Seit Andreas Thiel in der «Weltwoche» einen islamkritischen Beitrag publizierte, hat sich sein Leben verändert. Kultur- und Medienvertreter hätten «Rufmord» an ihm begangen, sagte Thiel in der «NZZ». Die Zeitung betitelte das Interview so: «Der Mangel an Rassisten ist ein Problem.» So entstand der Eindruck, Thiel selbst halte den Mangel an Rassisten für ein Problem. Seine Aussage lautete jedoch im Zusammenhang: «Dieser Mangel an Rassisten ist ein grosses Problem für viele Künstler, weil ihnen zu ihrem Feindbild die Feinde fehlen.» Thiel sieht seine Bühnenkarriere gefährdet: «Wenn sich die Theater und die Zuschauer gegen einen wenden, ist es unmöglich, sich auf der Bühne zu halten.»

In einem Essay für die «Schweiz am Sonntag» schreibt Chris von Rohr über den Fall – und kritisiert das intolerante linke Kulturestablishment:

Andreas Thiel ist kein Bequemer. Schon sein Äusseres ist pure Provokation. Viele finden ihn arrogant, «over the top» oder unterkühlt. Je nach Arbeitgeber oder Gesinnung kann man das so sehen.

Seine unverblümte Kritik am unreformierten Islam hingegen und seine Befürchtungen zu den Folgen für Europa teilt mittlerweile unter anderem der Muslim und Islamkenner Bassam Tibi, emeritierter Professor für internationale Beziehungen an der Universität Göttingen. Dass beide jetzt nicht von islamistischen Extremisten, sondern von den linken Moralhütern und Aposteln der Political Correctness als Feinde abgeschossen werden, ist ein trauriger Höhepunkt. Mit dem Rufmordwort «Rassist» wird jede vernünftige Diskussion beendet.

Scharfrichter im Moralgewand
Was da zurzeit passiert, ist hässlich und heuchlerisch. Man kann geteilter Meinung sein über Thiels Humor und seine Sichtweise. Obwohl Tucholsky sagte «Satire darf alles!», hat jeder die Freiheit, kein Geld für Aufführungen oder Kolumnen von ihm auszugeben. Jedoch in einem zivilisierten Land solche Verleumdungskampagnen gegen Künstler zu führen, sie derart zu diffamieren, ohne mit glaubwürdigen, stechenden Argumenten zu kommen, ist schlicht abartig. Wer denkt, in unserem Rechtsstaat verurteilen nur Gerichte, irrt sich gewaltig. Der Regenbogenmann mit dem scharfen Verstand passt einfach nicht in den linksdominierten Schweizer Kulturbetrieb, der sich so gern liberal nennt, aber dies leider meist nur im Abschöpfen von Staatsgeld ist.

Ich habe es selbst im viel kleineren Rahmen erlebt: Wer ihren Gottesdienst stört und die Probleme beim Namen nennt, wird schnell als verirrt, als Kaltmensch oder intolerant in die rechte Ecke gestellt. Sie respektieren weder deine eigene, freie Meinung, deine Lebenserfahrung noch dein unbändiges Hippieherz.

Wenn ihnen die Argumente ausgehen, kommen inhaltsleere Scharfrichterurteile im Moralgewand. Es reicht schon, offen zu bekunden, dass Giesskannensubventionen, zu viel Nanny-Staat mit einer inflationären Bürokratie, Wachstum auf Pump oder die ewige, von oben diktierte Schulreformitis fragwürdig sind. Seit frühster Jugend waren mir jedoch Denk- und Redeverbote fremd: Wenn etwas nebulös ist und wenig Sinn macht, lieber fadengerade hinterfragen anstatt die Faust im Sack machen.

Zum Glück wollten wir Rock-’n’-Roller nie zu dieser verbissenen, witz- und lustlosen Kulturgemeinde gehören und hängen auch nicht von ihren Aufträgen und Geldern ab. Kultur in der Schweiz ist, abgesehen von wenigen Ausnahmen, zum grössten Teil blosse Verwaltung; verkommen zum Spielball taktischer Erwägungen, wo bestimmte Seilschaften Fördergelder anstatt geniale künstlerische Ideen hin und her schieben, also genau das Gegenteil von dem, was dringliche, brennende Kunst sein sollte.

Selbstständig und innovativ wirst du aber erst dann, wenn hinten auch mal eine Null fehlt und du die grosse Dürre durchschreiten musst. Das weckt die Kreativität und die Ideenvielfalt. In solchen Momenten musst du nämlich beweisen, dass du es wirklich ernst meinst mit deiner Kunst und sie andere Menschen auch interessiert. Was soll man denn von Künstlern halten, die im sechsstelligen Bereich Subventionen beziehen, mit denen sie ihre Ladenhüterkunst produzieren, um dann aus dem Ausland verlauten zu lassen, wie fehlgeleitet, hinterwäldlerisch und fremdenfeindlich die Wähler des Landes seien? Halloo!

Nein, so geht das nicht. Es muss endlich wieder eine Kultur der echten Debatte einkehren, wo unterschiedliche Auffassungen Platz haben und auch respektiert werden. Was diese Diskussionsverweigerer nämlich nicht checken: Durch ihre krasse Vorverurteilungs- oder mediale Lynchpraktik fördern gerade SIE das hässliche Klima des dumpfen, rechtsextremen Hassdenkens und die destruktive Angst unter den Menschen, sich offen und frei zu äussern, ohne gleich negativ bewertet oder gesellschaftlich ausgegrenzt zu werden. Das ist eine kranke Entwicklung, die wir mit besorgtem Blick nach Deutschland bei uns nicht zulassen dürfen.

Wer einen Andreas Thiel oder einen Bassam Tibi aussperrt, weil sie zu «rassistisch», «menschenverachtend» oder wohl eher zu brillant sind, ist nicht nur heimtückisch und kopflos, sondern vor allem zukunftslos.

Und sorry, Kulturminister Alain Berset: Uninspirierte Reden vor andächtigen Kulturschaffenden zu halten und die schweizerische Identität durch Frühfranzösisch zu verordnen – das ist definitiv nicht die Lösung. Lassen Sie auch den etwas schwierigeren Kindern, die tapfer und aufmüpfig dieser lähmenden Kulturpolitik etwas entgegensetzen, ihren Spielplatz. Es braucht auch sie.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper