Fragen, nichts als Fragen. Und dazwischen Resignation. Trübe Stimmung kann das Lucerne Festival, wo der Glanz und die Sponsorenmillionen zum Programm gehören, momentan nicht brauchen: Der bloss zu vier Prozent subventionierte Laden muss brummen. Doch wenn es um die Nachfolge von Claudio Abbado als Chefdirigent des Lucerne Festival Orchestra (LFO) geht, herrscht Ratlosigkeit. Gegen aussen jedenfalls – aber auch das ist schon zu viel. Die Stelle ist einer der drei Pfeiler des Festivals: Das nur im Sommer bestehende Orchester ist der Festival-Botschafter, sein Chefdirigent weltweit ein Lucerne-Leuchtturm.

Kurzer Rückblick. Die Pietät verbot es der Festivalleitung, in den letzten Jahren zu fragen, was sein werde, wenn Claudio Abbado einst nicht mehr LFO-Chefdirigent sein würde. Als er am 20. Januar starb, begann das Jammern. Wie weiter? Und mit wem überhaupt?

Gut für Luzern: Der Lette Andris Nelsons dirigierte das Gedenkkonzert am 6. April – und er leitete das stolze LFO im August auch gleich in vier Konzerten mitsamt Festivaleröffnung. Die Musiker vertrauten ihm. Für den 24.11.2014 setzte Luzern denn auch freudig gestimmt eine Pressekonferenz an: Präsentiert werden sollte der Neue. Alles andere als der Name des 36-jährigen Nelsons wäre eine Überraschung gewesen. Doch am 20.11.2014 kam die Absage wegen «kurzfristigen terminlichen Gründen». Seither sagt niemand mehr etwas.

Die bohrenden Fragen lauten: Ist jener Kandidat – nennen wir ihn doch Nelsons! – noch im Rennen? Oder hat eine Seite einen Rückzieher gemacht?
Beantworten wir die erste Frage frech mit «Ja», die zweite mit «Nein», so lässt sich die Anschlussfrage, warum Nelsons dann auf Abwarten spielt, beantworten: Es geht um eine zweite, noch viel prestigeträchtigere Stelle – das Chefdirigat der Berliner Philharmoniker im 2019, den Dirigenten-Thron. Der Entscheid fällt im Mai. Dagegen ist das Lucerne Festival ein goldener Sessel für einen, der schon alles gesehen hat.

Zwar sagte Nelsons in der «Welt» am 12. August 2014, dass er sich für Boston und gegen Berlin entschieden habe. Es scheint aber so, dass der «Welt»-Journalist das bloss so hören wollte. Nelsons ärgerte sich offenbar sehr über den Artikel und dementierte ihn in der «New York Times» am 10.9.2014 heftig. Anders gesagt: Nelsons will 2019 Chef der Berliner Philharmoniker werden.

Detail: Auch Haefliger lobte Nelsons im «New York Times»-Artikel und bekräftigte diese Woche gegenüber der «Schweiz am Sonntag», wie sehr er zu ihm steht: «Ich kann hier ja auch klar sagen, dass Nelsons einer unserer Favoriten ist. Er ist letztes Jahr eingesprungen, hat die Konzerte von Claudio Abbado übernommen, dafür sind wir ihm sehr dankbar. Das Orchester musizierte sehr gerne mit ihm – die Konzerte waren ein grosser Erfolg.» Nelsons dirigiert im Sommer wieder ein Programm und danach ist mit ihm eine Tournee geplant: Er soll als Festival-Botschafter wirken.

Dass Nelsons keine exklusive Figur wäre, wie sie Abbado verkörperte – keine, wegen der einer extra nach Luzern pilgern müsste, um sie zu erleben, ist Haefliger egal. Auch wenn der Intendant bekennt, dass die Exklusivität in diesem Sinne tatsächlich kleiner sei, sagt er: «Wir sind in einer anderen Situation als mit Claudio Abbado. Je nachdem, welchen Dirigenten man anfragt, kann diese Exklusivität wachsen: Irgendwann sind dann die Luzerner Konzerte vielleicht die speziellsten dieses Dirigenten.»

Würde man ein Unikum suchen, das vielleicht bald frei von anderen Orchestern ist, ständen lediglich drei, immer noch gebundene Dirigenten zur Wahl. Riccardo Muti (*1941) und Mariss Jansons (*1943), dann aber auch Simon Rattle (*1955). Diese Namen will Haefliger nicht kommentieren. «Entscheidend ist, dass diese Person sehr gut mit dem Orchester arbeitet und dass wir vom Festival denken: ‹Ja, er will sich mit Haut und Haar dieser Aufgabe hingeben!›.»

Klar ist für Haefliger, dass sich das Orchester auch personell verändern wird. Dass das LFO allerdings eine Identität habe, die an gewisse Musiker gebunden sei, unterstreicht er dennoch. So wurde auch mit Exponenten des «alten» LFO über den Abbado-Nachfolger gesprochen.

Fragt sich nur, ob ein Neuer jemals mit den besten Freunden Abbados gut arbeiten könnte. Haefliger sieht auch hier keinen Widerspruch. «Wir erlebten es ja auch schon im letzten Sommer: Die Bereitschaft, mit Andris Nelsons zusammenzuarbeiten, war sehr gross, auch wenn im letzten Sommer noch viel Melancholie da war. Aber dennoch war das Orchester bereits erstaunlich offen für Neues.» Und dann sagt er einen entscheidenden Satz fern aller Melancholie: «Man spürte schon in diesem Sommer: Es ist das Lucerne Festival Orchestra und nicht das Abbado-Orchester.»

Lucerne Festival hat mit den Musikern Projektverträge: Wer nicht will, muss nicht. Im Sommer 2014 spürte Haefliger allerdings ein klares Bekenntnis zum Projekt Lucerne Festival Orchestra: «Diese Musiker wollen es mitgestalten.» Für das Wohl der Musiker, vor allem der Stars wie etwa Reinhold Friedrich, Jacques Zoon oder Wolfram Christ wird viel getan. Sehr verlockend für die Musiker sind die Kammerkonzerte im KKL.

Jetzt heisst es Warten. Im Sommer 2015 dirigieren vorerst sowohl Nelsons als auch der alte Bernard Haitink das LFO. Es soll die Ausnahme sein, denn für Haefliger ist klar: «Wir brauchen eine neue Leitung, es soll nicht jedes Jahr ein anderer vor dem LFO stehen. Wir suchen innerhalb des nächsten halben Jahres eine Lösung.»

Wird im Mai Nelsons nicht Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, wird er wohl Chefdirigent in Luzern. Wird Nelsons Chef in Berlin, wäre mit Simon Rattle ein Dirigenten-Prinz, der bereits auf dem Berliner Thron sass, der beste Luzerner Kandidat. Wie auch immer: Es sind gute Zeiten für Lucerne Festival.

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