Das Jazzfestival Montreux feiert seinen 50. Geburtstag und strahlt in die Welt. Unser Autor hat die Entwicklung zu einem der wichtigsten Festivals hautnah miterlebt. Eine persönliche Betrachtung.
Ich war 16 und schon damals musikbesessen. Doch Pop wurde immer öder. Mitte der 70er-Jahre passten sich selbst die grossen Rockbands immer stärker den Bedürfnissen der mächtigen Musikindustrie an, Disco war mir zu geschliffen und Punk zu plump. Umso mehr faszinierte mich, was sich dort unten am Genfersee abspielte. Eine neue Welt lockte. Die grosse Welt des Jazz.

Aber nicht Dixieland oder Swing, wie ich ihn von meinen Eltern kannte. Es war die Zeit des Jazz-Rock. Es waren die Schüler von Miles Davis: Herbie Hancock, Chick Corea und Weather Report. Aber auch die Brecker Brothers und David Sanborn. Oder erinnern Sie sich an den Finnen Jukka Tolonen? Der bleiche, dünne Gitarrist mit den langen Haaren spielte am Festival 1978. Der war hip. Und Irakere war da. Eine Sensation! Die Vorzeigeband aus dem kommunistischen Kuba sorgte mit furiosem afro-kubanischem Jazz für Furore. Nein, der Jazz in Montreux erfüllte schon damals das Reinheitsgebot nicht.

Das Fenster zur Welt
Ich verfolgte alles am Radio. DRS übertrug damals noch live oder zeitversetzt aus dem Casino. Im Jahr darauf fand meine persönliche Premiere am Jazzfestival statt. Meine damaligen Helden, Chick Corea und Herbie Hancock, waren angesagt und spielten ein denkwürdiges Duo-Konzert im Casino. Am Tag darauf führte mich die Mingus Dynasty, eine Band zu Ehren des ein Jahr zuvor verstorbenen Bassisten, in die reiche Musik von Charles Mingus ein. Jazz hatte mich gepackt und liess mich nicht mehr los.

Montreux war mein Fenster zum Jazz, den Blues und zu anderen afro-amerikanischen Spielarten. Aber auch in die Welt. Hier lernte ich die afro-kubanischen Rhythmen kennen und entdeckte die reiche Musikkultur Brasiliens: Gilberto Gil, Caetano Veloso, Joao Gilberto und Airto. Alle waren hier und haben seit 1978 ihren festen Platz im Programm. Dazu kam Reggae mit Peter Tosh, Sly & Robbie und Jimmy Cliff. Und Afrika. Afrikanische Popmusik mit Miriam Makeba, Mory Kante, Manu Dibango und Youssou N’Dour.

Kleine Zeltstadt voller Freaks
Das Jazzfestival am Genfersee hat mich musikalisch sozialisiert. Montreux ist für mich aber noch viel mehr. Als Kanti-schüler hatten wir kein Geld für Hotels, weshalb wir im Garten hinter dem Casino ein Zweierzelt aufstellten. Dort, gleich an der Promenade zum Genfersee, bildete sich eine kleine Zeltstadt von Freaks, die mit ihren Gitarren und Perkussionsinstrumenten bis tief in die Nacht jamten. Mittags um 12 Uhr weckten uns die ersten Bands, die dort auf der Terrasse zur Badi des «Eden au Lac» spielten. Meistens waren es College-Bigbands aus den USA mit einer erstaunlichen Qualität oder lokale und weniger bekannte Jazz-Rockbands. Ab in die Badi, wo der Geist von Montreux lebte. Der Jüngling atmete den Duft der Freiheit und der Welt. Das Jazzfestival lieferte den Soundtrack dazu.

Kommerz und Musikmesse
Das wurde damals alles geduldet. Das Happening im Garten des Casinos wurde für einige Jahre zu einem festen Bestandteil meiner Sommerferien. Doch Mitte der 80er-Jahre war plötzlich Schluss mit der Hippie-Herrlichkeit. Polizisten patrouillierten und wiesen uns Freaks freundlich, aber bestimmt vom Gelände. Die Hippie-Phase war definitiv vorbei. Das Festival wurde anders, professioneller, kommerzieller. Die Freaks störten nur noch. Logisch, dass ich diesen Wandel damals bedauerte und mit grosser Skepsis verfolgte. In der Entwicklung zu einem der wichtigsten Musik-Festivals der Welt war der Schritt aber unvermeidlich.

Der Einzug ins grosse Auditorium Stravinski war der nächste grosse Schritt in der Entwicklung des Festivals. Saal und Akustik erfüllten zwar höchste Ansprüche, doch die 4000 Plätze mussten auch besetzt werden. Popstars mussten her. Jazz wurde am Jazzfestival zu einer Minderheitenmusik und Montreux zu einer Art Musikmesse. Zu einem musikalischen Gemischtwarenladen, in dem alles akribisch durchgeplant und programmiert werden musste. Das Festival verlor an Charme, Intimität und Spontanität.

Doch auch meine Beziehung zu Montreux hatte sich verändert, wurde quasi professionalisiert. Ab 1988 war ich als Journalist akkreditiert, erlebte unzählige Highlights und manche Flops. Ich lernte den legendären Festivalgründer Claude Nobs kennen und war einige Male zu Gast in seinem Chalet hoch über dem Genfersee. Er hat das Festival zu dem gemacht, was es heute ist. Kein Zweifel: Er war geschäftstüchtig. Die Rechnung musste stimmen. Aber sein Enthusiasmus und seine Begeisterungsfähigkeit für die Musik waren viel grösser. Nobs ist bis zu seinem Tod ein Fan geblieben. Er liebte die Musik über alle Stile hinweg. Und er liebte vor allem die Stars. Für sie machte er alles und beschenkte sie reich. Unvergessen, wie er mir ein mehrere tausend Franken teures Kleid der italienischen Star-Designerin Angela Missoni samt Begleitbrief in die Hand drückte. Mit der Bitte, es der Sängerin Lauryn Hill am Zermatt Unplugged zu überreichen.

Montreux ist Miles
Und es gab diesen speziellen Montreux-Geist. Die Freude an stilübergreifenden Mixturen, die Lust, Grenzen auszuloten und zu überschreiten, den Puls der Zeit zu spüren. Claude Nobs verkörperte ihn, aber auch Miles Davis und Quincy Jones. Miles kehrte 1984 auf die Bühne zurück und spielte danach fast jedes Jahr in Montreux bis zu seinem Tod im September 1991. Es war seine bei Jazz-Puristen umstrittene Pop-Phase, in der der exzentrische Trompeter aus Rock, Pop und Funk schöpfte. Dem Zeitgeist auf der Spur. Zu Montreux passte das perfekt.

Quincy Jones’ Mission
Mit dabei waren Jazzstars wie John Scofield und Kenny Garrett, aber auch Darryl Jones, der heutige Bassist der Rolling Stones. Und ich als treuer Zuhörer. «Miles formte die Identität des Festivals. Montreux ist Miles», schreibt Marcus Miller, der letzte musikalische Direktor des Meisters, im Buch zum Montreux-Jubiläum «50 Summers of Music».

«Keine Kategorien mehr. Du bist derjenige, der die Kategorien in der Musik auflösen kann», hatte Duke Ellington seinem Freund und Jazz-Kollegen Quincy Jones kurz vor seinem Tod 1973 auf den Weg gegeben. Das Vermächtnis des Duke wurde für ihn zur Mission. Zuerst machte er Michael Jackson zum Superstar, als Co-Produzent von Montreux wollte er sich danach von allen Musikgattungen befreien. Er mischte alles Mögliche und Unmögliche. «From Be-Bop to Hip-Hop» hiess 1991 eine programmatische Show- und Starparade, in der er die Stile wild durcheinanderwirbelte. Das war zwar ambitioniert, das musikalische Ergebnis blieb meist dürftig. Aber es festigte die Philosophie von Montreux: Es gibt keine guten oder schlechten Stile, es gibt nur gute oder schlechte Musik. «I am a Montreusien», sagt Quincy Jones.

Diesen Enthusiasmus und diese Begeisterung für die Musik spüre ich auch bei Mathieu Jaton, der 2013 Nachfolger des verstorbenen Festivalgründers wurde. Bei aller Kommerzialisierung und Professionalisierung hat Montreux über die Jahre seinen Geist bewahrt. Das Casino ist Vergangenheit, die Badi ist geblieben. «I am a Montreusien, too.»

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