Von Elisabeth Feller aus Bradford

Manchester zeigt sich mit tief hängenden Wolken und Nieselregen ungemütlich. Deshalb: Rein in den Zug nach Bradford. Dort ist das Alhambra Theater ein Fixpunkt im Kulturleben der Halb-Millionen-Stadt. Aber auch Bradford empfängt die Besucherin mit Regen und Windböen. Gut, sind es nur einige Minuten bis zum 1914 erbauten Alhambra, das sich als verwegene Mischung aus Sacré-Cœur und Taj Mahal präsentiert. Schön, dass in diesem rot-goldenen Plüschtheater das Musical «Mary Poppins» gespielt und damit für knapp drei Stunden die Welt heil und licht sein wird.

Die Nachmittagsvorstellung ist ausverkauft. Schulkinder stürmen den obersten Rang; im Parkett sitzt ein altersmässig gemischtes, Musical-erprobtes Publikum. Ach, diese «Mary» sei unglaublich «colourful», sagt die Nachbarin zu meiner rechten Seite. Sie hat das Musical schon zweimal in Manchester gesehen; ihre Freundin sogar dreimal – mit Lust auf eine vierte Wiederbegegnung. Nun wird es dunkel im Zuschauerraum; die Ouvertüre beginnt. Wir tauchen ein in die Welt der Familie Banks an der Cherry Tree Lane, wo der Haussegen schief hängt. Die Kinder Jane und Michael sind bockig – ein Kindermädchen muss her. Da taucht aus dem Nichts eine junge Frau auf: Mary Poppins. Sie ist streng und liebevoll; vor allem aber – geheimnisvoll. Sie verwandelt Chaos in Ordnung; sie verfügt über magische Kräfte, weshalb nicht verwundert, dass sie mit ihrem Regenschirm öfters in den Himmel abhebt. Mary Poppins kann alles – auch dann, als sie gemeinsam mit dem zerlumpten Bert einen Park in ein betörendes Paradies verwandelt, in dem die Statuen lebendig werden und zu tanzen beginnen.

Farbig: O ja, das ist diese opulente englische Produktion, die auf den weltweit geliebten Mary-Poppins-Geschichten von Pamela Lynwood Travers und dem Walt-Disney-Film von 1964 (mit Julie Andrews in der Titelrolle) basiert. Die Verwandlung zum Musical hätte schiefgehen können, doch wenn die Disney Theatrical Productions und der Theaterproduzent Cameron Mackintosh zusammenspannen, kann man sich beruhigt im Sessel zurücklehnen. Der Brite hat schon «Les Misérables» zum Welthit gemacht, was auch für das 2004 in London uraufgeführte Musical «Mary Poppins» gilt, das nun – als englische Produktion neu belebt – erstmals in der Schweiz zu sehen sein wird.

Alleskönner Richard Eyre
Es macht dem Genre alle Ehre, denn es vereint alles, was ein exzellentes Musical auszeichnet: Ohrwürmer (wie Chim Chim Cher-ee), zauberhafte Bühnenbilder, hinreissende Kostüme; raffinierte Chor- und Tanzszenen; fabelhafte Schauspieler-Sänger sowie solistische Einlagen, die an Pfiff kaum zu überbieten sind. Beispiel gefällig? Bert klettert eine Wand hoch; hängt danach kopfüber, was ihn jedoch nicht hindert, mit den Füssen einen Steptanz auf dem Bühnenhimmel hinzulegen.

Was «Mary Poppins» insgesamt aber zu einem der grössten Musicals macht, ist dies: Die jeder Drehung und Wendung innewohnende, geradezu extreme Sorgfalt. Ist ja logisch, denkt man, wenn man sich das Kreativteam mit u.a. Matthew Bourne (Choreografie) und Bob Crowley (Kostüm- und Bühnenbilddesign) vergegenwärtigt. An einen aber denkt man in erster Linie: Richard Eyre. Was hat dieser Regisseur und einstige Intendant des National Theatre London nicht alles inszeniert: Klassische und zeitgenössische Stücke; Opern, Filme. Was immer man von Eyre zu sehen bekam, überzeugt durch eine Qualität, die nie den Effekt, sondern das sorgfältig erarbeitete Detail sucht. Diese Hinwendung zum präzis gesetzten, bisweilen nur aufblitzenden Detail zeichnet auch die Inszenierung von «Mary Poppins» aus. Dass diese am Ende die Bühne verlassen und mit ihrem Schirm hinauf zur jauchzenden Kinderschar fliegen darf, ist freilich regieliches Kalkül – aber was für eines. «Mary, du bist fantastisch», will ich dem Kindermädchen zurufen. Doch da kommt mir in den Sinn, dass nur dieses, soeben im Musical gehörte Wort infrage kommt: «Supercalifragilisticexpialidocious».

Mary Poppins – Das Musical ist vom 1. Februar bis
19. März im Theater 11, Zürich, zu sehen.

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