Die Leserschaft des «Rolling Stone» blickte in der April-Ausgabe des Magazins auf ein Cover, auf dem Miles Davis prangte. Ein Jazzmusiker im Leitmedium der Rockfans! Auf dem prominenten Platz, der sonst Leuten wie Bob Dylan oder den Rolling Stones vorbehalten ist. «Nie zuvor war ein Jazz-Musiker auf unserem Cover. Wir betreten Neuland», hiess es im Editorial zur 12-seitigen Titelstory über das Leben des JazzGottes. Dazu gab es eine kleine Einführung für Rockfans, eine kommentierte Liste der 100 besten Jazz-Alben. Willkommen im faszinierenden Kosmos des Jazz!

Anlass zur Geschichte über Davis war der 90. Geburtstag des vor 25 Jahren verstorbenen Trompeters sowie ein (offenbar misslungener) Film, «Miles ahead», der jetzt in die Kinos kommt. Doch die Gründe für die Coverstory gehen tiefer. «Rolling Stone» schreibt «von einem neu erwachten Interesse an einem Musiker, der sich selbst nie auf das Genre Jazz beschränkt sah und der die Musik des 20. Jahrhunderts revolutionierte wie kaum ein anderer».

Pop und Rock im Kreativitätsloch
Jazz war immer die Musik der Innovation, prägte das 20. Jahrhundert und wirkte befruchtend und inspirierend auf den Pop wie die Klassik. Jazz war bis weit in die 1970er-Jahre eine sprudelnde Quelle und Miles der erste Taktgeber von Innovationen, die Heerscharen von Musikern beeinflussten. Es war aber nicht nur sein Trompetenspiel, sondern vor allem sein wacher, offener Geist. Er war immer auf der Höhe der Zeit und hungrig, Neues zu erkunden und zu erfahren. Bis zuletzt.

Als Miles im Herbst seiner Karriere jungen Musikern empfahl, sich mit Michael Jackson zu beschäftigen, wurde er von der Jazzpolizei gnadenlos zerfetzt. Gleichzeitig verlor der Jazz aber immer mehr an Einfluss. Die Ideologen der reinen Jazz-Lehre übernahmen das Zepter. Ein gewaltiger Imageschaden. «Jazz isn’t dead, it just smells funny», sagte Frank Zappa. Jazz galt lange entweder als verstaubte Musik von alten Männern oder als zu abgehoben, verkopft und publikumsfeindlich. Ein unterirdisch schlechtes Image.

Jetzt hat der Wind gedreht. «Wir brauchen heute den Jazz mehr denn je», schrieb das amerikanische Trendmagazin «The Fader» in seiner Aprilausgabe. Den Geist der Offenheit, Fantasie und der Risikobereitschaft, den Miles Davis wie kein anderer verkörperte. Denn Pop dreht sich seit Jahren im Kreis der Nostalgie. Gefangen in der Sackgasse der ökonomischen Zwänge. Und Rock, diese einst rebellische Gattung der Anarchie, orientiert sich schon lange an den glorreichen Zeiten der späten 1960er und frühen 1970er-Jahre.

Miles als Leitfigur
Jetzt sollen es Jazzmusiker richten. Miles gilt als Leitfigur, als Ideologe der totalen Offenheit. «Er war gegenüber allem und jedem offen», sagt der US-Pianist und Produzent Robert Glasper. Er hat eine Reihe von Musikern aus den Lagern von Erykah Badu, Illa J, Laura Mvula, Stevie Wonder und die Band Hiatus Kaiyote um sich geschart, um Miles zu interpretieren. Dabei geht es Glasper nicht darum, den Jazz neu zu erfinden, sondern den «Geist der experimentellen Freiheit» zu erkunden und neue Erkenntnisse zu gewinnen. Eine Erneuerung der Musik durch die Idee des Jazz.

Auch David Bowie wusste es. Wie kein anderer hat der verstorbene Rock- und Pop-Titan Trends aufgespürt und in den Mainstream geführt. Es ist kein Zufall, dass er sein Vermächtnis in die Hände von Jazzmusikern legte und sein letztes grosses Album «Black Star» mit Musikern wie Donny McCaslin, Mark Guiliani, Jason Lindner und Tim Lefebvre aufnahm. «Let’s see what happens», soll Bowie nur gesagt haben. «Er wollte, dass wir einfach unser Ding machen», sagt McCaslin über die Entstehung von «Black Star». «Die Jazz-Götter haben wir immer über uns angesiedelt», sagt dazu Bowies Produzent Tony Visconti. Bowie baute auf die spontane Eingebungskraft von improvisierenden Musikern und bescherte der Popwelt einen letzten Höhepunkt.

Ein Höhepunkt mit Signalwirkung über seinen Tod hinaus. Pop- und Rockmusiker besinnen sich und suchen die Nähe zu Jazzmusikern und erhoffen sich neue Impulse. Auch für Kendrick Lamar, den Hip-Hop-Künstler der Stunde, ist Jazz eine wichtige Inspirationsquelle. Sein epochales Werk «To Pimp A Butterfly», zweifellos das relevanteste Hip-Hop-Album des letzten Jahres, ist gespickt mit Jazz-Reverenzen.

Messias Kamasi Washington
Mitgewirkt hat dort auch der Saxofonist Kamasi Washington, der vom «Spiegel» zum «Messias und Retter des Jazz» ernannt wurde. Bezeichnend ist, dass der imposante Hüne mit dem Afrolook vor allem in «Rock-, Pop- und Hip-Hop-Magazinen als neuer Star gehandelt wird. Washington gilt hier als hip. Eigentlich absurd, denn der 34-jährige Kalifornier spielt radikalen, hochkomplexen Jazz in Anlehnung an die Musik von Miles Davis und John Coltrane in den 1960er-Jahren. Geholfen haben seine Erfahrungen in der Hip-Hop-Szene. «Ich höre Musik mit Hip-Hop-Ohren.» Geschickt nutzt er seine Hip-Hop-Credibility, um seine Musik einer Generation zu erschliessen, die mit Jazz bisher nichts am Hut hatte. Jetzt kommt er mit seiner Band zum ersten Mal in die Schweiz. Alle Schweizer Festivals haben sich um ihn gerissen. Das Rennen gemacht hat aber nicht eines der renommierten Jazzfestivals von Montreux, Basel, Langnau oder St. Moritz, sondern die Kilbi Bad Bonn, jenes Schweizer Festival, das wie auf neue und neuste Pop-Trends setzt. «Viele Popkünstler aus dem Electro- und Hip-Hop-Bereich verwenden heute jazzige Elemente. Jazz ist der neue Poptrend. Jazz ist wieder hip», sagt Daniel Fontana, der Programmator von Bad Bonn. Jazz riecht nicht mehr.

Eine neue Generation
Der Aufschwung des Jazz ist auch in der Schweizer Jazzszene spürbar. Nik Baertsch, Andreas Schaerer, Rusconi, Erika Stucky, Elina Duni und Co. feiern internationale Erfolge. Der «Spiegel» spricht euphorisch von der «Jazz-Nation Schweiz», die in Europa eine Führungsrolle einnimmt und durch «Originalität und Individualität fasziniert». Das Montreux Jazz Festival setzt wieder stärker auf Jazz, das Offbeat Jazzfestival Basel war mehrheitlich ausverkauft, und das Jazzfestival Schaffhausen, die Werkschau des CH-Jazz, präsentierte sich diese Woche jung, bunt und weiblich.

Zum Beispiel mit der Pianistin Marie Krüttli (24), der Komponistin Luzia von Wyl (30), den Sängerinnen Luzia Cadotsch (32) und Marena Whitcher. Letztere studiert Jazz in Bern bei Andreas Schaerer und steht für den Originalität und unbedingte Experimentierlust. Mit ihrem Shady Midnight Orchestra gewann sie 2015 den Kunstpreis der Akademie der Künste in Berlin. In Schaffhausen bot sie eine gespenstische Revue, eine fantastische Hexen- und Geisterbeschwörung, bei der das Visuelle und Theatralische eine zentrale Rolle spielen. Ein unterhaltendes Gesamtkunstwerk. Jazz? Egal!

Eine neue Generation mit einem neuen Selbstverständnis, beseelt vom Geist eines Miles Davis. Eine Generation, die die Jazzpolizei nur noch vom Hörensagen kennt.

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