Von Anna Kardos

Wo ist das Buch? Auf der Bühne steht Lukas Bärfuss, es sind die Solothurner Literaturtage. Doch es fehlt Bärfuss’ neues Buch, wenn der Autor kommenden Sonntag mit Bundesrat Alain Berset über die Schnittstelle von Sprache und Politik diskutiert. Ist das kein Konflikt:

Ein Autor ohne Buch?
Bärfuss verneint. Viel mehr seien Diskussionen zwischen Autoren und Politikern eine überlieferte Form: «Es gibt eine Tradition solcher Gespräche zwischen Magistraten und Schriftstellern: an den letztjährigen Literaturtagen etwa zwischen Micheline Calmy-Rey und Adolf Muschg. Oder das berühmte Gespräch zwischen Max Frisch und Kurt Furgler.» Und nun eben zwischen Bärfuss und Berset. Der Verweis auf Max Frisch sitzt. Denn auch Bärfuss wird vermehrt ausserhalb seiner Bücher und Bühnenstücke wahrgenommen: als eine Art Max Frisch reloaded. Nächste Woche ist in Willisau sein «Parzival» (nach dem Mittelalter-Stoff) zu sehen, letzte Woche diskutierte er in der «Arena» des SRF über die Flüchtlingstragödie im Mittelmeer. Leben und Literatur – in beidem untersucht er anhand von persönlichen Schicksalen, wie wir mit der Gesellschaft, der Wirtschaft verstrickt sind. Er mischt sich in die Politik und scheut keine Konflikte. Nur die Frage nach drei wichtigen Konflikten in seinem Leben beantwortet er nicht – er wolle sicher keine Rangliste seiner Lebenskrisen aufstellen. «Der grösste Konflikt besteht darin, dass man geboren wurde und sterben muss.» Womit man beim Grundkonflikt schlechthin wäre:

Leben angesichts der Sterblichkeit
«Das ist die ganze Grundlage, und alles andere folgt daraus», erklärt der Autor unverblümt. Aber Schüchternheit war ohnehin nie die Kardinalstugend von Lukas Bärfuss. Er wuchs in Verhältnissen auf, wo das Letzte, was man brauchen konnte, Samthandschuhe waren. Über seine Schulklasse im kleinstädtischen Thun der 1980er-Jahre schreibt er: «Unsere Eltern waren Säufer oder minderbemittelt, manchmal beides zusammen» oder «die Schule war lausig» und vor allem: «Wir wussten, dass dort draussen, jenseits der Neunten, niemand auf uns wartete.» Bärfuss’ Jugend war zwar keine Jugend ohne Gott (dafür sorgten unter anderem die Zeugen Jehovas von nebenan), aber eine Jugend ohne Perspektive.

Konflikt: Zukunft ohne Perspektive?
Trotzde, oder genau darum, las der Heranwachsende, kämpfte sich gegen den Widerstand der Unverständlichkeit durch Hegel, Erasmus und den mittelalterlichen «Parzival». Wo Perspektiven fehlten, schlug er solche in die Realität – mit seinen Wünschen. «Eine Definition von Konflikt ist, dass er da entsteht, wo verschiedene Dinge zusammenkommen. Die Auseinandersetzung ist nicht problematisch, sondern etwas, das mir sehr viel Lust macht», stellt Bärfuss fest. Was daraus folgt, ist ein eigentlicher Konflikt mit allen Konflikten:

Konflikte sind gar keine
Und schon könnte man das Thema abhaken. Wäre da nicht die Frage nach Solothurn und der Diskussion über das Reden in der Öffentlichkeit. Sind denn Politik und Literatur kein Gegensatzpaar? Konkreter gesagt: Sucht Lukas Bärfuss in seinen Essays nicht mittels Sprache nach Wahrheiten, während ein Politiker Wahrheit mit der Sprache lenkt?

Politik, Literatur und nur eine Sprache?
«Wahrheit? Das ist ein grosser Begriff», entgegnet Lukas Bärfuss. Er glaube viel mehr, dass die Kunst von den Ambivalenzen spreche: «Wenn sich das eine in das andere verwandelt und man nicht genau sagen kann, ob schon Wahrheit oder noch Lüge.» Dagegen sei Politik vor allem interessengeleitet. «Es geht ihr um die Formulierung von Interessen und um deren Ausgleich.» Die Kunst könne und wolle ihr Interesse nicht so deutlich formulieren wie die Politik. Aber in einem Punkt träfen sich beide Bereiche: «Die differenzierte Darstellung ist immer die Forderung.»

Diskussion Lukas Bärfuss und Alain Berset. Solothurn, Landhaussaal, So, 17. 5., 15 Uhr. Lukas Bärfuss: «Stil und Moral», Wallstein, 234 S., Fr. 27.90.
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