Kritik von Datenschützern ausgesetzt. 2015 hat Google den Verkauf von Glass eingestellt. Tempi passati. Spectacles ist der absolute Renner. Und es könnte tatsächlich sein, dass mit der Videobrille eine Zeitenwende anbricht.

Das Tippen verschwindet
Egal, ob Ferien oder Terroranschlag – alles wird filmisch festgehalten und mit der Welt geteilt. «Die Welt wird ein Live-Cast, eine aus dem Moment geborene Projektion von allem, was sich rund um uns abspielt – vom schön angerichteten Essen im Restaurant bis zur Schiesserei, deren Zeuge wir zufällig werden», erklärte der italienische Architekt Carlo Ratti, einer der Vordenker der Digitalisierung, im Gespräch mit der «NZZ». «Die Kamera ist der Composer», sagte Facebook-Chef Mark Zuckerberg kürzlich. Filmen ersetzt das Tippen. Die Frage jenseits aller technischen Aspekte nach möglichen Speicherkapazitäten ist, was es für die Gesellschaft bedeutet, wenn künftig jeder mit einer solchen videofähigen Sonnenbrille herumläuft und alles mitgefilmt wird. Wer hat die Deutungshoheit über Bilder? Wie verändern sich Face-to-Face-Interaktionen? Agiert man vorsichtiger, weil man weiss, dass das Gegenüber mitfilmt? Gibt es bald kein off the record mehr?

In seinem Buch «Delete: Die Tugend des Vergessens in digitalen Zeiten» betont Viktor Mayer-Schönberger, wie wichtig die Fähigkeit zum Vergessen für unsere Gesellschaft und Geschichte ist. Die totale Erinnerung würde uns in psychische Konflikte stürzen und uns handlungsunfähig machen. Natürlich kann nicht jeder Videoclip schon allein aufgrund der begrenzten Speicherkapazitäten dauerhaft festgehalten werden. Und doch ist da dieses diffuse Gefühl, dass eine Aufnahme noch immer auf irgendeiner Serverfarm lagert. Die bunten Brillen vermitteln ein Gefühl von Unbeschwertheit, das es in der Praxis so nicht geben wird.

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