Der Eurovision Song Contest wurde 1956 von der European Broadcast Union (EBU) gegründet, um den europäischen Zusammenhalt in einem friedlichen Liederwettstreit zu fördern», sagt EBU-Generaldirektorin Ingrid Deltenre der «Schweiz am Sonntag». «Wir versuchen, die Politik vom Contest konsequent fernzuhalten, können aber nicht verhindern, dass es Gruppierungen gibt, die diese Plattform für ihre politischen Zwecke instrumentalisieren wollen. Bis jetzt haben wir es geschafft, die Politik fernzuhalten. Sonst gäbe es den Contest nicht mehr.»

Zumindest in den Songs selbst. Georgien protestierte 2009 mit dem Song «Don’t Wanna Put In» gegen den Einmarsch von russischen Truppen auf georgisches Territorium in Südossetien und Abchasien. Und musste auf Druck der EBU die Teilnahme absagen. Die Eurovision konnte aber nicht verhindern, dass Aserbaidschan den Anlass für die Propaganda des diktatorischen Regimes nutzte. Die Politik hat den ESC immer begleitet: Schon 1969, als Österreich dem Wettbewerb in Madrid aus Protest gegen die herrschende Franco-Diktatur fernblieb.

Naiv ist, wer glaubt, nur die künstlerische Leistung sei ausschlaggebend. Die Politik spielt auch beim Ländervoting eine entscheidende Rolle. Legendär sind die zwölf Punkte, die sich Griechenland und Zypern gegenseitig zuspielen. Eine lange Tradition hat aber auch das freundschaftliche Abstimmungsverhalten der skandinavischen Länder sowie die englischsprachige Allianz von Grossbritannien und Irland. Jüngeren Datums sind die Solidarität der baltischen Länder und der Turkvölker Türkei und Aserbaidschan sowie das Blockverhalten der slawischen Bruderländer. Umgekehrt hat die Schweiz in den letzten Jahren schmerzhaft erfahren müssen, dass sie in Europa nur wenige wirkliche Freunde hat.

Der Eurovision Song Contest ist ein Abbild der europäischen Vielfalt. Aber auch der aktuellen politischen Befindlichkeit in Europa. In ihrem Wettstreit spiegeln sich Länder-Freundschaften, Allianzen, Solidaritäten, kulturelle und ethnische Verbundenheit und Verwandtschaften und natürlich auch Konflikte, historische Animositäten und kriegerische Auseinandersetzungen.

So ist es selbstverständlich, dass der diesjährige Wettstreit im Zeichen des Konflikts in der Ukraine steht. Sogar Jon Ola Sand, der Supervisor des ESC, erwartet, dass «politische Erwägungen bei den Voten eine Rolle spielen». Denn jedes Land in Europa ist in der einen oder anderen Weise betroffen.

Kein Zweifel: Der ukrainische Song «Tick-Tock», geungen von der bezaubernden Mariya Yaremchuk, wird vom Mitleid-, Opfer- und Solidaritätsbonus vor allem der EU-Länder profitieren können. Die Interpretin selbst heizte die Stimmung noch an. «Ich repräsentiere nicht mich, sondern ein junges Land, das sein Schicksal in die eigenen Hände genommen hat und an der Schwelle einer neuen historischen Epoche steht.» In den Wettbüros haben die starken Songs aus Armenien, Schweden und Dänemark die Nase vorn. Doch dürfte in Kopenhagen der Sieg über die Ukraine führen.

Umgekehrt ist es naheliegend, dass Russland und damit Präsident Wladimir Putin im Rahmen des Eurovision Song Contest für sein expansives Vorgehen auf der Krim und in der Ostukraine bestraft werden dürfte. Wird der russische Beitrag in Kopenhagen sogar ausgebuht? Lange war nicht klar, ob Russland wegen der antirussischen Stimmung in Europa überhaupt teilnehmen würde. In Moskau ist man sich der Mechanismen im Eurovision Song Contest sehr wohl bewusst. Ebenfalls die imagebildende Wirkung einer Fernsehsendung, die weltweit ausgestrahlt wird und mehr als 150 Millionen Zuschauer erreicht. Bei der Auswahl des russischen Songs spielte deshalb die russische Politik die Musik. Der Song «Shine» der 17-jährigen blonden Zwillinge Tolmachevy Sisters, im letzten Moment eingespielt und eingereicht, ist so harmlos und unschuldig, wie Putin seine Rolle im Konflikt um die Ukraine dargestellt haben möchte.

Auch das Autorenteam mit einem Russen, Schweden, Griechen und Zyprioten ist zweifellos mit politischer Absicht zusammengestellt worden. «Eine völlig europäische Angelegenheit», sagt der schillernde russische Hauptkomponist Philipp Kirkorow, der vor fünf Jahren den ukrainischen Songbeitrag «Shady Lady» für Ani Lorak komponierte und – hinter Russland – den zweiten Platz belegte. Für seine Verdienste wurde er vom damaligen ukrainischen Präsidenten mit dem Titel «People’s Artist of Ukraine» ausgezeichnet. Kirkorow ist der ideale Kandidat für die politisch motivierte russische Charmeoffensive in Europa. In Kopenhagen erklärte er denn auch versöhnlich, dass der ESC eine Veranstaltung sei, «die Europa näher zusammenbringen soll, unabhängig von politischen Ereignissen».

Ob sich Europa von den russischen Sirenen bezirzen lässt? Denn die russische Kulturstrategie ist doppelzüngig. In Kopenhagen, für ein westliches Publikum, wird die europäische Karte gespielt, in Moskau die russische. «Russland ist nicht Europa», lautet die Kernthese des neuen Leitbildes, das vom russischen Kulturministerium im Auftrag von Präsident Putin ausgearbeitet wurde. «Russland soll danach als einzigartige und eigenständige Zivilisation betrachtet werden, die weder zum ‹Westen› (‹Europa›) noch zum ‹Osten› neigt». Es soll «die kulturelle und geistige Einheit festigen und sie vor den Auswüchsen westlicher Toleranz und Verdorbenheit schützen».

Mit dem Aufruf zur russischen Einheit werden mit dem Leitbild nicht nur die Russen in Russland, sondern auch jene in Weissrussland, die grossen russischen Minderheiten in den baltischen Staaten, Armenien, Aserbaidschan, Moldawien sowie in der Ukraine angesprochen. Die Leitlinie kann auch als Appell an die russischen Minderheiten gelesen werden, den russischen Song in der Abstimmung zu unterstützten. Moskau will die russischen Reihen schliessen.

Deltenre ist von den Tönen aus Moskau unbeeindruckt und sieht es anders: «Für die EBU gehört Russland klar zu Europa, Russland ist und bleibt ein wichtiger Teil der europäischen Geschichte und Identität.»

Bizarr ist die Situation auf der Krim. Wie Deltenre bestätigt, wird die Bevölkerung der von Russland einverleibten Schwarzmeerhalbinsel immer noch der Ukraine zugerechnet. «Die Technik hat entschieden, nicht die Politik», sagt Deltenre. Denn die Leute nutzen immer noch einen ukrainischen Telekomanbieter, und die Anrufe aus der Krim werden nicht von den anderen ukrainischen Telefonnummern unterschieden. Deshalb können die 3 Millionen Krim-Russen für Russland voten.

Am Dienstag kommt es im Halbfinal zum ersten Kräftemessen zwischen der Ukraine und Russland. Respektive zwischen den EU-Ländern, die die Ukraine unterstützen, und Russland und seiner Einflusssphäre. «Die Ukraine und Russland hatten in den letzten Jahren immer starke Songs», sagt Deltenre. Sie geht deshalb davon aus, dass beide Länder an der Spitze mitmischen werden. Das Finale dürften beide Songs erreichen. Doch im Finale ist der Vorteil beim ukrainischen Beitrag, weil die Kräfteverhältnisse in der Eurovision für die EU und die Ukraine sprechen. 40 Jahre nach dem Sieg von ABBAs «Waterloo» liefert die Musik den Soundtrack zur aktuellen Schlacht von Kopenhagen um die Ukraine. Ein Ersatzkrieg … zum Glück.

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