Von Urs Arnold

Bald steht Ihre zweite Locarno-Ausgabe als Künstlerischer Leiter an. Wie schätzen Sie rückblickend die Premiere ein?
Carlo Chatrian: Aus meiner persönlichen Sicht bin ich sehr glücklich mit meinem Einstand. Natürlich traten hie und da mal kleine Probleme auf. Die Auftritte auf der Piazza Grande etwa sind ja auch eine Show, und da weiss ich, dass ich noch stärker aufdrehen kann (lacht). Hinsichtlich des Programms aber bin ich voll und ganz zufrieden.

Tatsächlich erhielten Sie sehr viel Lob dafür, vor allem für den internationalen Wettbewerb. Gab es auch Kritik?
Natürlich wurden einige Titel stark diskutiert, das gehört zur Natur eines Filmfestivals. Ich möchte kein Programm bieten, das möglichst vielen Besuchern behagt. Stattdessen soll es Fragen aufwerfen und für Austausch sorgen. Wichtig ist mir Diversität; es sollen Filme verschiedenster Genres, Thematiken und Sprachen laufen. Genau das lässt Locarno zu.

«L’experience Blocher» und «Feuchtgebiete» waren zwei Filme, die Diskussionen auslösten. Ist auch dieses Jahr Zündstoff vorhanden?
Grundsätzlich wähle ich keine Filme aus, einfach weil sie provokativ sind, sondern wegen ihrer Qualität. Wenn beides zusammenkommt wie beim Film über Blocher, bin ich mehr als glücklich. Dieses Jahr gibt es im Festivalprogramm weniger kontroverse Filme, dafür aber mehrere, die grosse Konflikte adressieren. Es sind Werke, welche die Situationen in Syrien, in Russland oder den Israel-Palästina-Konflikt ansprechen.

Ein politisches Filmfestival?
Ja, Locarno wird in diesem Jahr politisch, und es behandelt in seinen Filmen vermehrt Krisen. Die EU-Wirtschaftskrise, aber auch Krisen in der Gesellschaft, in der Familie, die Krise eines Individuums. Mir ist sehr wichtig, in Locarno die Beziehung zwischen Kino und der realen Welt aufzuzeigen.

Welche Länder und Regionen sind betreffend Filmschaffen gerade besonders spannend?
Wir haben dieses Jahr eine signifikante Anzahl von südamerikanischen Filmen im Programm. So etwa sind zwei argentinische Filme im internationalen Wettbewerb vertreten. Das ist schön, denn Argentinien spielte in der Vergangenheit bei uns stets eine grosse Rolle. Auch Asien ist wiederum stark präsent. Und über alle Sektionen hinweg wird das amerikanische Independent-Cinema markant vertreten sein.

Locarno geniesst in dieser Szene einen sehr guten Ruf. Das kommt Ihnen sicherlich entgegen.
Wir unterhalten eine sehr enge Beziehung zu den Festivals Sundance und South by Southwest. Für amerikanische Indie-Produktionen sind wir Türöffner zum europäischen Markt geworden. Das wiederum öffnete mir die Türen zu neuen Filmen. In den USA hat sich in den vergangenen Jahren eine Szene gebildet, die eine besondere Energie freilegt, Filme auf eine neue Art und Weise zu machen. Ich verfolge dieses Geschehen mit grossem Interesse.

Wie viele Tage im Jahr sind Sie unterwegs, um ein ganzes Festivalprogramm zusammenzubekommen?
Sicher die Hälfte des Jahres. Ich gehe an viele Festivals und treffe mich abseits dieser Anlässe mit Produzenten aus der ganzen Welt. So bekam ich dieses Jahr unter anderem einen sehr interessanten Einblick in die Filmszene von Taiwan und Hongkong.

Wie wird der Schweizer Film an der kommenden Edition vertreten sein?
Ich möchte vor der Programmverkündigung keine Namen nennen. Verraten kann ich so viel, dass auf der Piazza Grande zwei Schweizer Filme, genau genommen zweieinhalb, gezeigt werden. Einer davon von einem vielversprechenden Jungtalent. Im internationalen Wettbewerb werden ebenfalls zwei einheimische Werke vertreten sein.

Eines Ihrer Ziele bei Amtsantritt war, dem italienischen Film stärkere Präsenz zu verleihen. Mit der Titanus-Retrospektive ist die Vergangenheit anwesend. Wie steht es um das kontemporäre Schaffen?
Durch die Retrospektive kommt dem italienischen Kino dieses Jahr hohe Aufmerksamkeit zu. Bezüglich der Gegenwart ist zu sagen, dass 2014 ein sehr seltsames Jahr im italienischen Kino ist. Es wurden nur wenige Filme gedreht, und somit werden auch nicht viele im Programm vertreten sein. Das ist schade, aber es ist so.

Ist es so, weil das Filmfestival Venedig bei den italienischen Regisseuren Vorrang hat?
Dass grosse italienische Regisseure ihre Filme im Heimatland Premiere feiern lassen, ist nachvollziehbar. Wir standen in Verbindung mit einigen Filmemachern, deren Werke jedoch nicht auf Locarno fertig werden – aber auch nicht auf Venedig.

Bekommen haben Sie dafür Luc Bessons Actionspektakel «Lucy». Blockbusterkino als Startschuss wird langsam zur Tradition.
Ich folge keinen Regeln, sondern meinem Instinkt. Ich mag grundsätzlich das Kino in allen Facetten, und Locarno soll sie alle repräsentieren. Ein Eröffnungsfilm darf durchaus eine Show bieten. Es kann jedoch gut sein, dass wir nächstes Jahr auch mal mit einer Dokumentation starten.

Kommt denn die «Lucy»-Hauptdarstellerin Scarlett Johansson nach Locarno? Oder Morgan Freeman?
Ich wäre sehr angetan, wenn die beiden kommen könnten. Man muss aber in Betracht ziehen, dass Scarlett Johansson gerade schwanger ist. Sicher wird Luc Besson anwesend sein.

Die Piazza Grande ist das Herzstück des Festivals. Immer mehr zum Ärgernis ist hier jedoch das sich endlos dahinziehende Vorspiel eines jeden Abends geworden.
Wir arbeiten an Verbesserungen für diesen Teil des Abendprogramms, der in der Struktur der Piazza Grande zentral ist. Dabei werden wir vor allem beim Rhythmus ansetzen. Dass wir jeden Abend Personen auf die Bühne bitten, um sie mit einem Preis zu ehren, ist nicht einfach ein Vorspiel. Sie gehören zum Herz des Festivals, das das Kino und seine lange Geschichte feiern will.

Letztes Jahr zeigte das Locarno Filmfestival seinen ersten 3-D-Film. Sind auch dieses Jahr spezielle Aufführungen geplant?
Am Eröffnungstag werden wir Charlie Chaplins «Modern Times» vorführen, der von einem Orchester musikalisch begleitet wird. Zudem präsentieren wir dieses Jahr drei Filme in 3-D. Einer davon ist der neue Film von Jean-Luc Godard, «Adieu au langage», der ausserhalb des Wettbewerbs laufen wird.

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