«Ich will zurück auf die Bühne»

Nina Corti sagt: «Was zählt, ist die Ausstrahlung und die Lebenserfahrung.» Foto: Arturo Illana

Nina Corti sagt: «Was zählt, ist die Ausstrahlung und die Lebenserfahrung.» Foto: Arturo Illana

Nina Corti hat den Flamencotanz 35 Jahre geprägt und wurde zum Weltstar. Vor vier Jahren entschied sie sich für einen Rollenwechsel als Choreografin. Jetzt trainiert die 61-Jährige wieder.

Von Bruno Bötschi

Frau Corti, der Flamencotanz ist eine flüchtige Kunst. Spüren Sie Trauer über die Vergänglichkeit?
Nina Corti: Nein. Wenn ich das Gefühl habe, dass alles stimmt während eines Auftritts, bin ich glücklich.

Schafften Sie es je, während einer ganzen Vorstellung perfekt zu tanzen?
Unter Perfektion verstehe ich eine lebendige Vorführung von gut Einstudiertem, kombiniert mit persönlicher Aussage.

Sie überschritten Konventionen und tanzten den Flamenco in Jeans.
Es war leicht, mir dies zu erlauben, weil Spanien nicht meine wirkliche Heimat ist. Ich schaffte mir diesen Freiraum aber auch, weil ich den traditionellen Flamenco nie imitieren wollte. So habe ich auch vor 35 Jahren angefangen mit Kontrabass, Saxofon, Bratsche und Cello, zusammen mit Flamencomusikern meinen eigenen Stil zu kreieren.

Sind Sie ein mutiger Mensch?
Mir war der Mut nicht bewusst. Ich tat auf der Bühne, was mir gefiel und den Musikern gefiel. Ich habe nie gefragt: Was gefällt dem Publikum? Ich fragte immer: Was könnte funktionieren?

Sie traten weltweit in grossen Hallen auf, tanzten neben dem spanischen Tenor José Carreras oder der Flamenco-Pop-Musikgruppe Gipsy Kings.
Es war mir wichtig, mit guten Musikern auf der Bühne zu stehen. Es machte mich glücklich, wenn ich mit Stars wie Maxim Vengerov, Enrique Morente oder José Carreras an tollen Orten auftreten durfte.

Woher kommt Ihr Musik-Interesse?
Mein Vater war Musiker und spielte im Orchester der Zürcher Oper und des Tonhalle-Orchesters. Er nahm mich schon als kleines Mädchen zu den Vorstellungen mit. Bei uns zu Hause fanden regelmässig Kammermusik-Proben statt. Ich hatte wunderbare Melodien im Kopf und sang viel.

Was gab Ihnen der Tanz fürs Leben?
Meinen inneren Halt. Wenn ich tanze, fühle ich mich frei und geborgen. Im Flamencotanz fand ich immer wieder zu mir selbst. Privat konnte in meinem Leben noch so vieles schiefgehen.

Sie sagten mal, dass man Flamenco auch im Alter tanzen kann, einfach anders, gelassener.
Es ist wunderbar, wenn einem die Kraft auch beim Älterwerden geschenkt ist und man nichts mehr beweisen muss. Was zählt, ist die Ausstrahlung und die Lebenserfahrung.

Trotzdem beendeten Sie vor vier Jahren Ihre Tanzkarriere. Fiel Ihnen diese Entscheidung schwer?
Nein. Ich genoss es, nicht mehr auf Tournee gehen zu müssen. Denn das ist immer mit viel Organisation und viel Verantwortung verbunden.

Sie arbeiten seither als Choreografin. Wie kam das?
Das erste Projekt wurde von aussen an mich herangetragen. Die Premiere fand 2012 mit dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn und der Tänzerin Rosana Romero statt. 2013 realisierte ich mit Rosana und Adrián Santana gemeinsam mit dem City Chamber Orchestra of Hong Kong eine Produktion. Im Februar letzten Jahres folgten weitere Auftritte in Hongkong . . .

. . . die mit einer Überraschung endeten.
Das stimmt. Am Ende der letzten Vorstellung tanzte ich eine kurze Zugabe.

Sie gingen von sich aus auf die Bühne?
Nein, nein, das hätte ich nie getan. Mein Sohn meinte, ich solle tanzen.

Wie fühlte sich die Rückkehr an?
Als ich auf der Bühne stand, war es wie früher. Erinnerungen wurden wach. In mir wuchs ein wunderbares Gefühl, dass ich nicht in Worte fassen kann. In diesem glücklichen Moment wusste ich: Ich muss wieder ernsthaft anfangen zu tanzen, ich will zurück auf die Bühne.

Wie ging es weiter?
Einige Wochen später reiste ich nach Madrid und fing mit dem Training an. Nach einer kurzen Sommerpause, die ich in der Schweiz verbrachte, ging ich letzten Herbst wieder nach Spanien. In Madrid werde ich seither von besten Flamenco-Lehrern gecoacht.

Was trainieren Sie?
Ich trainiere vor allem Technik, will mich da weiter verbessern. Aber ich tanze auch viele Choreografien, um neue Stile kennenzulernen. Denn jede Lehrerin, jeder Lehrer hat eigene Ideen.

Wie viel trainieren Sie pro Tag?
Als ich im Frühling 2014 wieder anfing, war ich nach einer Stunde Training platt und hatte am nächsten Tag schrecklichen Muskelkater. Heute tanze ich drei, vier Stunden täglich, manchmal auch fünf. Meine alte Kraft ist zurückgekommen. Ich bin selber überrascht, wie gut es funktioniert. Ich fühle mich fit, und meine Technik erlaubt es mir, demnächst wieder öffentlich auftreten zu können.

Sie sind 61. Spüren Sie nie Schmerzen?
Natürlich bin ich manchmal müde von den vielen Trainings. Das ist aber normal, auch bei jüngeren Tänzerinnen.

Wie viel nützt Ihnen die Erfahrung?
Sie bringt Selbstvertrauen und Zuversicht für Dinge, die sich entwickeln.

Sind Sie süchtig nach dem Tanzen?
Flamencotanz war immer meine Droge.

Wann werden Sie wieder auf der Bühne zu sehen sein?
Der erste Auftritt ist für Ende Mai geplant, während des «Flims Festivals». Zusammen mit dem grossen Tänzer Alejandro Granados und dem sensibeln Sänger Manuel Gago präsentiere ich das Programm «Rachmanin off Flamenco». Wir versuchen, die Welten der Klassik und des Flamencos zu verbinden. Mit dabei sind der Pianist Pablo Rubén Maldonado, der Flamenco-Gitarrist Vicente Cortés, Cellistin Stefania Veritá und Perkussionist Papu Gigena.

Werden Sie auch weiter als Choreografin arbeiten, oder ist dieses Projekt vorderhand auf Eis gelegt?
Momentan choreografiere ich nur mein eigenes Repertoire.

Von der Tänzerin zur Choreografin: Wie erlebten Sie den Rollentausch?
Ich entdeckte auf neue Art, wie jede Tänzerin und jeder Tänzer eine Geschichte auf seine eigene Art interpretiert. Gemeinsam ein Programm zu entwickeln ist spannend, erfordert aber auch viel Einfühlungsvermögen.

Was ist Ihnen als Choreografin wichtig?
Es ist das schönste Geschenk, wenn der Tänzer sich wohl fühlt während der Erarbeitung einer Choreografie und nachvollziehen kann, was ich künstlerisch umsetzen möchte. Ich will die Seele eines Tänzers spüren.

Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken: Gibt es etwas, dass Sie bereuen?
Ich war immer neugierig und habe darum auch Fehler gemacht. Ich würde heute wahrscheinlich einiges anderes machen. Nur sind es ja gerade auch schmerzhafte Begebenheiten, die mich letztlich stärker machten.

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