Das Publikum krümmte sich während der Sinfonie vor Lachen, ja, als es schon längst die Pausen-Häppchen genoss, wischte man sich noch die Tränen aus den Augen, erzählte sich prustend die Witze dieses durchgeknallten Joseph Haydn noch und nochmals, gewisse taten es so ausschweifend, dass ihnen bald der Champagner stechend in die Nase stieg. Als hingegen jemand eine Analogie zog zwischen dem zusammengebrochenen Bayreuther-Festspiel-Restaurant-Stuhl Angela Merkels und dem Beinahe-Sturz von Doris Leuthard beim Gang aufs KKL-Podium, wo die Bundesrätin über Humor plauderte, fand das gar niemand lustig.

Spass beiseite. Über Joseph Haydns Witz, Sarkasmus und ausgefeilte Harmoniebosheiten in seiner 1774 komponierten 60. Sinfonie lachte am Freitagabend niemand, Festivalthema «Humor» hin oder her. Um zu begreifen, was da alles «schief»-läuft und wo Haydn die Erwartungen und Konventionen durchbricht, müssten sich alle zusammen, ob Meisterkomponist Wolfgang Rihm oder Meisterlacher Emil – und wer da am Freitagabend nicht alles im KKL sass! – erst eine lange Einführung anhören. Und gewiss, um 17 Uhr gab es im KKL sogar eine. Doch um 17 Uhr hat vielleicht Ex-Banker Oswald Grübel bereits Zeit. Ein normaler Mensch aber hat dann erst seinen Computer in den Ruhemodus gestellt und eilt, ein Sandwich in der Hand, nach Luzern. Schon ein paar Worte zu Beginn der Sinfonie, so wie an jedem modernen Kammermusikfestival üblich, wären hilfreich gewesen. Aber so ein Eröffnungskonzert hat auch beim dramaturgisch zukunftsweisenden Lucerne Festival seinen starren uralten Goldrahmen, den aufzusprengen oder bunt anzumalen sich höchstens ein Dirigentenkaliber wie Nikolaus Harnoncourt getraut hätte.

Ach, dieser Humor, dieses Festivalthema . . . Grosse Worte lassen sich darüber sagen, doch in der sinfonischen Musik ist er unheimlich schwer fassbar. Und so kann denn das Hören einer Haydn-Sinfonie ganz schön anstrengend sein.

Das Lucerne Festival Orchestra brachte die Aufgabe unter der Leitung von Bernard Haitink mit Anstand über die Bühne. Betont wurde jener «gute Humor», von dem Ex-Pianist Alfred Brendel in seiner Festrede gesprochen hatte. Nichts schien da übertrieben, die Grotesken des Übertreibungskünstlers Haydn waren schön und raffiniert erzählt: Betonungen und Zuspitzungen hübsch herausgearbeitet, alles im wohlabgesteckten Rahmen, ganz wie es sich ziemt. Hier wurde der Humor zum Lehrstück – und das ist bestimmt nicht die Idee dahinter.

Wer dann zu Beginn von Gustav Mahlers 4. Sinfonie dachte, der nette Haydn-Ton ziehe sich nun 60 Minuten weiter, da dieser Dirigent seinen Musikern freien Auslauf gibt, lag falsch. Und sowieso: Wer sagt denn, dass bei Mahler nach einem tiefen Streichertutti die Welt immer dunkelschwarz und zukunftslos am Abgrund stehen muss? Haitink mag solche Brüche nicht, er sieht diese Sinfonie als Ganzes, erkennt und formt einen faszinierenden riesenhaften Bogen. Die Abgründe erkennt er durchaus, deutet sie aber bloss an: Er will die Ruhe bewahren, die Schönheit dieser Musik geniessen.

Haitinks Art des Spielenlassens würde bei vielen Orchestern zu einer durchschnittlichen Interpretation führen – beim LFO führt es zu einer beglückenden. Man könnte die individuellen Grossartigkeiten aufzählen, lauter Augenblickslächeln der Sonne: die Hornrufe von Ivo Gass zum Ende des 2. Satzes, die immer wieder so charaktervollen Soli von Konzertmeister Gregory Ahss, Reinhold Friedrichs Trompeten-Impulse (auch wenn bisweilen zu viel Eigensinn drinsteckt). Aber das war es nicht (nur): Vielmehr ist es ein kleines Wunder, wie diese Grossformation gleich denkt, wie sie diesen grossflächigen Klang erschafft und ihm auch im Pianissimo huldigt: nicht über eine schöne Stelle hinweg, sondern über unendliche Phrasen, ja den ganzen dritten Satz. Die Musiker des Mahler Chamber Orchestra, die berühmten Solisten und Top-Orchestermusiker aus aller Welt sind tatsächlich eine Einheit. So wird das Zupfen der Bässe zum Singen, das Streichersingen zum Flirren. Das zusammen ergibt einen Sog, der im 3. Satz eine himmlische Tiefe erreicht.

Wenn Mahler allerdings vielleicht selbst erschrickt vor seinem Ausdruck und das Orchester zum Schluss des 3. Satzes nochmals aufschreien lässt, ists bei Haitink ein Aufblühen: Dieser Dirigent will die soghafte Stimmung des Satzes nicht aufs Spiel setzen, bruchlos zum Ende kommen, und lässt die Pauken gross, aber nicht hart fatalistisch spielen. So bleibt bei Haitink die Sinfonie ein Spiel ums Leben.

Und, pardon, an diesem Punkt müssen wir von Claudio Abbado sprechen, dem Gründer und Chefdirigenten des Lucerne Festival Orchestra in den Jahren 2003 bis 2013. Beim Italiener war es einst ein Spiel um Leben und Tod. Bei Haitink wird die Bewunderung zur Rührung, bei Abbado zum grossen Zweifeln. Wer immer schon daran glaubte, dass ein Orchester mit der Zügellosigkeit stets das Ziel verfehlt, erlebte am Freitag allerdings eine Wonnestunde. Passend dazu die nette Sopranistin Anna Lucia Richter.

Doch wer erinnert sich nicht, wie Abbado 2009 Mahlers Vierte dirigierte? Wie fatalistisch grell der 1. Satz erklang, und wie er die Musik später geradezu bis zum Stillstand auslebte, war erschütternd. Immer wieder führten die Verzögerungen zu einer Infragestellung des Ganzen. Was nun? Die Beantwortung folgte mit der nächsten, aufbrausend überschäumend gespielten Phrase: Rauschhaft lebend, den Abgrund nicht fürchtend, in den man fallen musste.

Genug, keine weiteren Verklärungen! Nur noch dies . . . Der Abend legte offen, dass das Gehenlassen Haitinks und Abbados zu völlig unterschiedlichen Resultaten führt. Bei Abbado war die 4. Sinfonie trotz der vermeintlichen Freiräume für die Musiker durch und durch von ihm gestaltet. Wie er die Musiker dazu brachte, blieb sein Geheimnis: Es herrschte eine wilde Künstlichkeit der Verzauberung – Haitink hingegen dirigierte. Nicht weniger, aber auch nicht viel mehr.

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