Von Flavia Bonanomi

Ein atemberaubender Anblick: Hoch über der beschaulichen Stadt Vevey und direkt gegenüber der imposanten französischen Küste thront die dreistöckige Villa Manoir de Ban, in der Chaplin mit seiner letzten Ehefrau Oona und ihren acht gemeinsamen Kindern lebte. Zu Ehren des grossen Filmemachers und pünktlich zu seinem 127. Geburtstag am 16. April wurde das Anwesen auf Vordermann gebracht, das Filmstudio nebenan in ein Abenteuerland verwandelt.

Gleich die erste Station, ein gemütlich eingerichteter Kinosaal, zieht den Besucher aus dem Alltagstrott in die Welt von Charlie Chaplin. Mit einem dokumentarischen Film auf der Leinwand taucht man in die Zeit der Industrialisierung ein, als die Strassen staubig und viele Leute arm waren.

Sobald die Leinwand hochgeht, kann der Besucher sich physisch in Charlie Chaplins Kindheit hineinbewegen. Täuschend echt wurde hier eine Londoner Seitengasse nachgebildet, und Chaplins Mutter Harriet ist die erste von vielen Wachsfiguren, die man zu sehen bekommt. Auch in die Kammer, in der die Chaplins zusammengepfercht lebten, kann man reinschauen: An der Rückwand läuft ein Ausschnitt aus «The Kid» (1921), der erste Beweis dafür, wie akribisch darauf geachtet wurde, Chaplins artistisches Werk mit seinem Leben zu verbinden. Die Szene, in der «Kid» Chaplin einen Stapel Pfannkuchen ans Bett serviert, wird ironisch mit einem Stapel staubig aussehender Pfannkuchen auf dem Tisch ergänzt. Auch das ist ein immer wiederkehrendes Motiv: Der Witz, der jeder noch so dramatischen oder bedrückenden Szene innewohnt.

Der Besucher soll sich wie Charlie Chaplin fühlen, ja, Charlie Chaplin werden. Im Herzstück des Filmstudios, einem hohen Saal, an dessen Wand ein Best-of der über 80 Chaplin-Filme gezeigt wird, kann man sich zwischen Zahnräder legen wie in «Modern Times» (1936) oder sich in einer – tatsächlich rüttelnden und schüttelnden – Holzhütte verkriechen wie in «Gold Rush» (1925). Und in einem Gang werden die witzigsten Posen und Gesten des Schauspielers an mehrere schräg gestellte Wände projiziert; zur Nachahmung empfohlen.

Es folgen weitere Säle, die sich mit «Essen», «Geld» oder «Gesetz» auseinandersetzen, jedes für sich ein zentrales Sujet in Chaplins Werk, immer unterlegt mit passenden Filmausschnitten im Hintergrund. Und Wachsfiguren der Menschen, die Chaplin begleiteten: Seine dritte Frau Paulette Goddard, die neben ihm in «Modern Times» und «The Great Dictator» (1940) spielte, die Blinde aus «City Lights» (1931) oder Woody Allen, der Charlie Chaplin als grossen Einfluss bezeichnet.

schliesslich kann man auch das eine, das einzige und wahre Kostüm begutachten: Die zerfetzten Kleider des Tramps, des Charlot, des clownartigen, seltsamen Kerlchens mit Zweifingerbart, das die Herzen der Zuschauer eroberte und zu Charlie Chaplins Paraderolle wurde. Keine Figur spielte er häufiger: Der Landstreicher, wie er auf Deutsch genannt wird, wurde zu einem Synonym für Chaplin selbst, denn das kleine Männchen, das in jeder noch so prekären Situation den Mut bewahrt und trotz jedem noch so erniedrigenden Geschehnis seine Würde als Mensch behält, erinnert in vielem an den Filmemacher selbst. Im Chaplin-Museum ist alles da – die löchrige Hose, die viel zu grossen Schuhe, der Bowlerhut und der Spazierstock, alles sicher versiegelt hinter einer Glasscheibe.

Das Studio, in das das schier unfassbar grosse und vielschichtige Werk Chaplins mit Erfolg hineingezwängt wurde, lässt gestandene Männer Freudentränen vergiessen. Wenn man eine Treppe hinuntersteigt und auf der gegenüberliegenden Wand der Tramp die Rolltreppe runterfällt oder man sich auf den Friseurstuhl aus «The Great Dictator» setzen darf, während eine lebensechte Charlie-Chaplin-Figur mit dem Rasiermesser hinter einem steht, fühlt man sich selbst wie in eine von Chaplins Komödien versetzt.

Doch Chaplin’s World will viel mehr sein als ein chaotisches Sammelsurium an Erinnerungen. Die acht Kinder Chaplins, die auf dem Anwesen gross wurden und aktiv in den Entstehungsprozess des Museums miteinbezogen wurden, wollten nicht, dass es zu einem Mausoleum oder einem unpersönlichen Vergnügungspark verkommt. «Mein Lieblingsteil – wenn ich mich denn entscheiden müsste –, ist der Flur im ersten Stock des Hauses», sagt denn auch Eugene Chaplin, der fünfte Sohn Chaplins, der 1953 geboren wurde und heute selbst als Filmemacher in der Schweiz lebt. Besagter Flur ist mit Bildern der Familie geschmückt, alten und neuen, farbigen und schwarz-weissen. «Chaplin’s World sollte ein Ort für die Familie werden, das war uns wichtig.»

Das prachtvolle Haus selbst, Manoir de Ban, hat denn auch nichts mehr vom komödiantischen, unterhaltsamen Flair des Studios. Es ist voll und ganz Charlie Chaplin als Mensch und Vater gewidmet. Hier ist es auch, wo man die wahren Perlen findet: Den Original-Esstisch, an dem die zehnköpfige Familie ass, das Klavier, auf dem Chaplin selbst spielte. Sogar das Bett, in dem er in der Weihnachtsnacht 1977 starb, befindet sich in dem Haus. Überall sieht man Bilder der Familie, in der Bibliothek kann man sich Originalmanuskripte ansehen. Auch hier werden Videoaufnahmen an die Wände projiziert – Aufnahmen, die die wunderschöne Schauspielerin und Chaplins grosse Liebe Oona O’Neill von der Familie machte. Und die zeigen, dass Chaplin auch privat und bis ins hohe Alter ein Unterhalter war und keine Chance verpasste, sich einen Spass zu erlauben.

Ohne übertriebene Sentimentalität tastete man sich mit der Renovation der Manoir de Ban an den Charlie Chaplin hinter dem Kostüm heran. «Für mich war er natürlich in erster Linie mein Vater – und in zweiter Linie einer der grössten Humanisten, die je gelebt haben», sagt Eugene Chaplin. «Wir versuchen, mit Chaplin’s World sein facettenreiches Wesen einzufangen.» Und genau das ist Chaplin’s World: eine Hommage an den Komödianten, Komponisten, Vater, Menschen – und Humanisten.

Chaplin’s World, Corsier-sur-Vevey,
ab 17. April täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Weitere Infos unter
www.chaplinmuseum.com

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