Kein Zweifel: Dieser Konzertsaal katapultiert Lugano kulturell nicht bloss in die Super League, sondern gleich in die Champions League. Doch ein Momentchen noch, bevor wir losjubeln: Die Luganesi selbst machten es ja auch spannend mit der Eröffnung ihres 210-Millionen-Baus. Bereits seit dem 12. September wird das LAC (Lugano Arte e Cultura) eröffnet, «Hereinspaziert!» gerufen, das Museum gezeigt und Theater gespielt. Doch mit dem Prunkstück, dem Konzertsaal, wartete man bis zuletzt. Am Freitag dann durften endlich via Ludwig van Beethoven die Götterfunken freudig sprühen.

Naja, etwas unnötige Italianità brauchte es auch: Eine geschlagene Viertelstunde wartete man auf die Eröffnungsrede. Kaum waren die Worte verhallt, schritt immerhin Dirigent Vladimir Ashkenazy in den Saal. Er dirigierte, wie ausser in der Deutschschweiz überall auf der Welt in einem erhabenen Moment üblich, die Landeshymne. Schauerlich schön war das! Alles stand und hörte von Alberich Zwyssigs «Schweizerpsalm» erst eine hochglänzende Orchesterfassung mit dem Orchestra della Svizzera Italiana und alsbald dank dem Coro della Radiotelevisione Svizzera Italiana die salbungsvolle Wortfassung. Als man 1998 in Luzern das KKL eröffnete, erklang ein Werk des Deutschen Wolfgang Rihm. Die Tessiner sind eben doch die patriotischsten Schweizer.

Nach einer weiteren nervenden fünfminütigen Wartezeit aufgrund einer TV-Anmoderation trat Ashkenazy erneut aufs Podium – 21.05 wars nun! – und liess die Katze aus dem Satz: Beethovens weltumschlingende 9. Sinfonie. Sie sollte das LAC endgültig einweihen und gleichzeitig beweisen, dass Lugano nun über einen der besten Säle Europas verfügt.

Sofort vergessen ist die da und dort gestellte Frage, ob der Saal zu klein sei: Er hat ein ideales akustisches Volumen, aber er bleibt mit seinen knapp 1000 Plätzen gerade noch intim. Der Klang kommt direkt und offen in den Saal, ist physisch spürbar. Beethoven geht hier ans Lebendige, ans Herz, reisst mit – wie er und die Musik all seiner Kollegen es in den berühmten goldenen Schuhschachtel-Sälen des ausgehenden 19. Jahrhunderts tun. Der LAC-Klang ist anders als im KKL, wo man oft aussenstehender Beobachter des Klangs bleibt. Die coole KKL-Distanz gibt es im LAC nicht, die Durchhörbarkeit im Orchesterdschungel ist aber selbst von der Balconata Fila B Posto 117 optimal.

Ist die Akustik gar zu offen, zu «positiv» tragend? Man kann es noch nicht wissen, denn Vladimir Ashkenazy ist nicht der feinfühlige Schwärmer: Seine Neunte ist forsch, trotzig schon im Eröffnungssatz, selbst im 3. Satz nie überromantisierend, erhaben. Nach anfänglicher Nervosität folgte ihm das Tessiner Orchester in seinem Geist bravourös.

Famos, wie klar ein Flötensolo in den Rang leuchtet, ungeheuerlich, wie ein Cello-Bass-Unisono im Pianissimo hier seinen deutlichen Charakter zeigt. Spannend auch, die vier (berühmten) menschlichen Stimmen im Finalsatz zu hören. Sie breiteten sich flügelhaft leicht im Saal aus. Dass sie dynamisch und gestalterisch sehr ungleich waren, war durchaus interessant für das die Akustik beobachtende Ohr, wenn auch nicht für den musikalischen Kopf.

Die LAC-Sitze sind angenehm, das hellbraune Birnenholz ist ein warmer Kontrast zu den kalten Zugangskorridoren. Das rotschimmernde Nachtklub-Licht rund ums Podium erinnert ans KKL, ist aber ein unnötiger Effekt.

Per Knopfdruck wird übrigens aus der Konzert- eine Opernbühne mit Orchestergraben, die Luzerner Salle-modulable-Idee ist hier verwirklicht. Erstaunlich bloss, dass selbst im fortschreitenden 21. Jahrhundert das Beleuchtungsproblem nicht gelöst ist: Grässlich die Scheinwerferansammlung über den Musikern. Und auch erstaunlich, dass sich zum Schluss, obwohl bloss knapp 1000 Menschen im Saal sitzen, die Massen zäh zum Ausgang drängeln.

Auf der Piazza Bernardino Luini angekommen, ist der Blick zurück aufs LAC dafür atemberaubend: Die leuchtende, hohe Eingangshalle erinnert an die Metropolitan Opera in New York. Wer sich erneut umdreht, sieht über dem See den Mond dem San Salvatore buona notte sagen. Wo gibts Ähnliches auf der Welt?

«Lugano Musica» bietet ein spannendes Jahresprogramm. Mit den grossen Sinfoniekonzerten wirbt man selbstbewusst in Mailand. Stars wie Valery Gergiev, Bernard Haitink, Charles Dutoit und Yannick Nézet-Ségiun dirigieren in Lugano Orchester, die an der Scala nur selten zu hören sind, das macht ihn für Mailänder attraktiv. Aber dass eins klar ist, cari amici: Als Deutschschweizer sollte man den Saal noch vor den Mailändern sehen und erleben.

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