Wir treffen die viel beschäftigte Direktorin am frühen Morgen. Das Kunsthaus, unweit des Aargauer Kantonsparlaments gelegen, ist noch geschlossen. Madeleine Schuppli strebt mit dem Haus nationale und internationale Ausstrahlung an, und immer wieder gelingt ihr das. Mit der aktuellen Ausstellung «Swiss Pop Art» scheint sie erneut einen Nerv getroffen zu haben: «Es ist super angelaufen», sagt die Kunsthistorikerin, die in Genf, Hamburg, Zürich und Basel studiert hat.

Mit 270 Werken von 51 Künstlerinnen und Künstlern gibt das Aargauer Kunsthaus in Aarau einen umfassenden Überblick über die Pop Art in der Schweiz von 1962 bis 1972. Die Ausstellung "Swiss Pop Art" dauert vom 7. Mai bis 1. Oktober.

Frau Schuppli, viele Menschen waren noch nie in einem Kunstmuseum. Was verpassen sie?

Madeleine Schuppli: Ein tolles Erlebnis! Bei uns kann man in Welten eintauchen, sich inspirieren, bereichern und unterhalten lassen. Wer ein Kunstmuseum besucht, entdeckt Neues und setzt sich mit Themen auseinander, die er vorher so nicht kannte.

Das Vorurteil, dass Kunstmuseen abgehoben und nur etwas für Experten sind, hält sich hartnäckig.

Es stammt aus Zeiten, als Museen noch ganz anders funktionierten: Die Besucher schritten grosse Treppen hinauf, gelangten zwischen schweren Säulen in die Gebäude, die aussahen wie Tempel. Wärter, deren Uniformen an Polizisten erinnerten, passten auf, dass niemand zu laut sprach und dass kein Kind herumrannte. Heute versteht sich unser Personal als Gastgeber, als Türöffner, als Vermittler, und auch die Architektur strahlt Offenheit aus. Die zeitgenössischen Museen haben ihre Schwellen abgebaut, Besucherorientierung ist selbstverständlich.

Die Ausstellung «Blumen für die Kunst», die Sie in Zusammenarbeit mit Floristen durchgeführt haben, war sehr populär und lockte in einer Woche 16'000 Besucher an. Kehren diese Leute später wieder ins Kunsthaus zurück?

Sicher nicht alle. Aber dass sie zu uns kamen und nicht einfach an die «Giardina» gingen, zeigt, dass sie die Kombination von Kunst und Blumen interessierte. Wir haben eine Reihe von Ausstellungen gemacht, die Kunst mit anderen Themen verbanden, und sie waren immer ein Erfolg. Zum Beispiel schlugen wir eine Brücke zur Literatur, indem wir Robert Walser zum Thema machten. Und mit «Rhythm in it» verknüpften wir Musik und Kunst.

Ein Publikumsmagnet war auch «Cinéma mon amour», wo Sie mit den Solothurner Filmtagen kooperierten.

Ja, das kam sehr gut an und zeigte, dass man den Kunstbegriff durchaus weiter fassen soll.

Ist das nicht vor allem Marketing: Sie locken so mithilfe anderer Institutionen neue Besucherkreise ins Kunsthaus?

Sicher auch, zumal unser Marketingbudget vergleichsweise klein ist – aber das geht sicher nicht auf Kosten der Kunst. Im Gegenteil! Es sind spannende Experimente. Bei den Blumen waren wir uns übrigens nicht sicher, ob es funktionieren würde. Wir probierten es einfach mal aus.

Madeleine Schuppli, Direktorin des Aargauer Kunsthaus in Aarau. Fotografiert in der aktuellen Ausstellung "Swiss Pop Art".

Eine Ausstellung wie die Swiss Pop Art habe es so noch nicht gegeben, sagt Schuppli.

Madeleine Schuppli, Direktorin des Aargauer Kunsthaus in Aarau. Fotografiert in der aktuellen Ausstellung "Swiss Pop Art".

Brauchte dieses Projekt Mut, weil man andernorts vielleicht die Nase rümpft über populäre Ansätze?

Es wären sicher nicht alle Museen offen für solche Experimente. Wir entschieden uns, es weiterzuführen, und zwar nicht nur wegen des Besucherandrangs, sondern auch wegen der Qualität: bei «Blumen für die Kunst» stimmte sie.

Populär ist für manche Ausstellungsmacher ein Schimpfwort.

Wenn das Niveau stimmt, ist es doch gut, wenn eine Ausstellung populär ist. Populistisch aber darf sie nicht sein: Anbiederung und Effekthascherei tun der Kunst nicht gut.

Gibt es denn populistische Kunst?

Es gibt One-Liner, die man mit einem Blick erfasst und ebenso schnell wieder vergisst.

An wen denken Sie? An Künstler wie den Amerikaner Jeff Koons?

(Zögert) Jeff Koons hat auch interessante Werke geschaffen. Ich nenne Ihnen einen anderen Namen: Die neue Ausstellung von Damien Hirst in Venedig ist ein solcher One-Liner. Da wurde mit grossem Aufwand eine Aufmerksamkeitsblase geschaffen, eine fünf Stockwerke hohe Bronzeskulptur zum Beispiel, die einen kurz beeindruckt, im Grunde aber Kitsch ist.

Ihre aktuelle Ausstellung widmet sich der «Swiss Pop Art». Zweifellos auch ein Renner. Wie kamen Sie auf die Idee?

Der erste Gedanke ist nie: Was muss ich zeigen, damit viele Leute kommen? Das gäbe kein gutes Programm! Wer nur auf Blockbuster und Big Names schielt, wird austauschbar. Ein Programm braucht Ecken und Kanten, Überraschungen, Verqueres. Und Verankerung. Es muss zum jeweiligen Museum passen. Was überall stattfinden könnte, das wollen wir nicht.

Wie ging das bei Pop Art?

Wir sind dauernd auf der Suche nach Themen, die Sinn machen und die wir für wichtig halten. Swiss Pop Art war schon lange in meinem Hinterkopf. Eine solche Ausstellung gab es noch nicht. Brachliegende Themen in der Schweizer Kunstgeschichte aufzuspüren, das ist die grosse Herausforderung. Dass Pop Art die Fachwelt, die Künstler und ein grösseres Publikum interessiert – das war uns schnell klar.

Was interessiert Sie an Pop Art?

Mir gefällt das Direkte, das Klare, das Unverstellte: Man schaut auf die Welt und bildet ohne Berührungsängste ab, was man sieht. Diese Künstler fragen nicht: Was ist bildwürdig und was nicht? Peter Stämpfli malt einfach einen Kühlschrank. Und erst noch schwarz-weiss, einfach aus einem Prospekt abgemalt. Das provozierte damals, und es wirkt auch heute noch frisch. Auch weil die damalige Zeit, die 68er- und Folgejahre, politisch und gesellschaftlich bis heute nachwirkt.

Schaut man sich die Pop Art aus den Jahren 1962 bis 1972 an, stellt man aber auch eine gewisse Oberflächlichkeit fest.

Diese Kunst zeigt oft die Oberfläche, das stimmt, aber sie hat auch inhaltlichen Tiefgang. Sie setzt sich mit zentralen Themen wie beispielsweise Vietnam, der Raumfahrt und der Rolle der Frau in der Gesellschaft auseinander.

Das Kunsthaus Aarau hat nationale und internationale Ausstrahlung – dennoch: Würden Sie dieselben Ausstellungen in Zürich oder Basel machen, wäre die Aufmerksamkeit wohl grösser. Ist Aarau ein Handicap?

Nein. Wir haben in den Medien eine enorme Präsenz, viele Kollegen sagen mir: Wie macht ihr das? Aarau ist ein Alleinstellungsmerkmal. Ein Nachteil mag höchstens die relative Kleinheit der Stadt sein. Ein Grossteil des Publikums reist von auswärts an, was mit einem gewissen Effort verbunden ist, ohne den wir wohl noch mehr Besucher hätten.

Der Kanton Aargau schreibt Defizite und muss sparen. Befürchten Sie, dass die Kultur und insbesondere das Kunsthaus unter die Räder geraten?

Der Kanton spart in allen Bereichen. Wir sind ebenfalls davon betroffen, was nicht einfach ist. Das Kunsthaus ist aber eine Public-private-Partnership, die Ausstellungen werden – neben Swisslos-Beiträgen, privat finanziert über den Kunstverein. Da geht es um Mittel aus Mitgliederbeiträgen, Sponsoring, von Gönnern, Stiftungen und so weiter.

Wird die private Finanzierung schwieriger?

Ja, und diesbezüglich ist Aarau wahrscheinlich ein Nachteil. Hier Geld zu akquirieren, ist schwerer als beispielsweise in Basel, wo ich früher arbeitete. Dort gibt es eine Tradition und vor allem mehr Personen, Firmen und Stiftungen, die Kultur unterstützen.

Könnte das Problem auch darin bestehen, dass Kunstausstellungen weniger populär sind als früher? In den 1980er- und auch in den Nullerjahren gab es oft lange Schlangen vor Museen.

Da bin ich ganz anderer Meinung. Die Giacometti-Ausstellung im Kunsthaus Zürich hat eben riesige Schlangen produziert. Auch Pipilotti Rist löste einen Ansturm an. Es haben sich noch nie so viele Menschen für Gegenwartskunst interessiert wie heute. Früher sagte man: Der Geschmack des Publikums ist 100 Jahre verzögert.

Boomen deswegen die Kunst-Grossereignisse? Die Previews an Biennale, Documenta, Art Basel sind überlaufen wie nie zuvor, es gibt ständig mehr Messen, mehr Biennalen, mehr Festivals ...

Die Messen werden grösser und mehr, weil der Kunstmarkt nach wie vor enorm gut läuft. Immer mehr Leute wollen am gesellschaftlichen Mehrwert von Kunst partizipieren, sie wollen kaufen und bei den exklusiven Previews dabei sein. Biennalen entstehen auch, weil man Kultur als Standortfaktor nutzen und das relativ wohlhabende Kunstpublikum anlocken will. Arabische Destinationen geben sich mit Biennalen ein weltoffenes Image. Der Kultur bringt das nicht viel.

Trix und Robert Haussmann, «Choco-Chair», 1967 (Aargauer Kunsthaus, Kunststiftung Teo Jakob)

Müssen Museen eine gesellschaftliche Relevanz haben?

Das ist schon der Anspruch. Relevanz heisst für mich auch: vor Ort verankert sein. Ein Museum darf kein UFO sein, das irgendwo gelandet ist. Die Umgebung muss teilhaben, sich spiegeln können, das ist identitätsstiftend und ist mir für Aarau ganz wichtig. Gleichzeitig muss es ausstrahlen. Das ist eine Selbstverständlichkeit heute. Man ist vernetzt, informiert, Kunst und Kultur sind internationale Communities. Den Fokus nur auf die Region zu setzen, wäre nicht zeitgemäss und nicht der Auftrag.

Warum?

Man hat Ambitionen mit diesem Haus. Die hat man mit dem Erweiterungsbau 2003 markiert, als man so wichtige Architekten wie Herzog & de Meuron bauen liess. Wenn es ausstrahlen soll, muss es auch Impulse von aussen aufnehmen – sonst verkommt es zum Provinzmuseum.

Verstärkt die Digitalisierung den Austausch, weil ich zum Beispiel per Internet durchs MoMA New York flanieren kann?

Das Internet macht möglich, dass man viel breiter und genauer wahrnimmt, was ein Museum macht. Wir haben einen Teil unserer Sammlung online, wir bedienen Social Media. Aber ein virtueller Rundgang kann den Besuch vor Ort nicht ersetzen. Unser USP sind die Originale, die einen echt berühren. Nach der Fernsehserie «Der Bestatter» kamen viele Leute, um Albert Ankers «Kinderbegräbnis» im Original – eben echt – zu sehen.

Das kann selbst die Virtual-Reality-Brille nicht ersetzen.

Auf keinen Fall. Weil emotional und physisch mit einem nichts passiert, wenn man sich nur durch ein Museum klickt.

Kunst kann berühren. Aber kann sie auch die Welt verändern, die Welt verbessern, wie das gerade jetzt die Weltkunstausstellung Documenta proklamiert?

Kunst kann nur ihr Publikum erreichen, nicht alle Menschen. Totalitäre Staaten versuchten das, indem sie mit flächendeckender Staatskunst ihre Ideologie ihren Bürgern ins Hirn implantieren wollten. Bei uns ist die Freiheit der Kunst ein wichtiger Wert. Und ich finde, man darf Kunst nicht instrumentalisieren, man darf Künstlern auch nicht den Auftrag geben, eine kuratorische Idee zu illustrieren. Der Mehrwert der Kunst ist ihre Mehrdeutigkeit, dass sie nicht eine Botschaft vermitteln will.

Also das Gegenteil von missionarischem Eifer?

Kunst soll uns anregen zum Denken, über uns, unsere politischen und gesellschaftlichen Werte und Verhältnisse. So kann Kunst die Menschen und die Welt allenfalls verändern. Die Medien haben eine ähnliche Aufgabe: sie sollen nicht nur ideologische und einseitige Sichten aufzeigen, sondern Themen zur Diskussion stellen, Hintergründe und auch Gegenmeinungen liefern.

Buchstäblich Spuren hinterlässt in Ihrer aktuellen Ausstellung Peter Stämpflis Reifenbild. Sie sind jetzt annähernd seit zehn Jahren Direktorin des Aargauer Kunsthauses. Welche Spur haben Sie hinterlassen?

Spuren zu hinterlassen, heisst für mich, dass etwas bleibt. Dass das Publikum von einem Besuch etwas mitnimmt, dass Künstler sagen: Meine Ausstellung hier hat mich weitergebracht, mir wurde etwas ermöglicht. All die Menschen rund um unser Haus sollen das Gefühl haben, etwas beigetragen und ermöglicht zu haben, das ihnen selber wieder einen Mehrwert bietet.

Wohin führt zukünftig Ihre Spur?

Ich nehme die Zukunft, wie sie kommt. Ich bin da, ich bin voll und glücklich da, ziehe hier meine Spuren.