Von Max Dohner

Vom Schiffsdock her gesehen, muss es eine unsagbare Erleichterung sein. Und gar für das letzte Tau, an dessen Haken es noch hängt: Wenn dieser Haken dann ausklinkt und das Schiff rückwärts von der Rampe gleitet, eintaucht in die See, seitlich und der Länge nach leicht noch schaukelt, das Gleichgewicht findet im neuen Element – und schwimmt! Wohin immer es fortan schwimmen wird.

Ein ähnliches Gefühl bestimmt mich jetzt, nur Tage, bevor mein Schiff das Trockendock verlassen wird: «Das Glück der Flüchtigen», ein Roman. Nichts als ein Papierschiff. Aber schon als Kind wussten wir, wie weit unter Umständen Papierschiffe segeln können. Das Kind «träumt», wie man so sagt: von nie gesehenen Küsten. Literatur will solche Gewässer erkunden, soll hingelangen zu verborgenen Küsten und Eilanden. Damit wir uns recht verstehen: Das ist kein Kinderspiel. Es ist obsessiver Teil jedes Entdeckers.

Ein Werk zu entlassen, für dessen Schwimmfähigkeit man alles getan hat, ist nicht nur vergleichbar mit einem Schiff in dem Moment, da es vom Stapel läuft. Es wurde entworfen und in Tag- und Nachtschichten erschuftet. Es wurde generalüberholt, mehrfach auf undichte Stellen abgeklopft. Gegen Schluss zunehmend auch von anderen Leuten: Verleger, Erstlektor, Schlusslektorin. Und jetzt, in zehn Tagen, lassen wir das Ganze zu Wasser. Ein verwegenes, in vier Teile gefaltetes, aus vierhundert Seiten geflochtenes Papyrusboot im grossen Wörtermeer.

Und wie fühlt sich der Autor? Als Matrose oder Kapitän? Sie werden es kaum glauben, aber es ist wahr: als Passagier. Der Autor selbst steuert das Boot nicht, geschweige denn, dass er darin lebt. Wie alle anderen, die sich darauf einlassen, begibt sich auch der Autor auf Reise mit dem Buch. Vielleicht horcht er häufiger als andere, allein um Mitternacht unruhig noch auf Deck, ob die gebunkerte Energie im Heizraum bis zum Ende reicht, ob wirklich jede Planke hält, ob die Orientierung stimmt – verzeihen Sie das Pathos hier: eine Orientierung, die er nach wie vor nach den Sternen richtet.

Doch das Schreiben zuvor – ja, das war ein einsames Geschäft. Vor sich keine Zeile, noch kein Wort, nur ein leeres Word-Makro, weiss man, dass man sich, um ein Buch zu füllen, in eine Klause ketten muss. Unabhängig von Ort und Umständen, selbst vom Ich . . . allein mit der Kehrseite von Lebenszeit. Diese Zeit ermöglichte das Aargauer Kuratorium mit einem Atelieraufenthalt. Das Atelier (inzwischen geschlossen) befand sich im brasilianischen Salvador de Bahia, mitten im prallen Leben. Doch das Atelier hätte sich sonst wo befinden können – Kriterium fürs Schreiben bleibt Leere, sonst wäre nie etwas neu. Die Leere liegt hinter dem eigenen Horizont. Dorthin bricht man auf, mit dieser ungehobenen, dunklen, unbestimmten Materie im eigenen Geist . . .

Halt! Wirklich, mit dem eigenen Geist?

Der Inhaber der Pension, worin mir zwei Zimmer mit Kochnische als Atelier zur Verfügung standen, ein Deutscher, behauptete: «In Salvador sind viele Bücher geschrieben worden, indem sie einer nicht schrieb, sondern bloss notierte. Indem er sich das Buch diktieren liess. Wie in Trance, als Medium für Stimmen. Manchmal in einer Sprache, die der Verfasser selber gar nicht beherrschte.» Der Deutsche behauptete, das sei verbürgt, mehrfach auf Film dokumentiert.

Ich glaube nicht an solchen Spuk. Mir missfällt jede Sakralisierung oder Mystifikation des Schreibens. Bitte keine literarische Scharlatanerie! Spracharbeit ist vor allem Handwerk und Disziplin. Zuvor aber ist etwas unbedingte Voraussetzung, das gewiss. Um bei der eingangs verwendeten Schiffs-Metaphorik zu bleiben: Man hämmert und biegt ein Kunstwerk nicht im Trockendock zusammen; man hebt es an die Oberfläche wie ein auf Grund liegendes Schiff. Wer da ein unglücklicher Taucher ist, sodass er auf Grund nur Schlick oder Sand aufwühlt, dem hilft die eisernste Disziplin nicht über den Fehlschlag hinweg. Ich stellte mich in drei Anläufen so ungeschickt an. Aber schemenhaft spürte ich im Trüben diese Drift. Irgendwo in der Nähe lag das Geisterschiff, ich spürte sein Gewicht.

Trotzdem staunte ich dann, in Salvador, wie leicht es sich plötzlich heben liess. Von Anfang an, egal, wohin ich fasste. Wunderbar hell und doch im Letzten rätselhaft war jene frühe Nacht, da sich mir der ganze Bauplan des Romans enthüllte. Ab da war der Autor allmächtig.

Noch ohne detaillierte Kenntnis davon, wusste ich, dass sich der Stoff fortan nach meiner Aufnahmefähigkeit entrollen würde: schnell, geradezu atemlos bei Überwachheit. Sanft, wenn ich schlief und sich der Roman einfach weiterträumte. Die Hauptfiguren traten deutlich hervor: zwei Männer, eine Frau. Sie erzählen im Buch von Lebenshunger, von Lebensneid, von ihrem Glück und der Angst, es nicht festzuhalten, alle in der Ich-Form. Wie durch Zauberhand fügte sich das zusammen, so wild ich im Roman auch vorwärts- und zurücksprang, von einer halb ausgemalten Szene zur skizzenhaft nächsten, ohne Furcht, den Erzählboden dazwischen einmal nicht mehr legen zu können. Richtig schwindelerregend aber wurde das Ganze erst, als ich das Manuskript von sechs auf vier Teile zusammenstrich, die somnambul geschenkte Struktur massiv veränderte – doch selbst das stürzte die Ordnung nicht mehr um. Als fände ein Mobile von allein stets von Neuem sein Gleichgewicht. Ich hielt es am Angelpunkt, und dieser Punkt stand traumwandlerisch sicher fest.

Der Schaffensakt entwöhnt den Schöpfer dem Menschen. Man kommt der Stadt abhanden, so anziehend und vital ihr Getriebe auch sei. Man zieht es vor, sich lebend im Zimmer zu begraben. Manchmal muss man raus aus dem Loch – klar; der Körper, das Hirn brauchen Proviant. Es zeigte sich, dass Alkohol und Nikotin drei Acht-Stunden-Schreibschichten am Stück befeuern. Zur Balance diente Trinkjoghurt mit Bananenpüree. Jeder, der ins abgeriegelte Zimmer getreten wäre, hätte sich bestürzt gezeigt über den verwahrlosten Einsiedlerkrebs darin. Ich selbst fühlte mich freilich in der klarsten Halluzination des Lebens . . .

Ja, man wird langsam verrückt.

Nie zuvor war mir alles rundherum dermassen fremd, ferner als der Sirius. Dafür sprach ich in drei Zungen, selbst mit der Zunge einer Frau. Nüchtern gesehen, redete ich wochenlang mit mir selbst. «Das gesamte Leben der menschlichen Seele», notierte der einsamste Schriftsteller der Welt, der portugiesische Hilfsbuchhalter Fernando Pessoa, «ist eine Bewegung im Schatten.»

Schatten zu bewegen in höchster Anspannung, ist vielleicht fruchtbare Schizophrenie. Wo die Grenze liegt zur furchtbaren Persönlichkeitsspaltung, bestimmt nur der Ausgang dieses Geistertanzes: Dann, wenn der Leser, die Leserin mit einem solcherart entstandenen Roman selber etwas anfangen kann.
So, als höbe das Buch auch bei ihnen ein versunkenes Schiff.

Max Dohner: Das Glück der Flüchtigen. Roman. 408 Seiten. erscheint am 19. Februar 2014,Verlag Braumüller, Wien.

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