Wie soll das bloss gehen, Gott zu ersetzen? Oder zumindest einen Dirigenten mit dessen Fähigkeiten: grösste Menschen- bzw. Musikerliebe und die Gabe, Wunder zu bewirken? Dirigentenherkules Andris Nelsons nahm sich der Aufgabe an, stampfte ins KKL, dirigierte, und am Ende lagen ihm die Musiker zu Füssen. Das Publikum sowieso.

Aber das war in diesem Moment nicht so wichtig, denn dieser lettische Überflieger musste vor allem das Orchester überzeugen: das Orchester von Claudio Abbado. Seit 2003 hatte er mit dem Lucerne Festival Orchestra (LFO) jeden Sommer seine Orchesterweihfestspiele durchgeführt, seine Hundertschaft in unheimliche Ebenen entrückt. Das Publikum wurde Teil des Mysteriums. Vor Glück zu schweigen und der Genuss der Stille waren erstes und zweites Gebot.

Abbado ist tot, das Gedenkkonzert mit dem LFO und Andris Nelsons unvergesslich. Doch damals im April gab man kein Konzert, der Abend war ebenfalls ein Weihespiel: «Claudios Geist war im KKL», so Nelsons zum emotionalsten Konzert seines Lebens.

Jetzt im Sommer ist alles anders. Zur Eröffnung des 76. Lucerne Festival vertraute man nicht auf einen Geist, sondern auf die Früchte gemeinsamer Arbeit. Das schönste Fazit, das Resultat dieser ersten Probewoche, dieses grandiosen Eröffnungskonzertes: Das LFO hat seinen Charakter behalten.

In Johannes Brahms’ 2. Sinfonie zeigte sich das Orchester nach wie vor als dieser überaus lebendige Dinosaurierklangkörper, der zärtlicher als ein süsses Streichquartett sein kann, der präziser als ein hochgetrimmtes Kammerorchester aufspielt, der von Orchestersolisten angeführt wird, die besser sind als jene, die bisweilen ganz allein vor Orchestern stehen. Nelsons entfaltet die Fähigkeiten dieser famosen Einheit – pardon – vielleicht noch besser als Abbado. Denn nun geschehen die Klangwunder ohne Zauberei. Ringende Hände, grosse Gesten, lautes Stöhnen, bittendes Flehen – viel Arbeit – haben am Freitagabend die Werke neu erschaffen. Erst danach entstand dieses unheimliche Mehr: Das LFO war mit den Geistesfunken von Nelsons durchsetzt, atmete aber ganz von alleine.

Das Perfide des Abends: Es war durch und durch Abbados Programm. Erst eine Serenade, um die LFO-Klassenbesten glänzen zu lassen. Dann ein Werk für eine Abbado-Sängerin; zum Finale schliesslich die grosse Sinfonie für den Meister selbst und vor allem für alle seine Jünger. Davon liess sich Nelsons nicht beirren. Er wusste: Ich werde so arbeiten, wie ich es immer tue.

Nelsons liess die Bläsersolisten in der Serenade Nr. 2 A-Dur innigst zaubern, aber er lud dann das grosse Adagio spannungsreich zu einer anrüchigen Herrlichkeit auf, sodass Brahms zu einem Heroiker wurde, wie er es sich selbst wohl kaum zugetraut hätte. Nelsons trug die zart intonierende Abbado-Altistin Sarah Mingardo mitsamt Chor des Bayerischen Rundfunks auf Händen und liess die so heikle Alt-Rhapsodie zu einer bewegenden Trauerfeier werden. Die 2. Sinfonie schliesslich wurde zu Nelsons LFO-Meisterstück.

Brahms erklang hier entgegen allen modischen Strömungen in gutalter Grossbesetzung, die Nelsons keinen Moment verleugnete. Er erschuf zwar steppenbreite Adagio-Flächen, aber diese konnten schöner als Wolken fliegen. Und als in Takt 18 die Geigen und Bratschen in die nektarsüssen Figuren der Holzbläser einstimmten, klang es, als ebneten sie den befreundeten Bläsern den Weg ins Paradies. Brahms antwortet bekanntlich mit einem dunklen Paukenwirbel …

«Warum seid ihr so gut?», wurde in den 1950er-Jahren Dennis Brain, der Hornist des Philharmonic Orchestra London, gefragt. «Wir schlafen jeden Abend miteinander», war seine Antwort.

Erstaunlich, da und dort gabs im KKL leere Plätze. Gerademal fünf Sinfoniekonzerte sind in den nächsten 30 Tagen ausverkauft: je eines mit Daniel Barenboim, Gustavo Dudamel und Simon Rattle und die zwei folgenden mit Nelsons und dem LFO am nächsten Wochenende. Für Nelsons’ zwei Konzerte mit seinem Birmingham Orchestra Ende August gibts allerdings noch schöne Plätze. Nur zu!

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